Kapitel 34- Nie erzählt

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Der Sturm ist längst verklungen. Nur noch ein feiner Regen rieselt vom Himmel. Ich sitze auf dem Boden, die Decke fest um mich geschlungen. Keal steht am kaputten Fenster, die Stirn gegen das kühle Holz gelehnt. Dann, ohne sich umzudrehen, sagt er: „Ich habe dir nie erzählt, was in jener Nacht wirklich passiert ist."

Ich blinzele. Mein Herz beginnt sofort schneller zu schlagen. Ich weiß genau, welche Nacht er meint. Die Nacht, in der ich ihn zum ersten Mal gesehen habe – das Monster, den Schattenwolf. Die Nacht, in der Tatia blutend im Gras lag. Die Nacht, in der meine Welt zu einem Albtraum wurde. Wo alles begann.

Langsam dreht er sich zu mir um. Sein Blick findet meinen – offen, ruhig, beinahe vorsichtig. Und doch liegt etwas Unausgesprochenes in der Luft, schwer und dicht wie die Feuchtigkeit nach dem Sturm.

Ich will nicht an diesen Tag denken. Ich will nicht daran erinnert werden, was ich alles verloren habe. Und ich will nicht daran erinnert werden, dass Keal einmal ein anderer war. Dass er mir das angetan hat.

"Ich muss nichts wissen. Egal, was du mir erzählst – es wird nichts rückgängig machen", sage ich, bitterer, als ich es beabsichtigt hatte.

Doch er widerspricht mir leise: „Du hast recht – es wird die Tatsache nicht ändern, was mit deiner Schwester geschehen ist. Aber es ist wichtig, damit du erkennst, dass hinter allem mehr steckt, als du denkst."

Er setzt sich zu mir, mit etwas Abstand, gerade so weit, dass sich unsere Körper nicht berühren. Doch er schaut mir in die Augen – und weicht nicht aus.


Keal POV: Rückblick

"Willst du mitkommen?" fragt Nayla neben mir und schaut mich an.

Ich sage nichts. Sie kennt die Antwort. Sie war immer Nein. Ich kann das nicht – nicht, obwohl so viele Jahre vergangen sind. Elijas Leiche haben wir tief unten im Höhlenkerker vergraben, damit niemand sie findet. Nicht einmal eine richtige Beerdigung hat er bekommen. Nayla hat ihn damals dort begraben und geht seither jedes Jahr dorthin, um zu trauern. Sie spricht mit ihm. Sie denkt, ich wüsste es nicht – aber ich weiß es. Es ist ihr privater, stiller Ort, den niemand betreten darf. Ich will diesen Raum nicht mit meiner Anwesenheit beschmutzen. Ich bin sein Mörder. Deshalb betrete ich ihn nicht.

Aber manchmal, wenn der Schmerz zu groß wird, lege ich mich in die absolute Dunkelheit des Kerkers, dort, wo ich früher gefoltert wurde, und versuche, den Schmerz seines Todes mit einem anderen Schmerz zu überdecken – einem tieferen, roheren. Es funktioniert nicht. Ich habe alles versucht. Selbst körperlicher Schmerz kann ihn nicht verdrängen.

Am erträglichsten sind die Momente, in denen meine menschlichen Instinkte verschwinden und nur noch mein tierisches Wesen die Kontrolle übernimmt. Das ist meine einzige Erlösung.

Ich beschließe, ein Stück zu rennen, um die menschlichen Gedanken abzuschütteln. Doch noch bevor ich richtig loslaufe, spüre ich es. Etwas hat sich verändert. Der Geruch. Die Luft. Mein gesamter Wald ist in Alarmbereitschaft.

Jemand ist eingedrungen. Fremd. Und nicht allein.

Ein tiefes Grollen entfährt mir, instinktiv. Mein Revier. Mein Schutzraum. Das Tier in mir erwacht sofort. Mein Körper spannt sich, mein Blut kocht. Wut flammt auf – reine, wilde Wut darüber, dass jemand es wagt, mein Territorium zu betreten.

Ich reiße mich vom Boden ab und renne los. Der Wald fliegt an mir vorbei, doch mein Verstand ist kaum noch menschlich. Die Erziehung meines Vaters wirkt in mir nach wie ein uralter Befehl: Töte, bevor du getötet wirst. Beschütze, was dir gehört.

Und so übernimmt der Blutdurst. Mit jeder Bewegung wächst das Verlangen, den Eindringling zu zerreißen. Keine Gnade. Kein Zögern. Nur Instinkt und das tiefe, brennende Bedürfnis, mein Revier zu verteidigen – mit allem, was ich bin.

The AlphaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt