Ich schlafe unruhig, als mich plötzlich ein lautes, durchdringendes Geheul aus dem Schlaf reißt. Nicht nur ein Wolf – es ist ein ganzes Rudel. Die Rufe vermischen sich, heulen ineinander wie ein uraltes Lied voller Wut und Schmerz. Ich presse mein Gesicht ins Kissen, versuche es zu ignorieren, mir einzureden, dass es nur der Wind ist. Doch es ist sinnlos. Mein Herz schlägt schneller, der Klang hängt wie eine Last in der Luft. Schlaf finde ich so nicht mehr.
Also stehe ich auf.
Die Holzdielen unter meinen Füßen knarzen leise, als ich zur Tür schleiche. Draußen ist es mitten in der Nacht, aber der Mond hängt riesig am Himmel und wirft silbrige Schatten über den Waldboden. Die Sterne darüber funkeln klar, und meine Augen gewöhnen sich schnell an das Dunkel. Ein kühler Windhauch streift mein Gesicht, als ich hinaus in die Nacht trete.
Das Geheul ist jetzt leiser, weiter entfernt. Aber es ist noch da.
Ich weiß nicht, warum ich es tue. Vielleicht Neugier. Vielleicht Angst. Vielleicht etwas dazwischen. Aber ich gehe los. Ich folge dem Klang, Schritt für Schritt, tiefer in die Dunkelheit.
Das Heulen wird lauter. Näher. Mein Herz schlägt bis in die Kehle, und ich bleibe wie erstarrt stehen. Dann sehe ich ihn.
Eine Gestalt schält sich aus der Dunkelheit, zwischen den Bäumen. Groß. Mächtig. Ein Werwolf. Sein Fell wirkt grau – zumindest, was ich im schwachen Mondlicht erkennen kann. Vielleicht ist es auch nur ein dunkles Braun oder schmutziges Silber, ich weiß es nicht. Aber es spielt keine Rolle.
Denn in dem Moment erkennt er mich.
Ein tiefes, drohendes Knurren bricht aus seiner Kehle. Ich weiche einen Schritt zurück.
„Scheiße...", hauche ich kaum hörbar.
Er senkt den Kopf leicht, seine Muskeln spannen sich – ein klares Zeichen. Er will angreifen. Seine Lefzen ziehen sich zurück, scharfe Reißzähne blitzen im Mondlicht. Ich will schreien, mich umdrehen, rennen – irgendetwas. Aber meine Beine gehorchen mir nicht.
Dann stürmt er los. Direkt auf mich zu.
Ich sehe, wie er auf mich zurennt, keine Spur von Zögern in seinem Blick. Mein Atem stockt. Ich bin nicht schnell genug, nicht stark genug. Ich habe keine Chance.
Also tue ich das Einzige, was mir bleibt: Ich schließe die Augen.
Warte auf den Schmerz.
Doch stattdessen — ein Knurren. Laut. So tief, dass es durch den Boden zu vibrieren scheint. Direkt hinter mir.
Meine Augen reißen sich von selbst wieder auf. Der angreifende Werwolf hat eine Vollbremsung hingelegt, die Krallen graben sich in die Erde. Er rutscht, kommt zum Stehen – und dann geschieht etwas, das ich kaum glauben kann:
Er kniet sich nieder. Der Kopf tief gesenkt, der Körper gestrafft in einer Geste völliger Unterwerfung.
Ich drehe mich langsam um.
Hinter mir steht er.
Der schwarze Wolf.
Seine Präsenz überragt alles. Er steht ruhig da, doch jede Linie seines Körpers strahlt Macht aus. Ein einziger Blick reicht – und jeder hier weiß, wer das Sagen hat.
Er hat mich beschützt.
Er... hat mich beschützt?
Erst jetzt bemerke ich die anderen. Überall zwischen den Bäumen, in den Schatten: Weitere Wölfe. Dutzende. Lautlose Beobachter. Sie hatten sich im Wald versteckt, hatten gewartet. Vielleicht auf ein Zeichen. Vielleicht nur auf ihn.
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The Alpha
LobisomemBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
