Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand. Die Tür im Rücken, das Herz noch immer irgendwo zwischen Kehle und Magen. Er war weg. Aber das Gefühl, dass er mich innerlich aufgeschlitzt hat, blieb. Ich drehte mich langsam um – Neyla stand ein paar Schritte entfernt, den Blick gesenkt. Still. Unnahbar.
„Was war das?", wollte ich mich wiederholen. Aber ich kam nicht dazu. „Ich begleite dich zur Grenze", sagte sie nur. Ihre Stimme war kühl, wie abgeschaltet. „Ab da musst du selbst sehen, wo du bleibst." Ich wollte etwas erwidern – ein Danke, eine Erklärung, irgendwas. Aber Neyla drehte sich schon um. Ohne mich noch einmal anzusehen. Also folgte ich ihr. Wortlos. Mit dem Gefühl, dass ich zwar lebend aus der Höhle gekommen war – aber etwas in mir zurückgeblieben war.
Der Schattenwolf geht mir nicht aus dem Kopf. Aber es ist anders als beim ersten Mal. Damals war da nur Angst. Nur Dunkelheit, Kälte, Schrecken. Jetzt... ist da noch etwas anderes. Etwas, das ich nicht benennen kann. Keine Gefühle im klassischen Sinn, keine Sehnsucht, kein Wunsch – aber sein Blick. Für einen Moment sah er... verwundet aus. Verloren. Und voller Schmerz. Oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht will ich einfach etwas Gutes sehen, wo es nichts Gutes gibt. Aber trotzdem – er hat mich leben lassen. Wieder. Und ich verstehe nicht, warum.
Nach einer endlos langen Wanderung sehe ich endlich die Grenze. Vielleicht war der Weg gar nicht so weit. Vielleicht kam er mir nur so lang vor, weil jeder Schritt in meiner Seite brannte wie Feuer. Ich beiße die Zähne zusammen, halte den Blick auf den Waldrand gerichtet. Ein paar Meter noch. Dann endet das fremde Territorium. Dann bin ich wieder dort, wo ich... hingehöre. Oder es zumindest sollte. Aber irgendwie fühlt sich nichts mehr richtig an.
Als ich endlich zu Hause ankomme – ohne weitere Vorfälle, ohne Verfolger – klopfe ich erschöpft gegen die Tür. Meine Hände zittern, ich finde meinen Schlüssel nicht. Zu müde zum Suchen. Zu erschöpft zum Denken. Alles tut weh. Meine Seite brennt. Meine Füße pochen. Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei. Und mein Kopf hämmert im Takt meines eigenen Herzschlags. Am schlimmsten ist meine Kehle. Sie ist trocken wie Staub, schreit nach Wasser, nach irgendetwas. Ich lehne mich gegen den Türrahmen, lasse den Kopf sinken.
Zum Glück... hat der Alpha nicht auf mich gewartet. Nicht, um mich für das zu bestrafen, was ich seinem Sohn angetan habe. Noch nicht. Aber ich bin da. Ich bin zu Hause. Wenn mir jetzt nur jemand die Tür öffnet.
Die Tür öffnet sich ruckartig – und im nächsten Moment zieht mich jemand fest an sich. Arme, warm und vertraut. Ein Zittern, das nicht von mir kommt. Und dann höre ich es – das leise Schluchzen. „Oh mein Gott, Pia..." Ihre Stimme bricht. Meine Mutter. Sie hält mich so fest, als würde ich sonst wieder verschwinden. Und vielleicht glaubt sie das wirklich. „Warum hast du dich nicht gemeldet?", flüstert sie an meinem Ohr, während ihre Finger durch mein zerzaustes Haar fahren. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht... dein Vater hat... wir dachten schon..." Sie bricht ab, atmet tief durch – aber ich spüre die Tränen auf meiner Schulter.
Und für einen Moment, nur einen winzigen Moment, lasse ich alles los. Die Schmerzen. Die Angst. Die Schuld. Ich bin einfach nur ein Mädchen, das nach Hause gekommen ist. Auch mein Vater kommt dazu. Seine Schritte sind schwer, doch als er mich sieht, fällt jede Anspannung von ihm ab. Er sagt kein Wort, legt nur eine Hand auf meinen Rücken und zieht mich dann ebenfalls in die Arme. Ich bin eingerahmt von ihnen, von beiden – und für einen Moment fühlt es sich an wie Sicherheit.
Dann sehen sie meine Seite. Die Bewegungen, die ich vermeide. Das leise Zusammenzucken, wenn ich mich falsch drehe. „Was ist mit dir passiert?", fragt meine Mutter, entsetzt, als sie die provisorisch verbundenen Wunden sieht. Sie will sofort an mir herumzerren, die Bandage lösen, nachsehen – doch ich halte sie zurück. „Es ist schon versorgt", sage ich leise. „Ich... hab's noch mal verbinden lassen." Sie glauben mir nicht ganz, aber sie lassen mich duschen. Lassen mich kurz zur Ruhe kommen.
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The Alpha
WerewolfBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
