Ich sehe ihn an. Diesmal wirklich. Nicht nur die Gestalt, nicht nur den Schatten, das Monster– ich sehe ihn.
Und plötzlich begreife ich.
Ich erkenne den Schmerz in seinen Augen, den er so lange verborgen hat. Ich erkenne das Monster, das nie wirklich eines war – nur ein Schutz, eine Hülle, die ihn bewahrt hat vor dem, was zu viel gewesen wäre.
Er war nie das, wovor ich mich fürchten sollte.
Er war nur verloren. Zerrissen. Einsam.
So wie ich.
Der Schattenwolf war sein Schild. Sein letzter Ausweg, um nicht zu zerbrechen. Und in diesem Moment – in diesem einen, stillen Moment – hat er sich mir geöffnet. Hat zugelassen, dass ich ihn sehe. Wirklich sehe.
Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viel Kraft ihn das gekostet haben muss. Wie sehr es schmerzt, sich selbst zuzulassen.
Und dann tue ich etwas, das niemand erwartet hätte. Nicht einmal ich selbst.
Ich umarme ihn.
Ich weiß nicht, ob er diese Umarmung mehr braucht oder ich. Vielleicht ist das egal.
Ich lege meine Arme um ihn, halte ihn einfach fest – und lasse den Schmerz endlich los.
Die Tränen kommen wie eine Flut. Unerbittlich, lautlos. Ich schluchze nicht, ich zerfließe. Mein Körper bebt, aber ich weiche nicht zurück. Ich halte ihn fest, als würde etwas in mir auseinanderbrechen, wenn ich es nicht tue. Vielleicht ist das sogar wahr.
Ich spüre, wie er sich versteift. Sein ganzer Körper spannt sich an, als hätte ich ihn mit etwas Heiligem berührt, das ihm nicht zusteht. Oder als hätte ich ihn an eine Zeit erinnert, in der Nähe gefährlich war.
Aber ich löse mich nicht.
Ich bleibe.
Und irgendwann – ganz langsam – verändert sich etwas.
Die Anspannung weicht. Nicht ganz, aber spürbar.
Er atmet tiefer, steht nicht mehr so steif. Er umarmt mich nicht zurück, nein – aber er lässt es zu. Er lässt mich zu.
Und das ist mehr, als ich je erwartet hätte.
Nach einer Ewigkeit, in der ich alles herauslasse – Tränen, Wut, Schmerz –, schaffe ich es schließlich, mich wieder zu fangen. Mein Atem zittert, doch ich halte mich aufrecht. Ich löse mich langsam aus der Umarmung, sehe zu ihm auf. Meine Stimme ist ruhig, aber fest. Ernst.
„Du hast recht", sage ich. „Ich werde weiterleben."
Er regt sich nicht, aber ich spüre, wie er mich beobachtet.
„Ich werde überleben – wie ich es meiner Mutter versprochen habe. Aber ich werde nicht verschwinden. Ich werde nicht einfach weglaufen."
Etwas glimmt in meiner Brust. Kein bloßes Überleben mehr – sondern Feuer.
„Ich werde meine Eltern rächen."
Meine Stimme wird schärfer, kälter.
„Der Alpha wird sterben. Für alles, was er getan hat, wird er büßen. Und ich weiß auch, wo wir anfangen."
Sein Blick verengt sich, als er die Entschlossenheit in meinen Augen erkennt.
„Mit seinem Sohn", sage ich. „Dem, den du besiegt hast. Er wird der Erste sein. Und danach holen wir uns den Alpha."
Einen Moment lang herrscht Stille zwischen uns. Dann hebt er langsam eine Augenbraue, sein Gesicht wie aus Stein.
„Es gibt kein uns", sagt er kalt. „Du solltest verschwinden. So weit weg wie möglich."
Die Weichheit von eben – der Hauch von Nähe – ist verschwunden. Seine Stimme ist hart, fast abweisend.
„Ich werde herausfinden, was der Alpha plant. Und ich werde ihn töten."
„Nein!" Meine Stimme bricht aus mir hervor, roh, heftig, voller Wucht. „Ich werde es tun!"
Er dreht sich zu mir um, doch ich gebe nicht nach. Mein Herz hämmert in meiner Brust, meine Hände zittern, aber ich gehe einen Schritt auf ihn zu.
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The Alpha
WerewolfBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
