Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Alles ist ein einziger verschwommener Strom aus Schmerz, Dunkelheit und Geräuschen, die wie durch Wasser an mein Ohr dringen. Stimmen, Schritte, Knurren. Dann wieder nichts. Mein Körper fühlt sich an wie aus Stein. Schwer. Kalt. Ich weiß nur, dass ich liege. Irgendwo. Nicht mehr auf dem Waldboden. Der Geruch ist anders. Es riecht nach Holz.
Langsam öffne ich die Augen – oder besser gesagt: ich versuche es. Ein Lid hebt sich ein wenig, Licht schmerzt. Ich blinzele gegen den Nebel in meinem Kopf an, gegen die flackernden Erinnerungen, die nicht richtig zueinander passen wollen. Ich erinnere mich an das Auto. An den Aufprall. An den Schmerz. Und dann... an meine Mutter. An ihre Wärme. An ihre Stimme, die mir sagte, ich soll mich festhalten. Und an das Letzte, was ich sah, bevor alles schwarz wurde – Fell. Braun. Blut.
Ich zucke zusammen, als mich eine Bewegung neben mir aufschreckt. Mein Herz schlägt schneller. Ich taste mit der Hand nach etwas – irgendwas, das ich greifen kann, falls ich mich verteidigen muss. Doch da ist nur... Decke? Ich bin nicht im Wald. Ich bin... irgendwo anders. Langsam richte ich mich ein Stück auf. Meine Seite brennt, aber es ist auszuhalten. Jemand hat mich verbunden. Sauber. Sorgfältig. Ich bin am Leben. Aber ich weiß nicht, wo ich bin. Und vor allem – ich weiß nicht, wer mich gerettet hat.
Langsam gelingt es mir, meine Augen zu fokussieren. Die Bilder werden klarer, die Schatten ordnen sich zu Formen. Ich sehe Holz. Überall Holz. Die Wände, die Decke, selbst der Boden – roh und alt, als wäre das hier schon vor Jahrzehnten gebaut worden. Eine kleine Hütte. Keine Fenster mit Glas, nur einfache Läden, die geschlossen sind. Kein Strom, kein modernes Licht. Es riecht nach altem Holz, nach Kräutern und Rauch. Ich bin in einer Waldhütte. Und ich bin nicht allein.
In der Ecke, nur ein paar Schritte entfernt, sitzt meine Mutter. Sie sieht erschöpft aus. Und doch... wachsam. Als hätte sie die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ihre Augen ruhen auf mir, und als sie merkt, dass ich bei Bewusstsein bin, steht sie sofort auf und kniet sich an mein Bett.
„Pia", flüstert sie, beinahe ungläubig, „du bist wach." Ich versuche etwas zu sagen, aber meine Kehle ist trocken. Sie drückt mir vorsichtig einen Becher in die Hand – warm, bitter, vermutlich irgendein Kräutertee, aber ich trinke trotzdem.
„Du warst zwei Tage bewusstlos", sagt sie leise, während sie meine Stirn berührt. „Ich dachte schon..." Ihre Stimme bricht ab, sie schluckt schwer, zwingt sich zur Ruhe. Ich will etwas sagen – sie beruhigen, ihr sagen, dass es mir gut geht. Aber das wäre gelogen. Stattdessen sehe ich sie an. „Wo sind wir?"
„In Sicherheit", antwortet sie. „Zumindest vorerst." Doch in ihrem Blick liegt etwas anderes. Etwas, das sie mir nicht sagt. Noch nicht. Und ich spüre: Der Albtraum ist nicht vorbei. Er hat sich nur verändert.
Meine Mutter sieht mich lange an. Ihre Finger umklammern die Tasse in ihrer Hand, als müsse sie sich an etwas festhalten, das nicht wegrutscht. „Du weißt, dass wir nicht mehr zurückkönnen, oder?" Ihre Stimme ist ruhig, aber fest. „Nach allem... gibt es kein Rudel mehr, zu dem wir gehören." Ich nicke langsam. Ich weiß es. Spätestens seit dem Moment, als mein Vater vor unsere Füße geworfen wurde – tot.
„Aber selbst wenn es noch möglich wäre..." Ihre Stimme wird leiser. „Ich würde nicht zurückgehen. Nicht nach dem, was er getan hat. Ich könnte ihm nicht mehr in die Augen sehen. Keinem von ihnen." Ein Knoten zieht sich in meiner Brust zusammen. Ich verstehe sie. Ich fühle es genauso. Wir sind keine Ausgestoßenen. Wir haben uns gelöst.
„Und was jetzt?" frage ich, obwohl ich die Antwort fürchte. Meine Mutter schaut zur Tür, hinaus ins diffuse Licht, das durch die schmalen Ritzen dringt. „Ich habe mit ihm gesprochen", sagt sie schließlich. Mir läuft ein Schauder über den Rücken. Ich weiß sofort, wen sie meint.
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The Alpha
Manusia SerigalaBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
