Kapitel 16- Unterwerfung

98 12 0
                                        

Einen Moment lang steht alles still. Dann bricht es aus ihr heraus. Nicht leise. Nicht zögerlich. Sondern wie eine Explosion. Ein wilder Schrei zerreißt die Luft – roh, voller Schmerz, voller Wut. Ich sehe, wie sich ihre Augen verändern, wie ihre Muskeln sich spannen. Dann reißt die Verwandlung sie mit. Ihr Körper zuckt, streckt sich – und da ist sie nicht mehr meine Mutter. Da ist ein Wolf. Groß. Mit dichtem, braunem Fell, das in der Sonne glimmt wie verbranntes Kupfer.

Einer der Männer taumelt erschrocken zurück – zu spät. Sie springt. Ihre Krallen treffen ihn mit solcher Wucht, dass er gegen die Wand kracht. Ein Aufschrei. Dann Blut. Der zweite lässt mich los, will sich wehren – aber sie ist schon bei ihm.

„Mama!", schreie ich, gefangen zwischen Angst und Hoffnung. Mein Herz hämmert, während sie kämpft. Nicht um sich. Um mich. Sie kämpft wie eine, die nichts mehr zu verlieren hat – außer ihrem Kind. Sie ist zu schnell. Viel zu schnell. Die Männer haben keine Chance, nicht einmal die Gelegenheit, sich zu verwandeln.

Ein Atemzug – und der erste liegt am Boden, die Kehle aufgerissen, Blut färbt das Holz unter ihm. Der zweite will noch reagieren, doch da ist sie schon bei ihm. Ein einziger Sprung, ein Aufprall – und auch er bleibt liegen. Der Alpha ist längst fort. Er hätte nie damit gerechnet, dass wir uns wehren. Dass eine Mutter, getrieben von Schmerz, zwei ausgebildete Männer bezwingen würde. Er hat ihre Wut unterschätzt. Ihre Liebe. Unsere Entschlossenheit.

Ich sitze noch immer auf der Stufe, während meine Mutter schwer atmend vor mir steht, blutverschmiert, zitternd. Ihr Körper dampft leicht von der Verwandlung. Sie ist wieder Mensch, hat sich hastig etwas übergezogen – eine alte Jacke aus dem Flur, notdürftig zugeknöpft.

„Los, Pia. Wir müssen weg", sagt sie mit rauer Stimme. Ich nicke – aber ich kann nicht einfach gehen. Nicht so.

„Warte", flüstere ich, dann gehe ich zurück ins Haus. Der Gestank von Blut liegt schwer in der Luft. Ich gehe direkt zu meinem Vater. Sein Körper liegt reglos da, die Haut fahl, als wäre er nur in einem tiefen Schlaf. Ich knie mich neben ihn, eine Hand auf seiner Wange, mein Blick verschwommen vor Tränen.

„Es tut mir leid", flüstere ich. „Ich wollte das alles nicht. Ich wollte dich nicht verlieren." Ich beuge mich vor, drücke meine Stirn sanft gegen seine. „Ich liebe dich. Danke... für alles."

Dann stehe ich langsam auf. Mein Blick schweift durch den Raum. Dies war unser Zuhause. Ein Ort voller Erinnerungen. Jetzt nur noch ein Tatort. Ich kann das nicht so lassen. Ich will nicht, dass jemand die Leichen findet. Nicht, dass man ihn schändet. Und für eine Beerdigung... haben wir keine Zeit mehr. Also tue ich das Einzige, was mir bleibt. Ich gehe in die Küche, suche alles Brennbare zusammen – alte Zeitungen, Kerzen, Stoffreste – und verteile es, so gut ich kann.

Mit dem Feuerzeug in der Hand zögere ich. Ein letzter Blick zurück. Dann zünde ich es an. Die Flammen fressen sich schnell durch die Räume. Holz kracht. Hitze flackert an den Wänden. Ich trete hinaus. Meine Mutter steht schon bereit. Zusammen sehen wir zu, wie unser Haus – unser altes Leben – in Flammen aufgeht. Keiner spricht ein Wort. Es gibt nichts mehr zu sagen. Wir drehen uns um, greifen nach den Taschen, die wir schon zuvor heimlich gepackt hatten – das Nötigste, nicht mehr. Ein paar Kleidungsstücke, Dokumente, etwas Geld. Fotos, die uns an das erinnern sollen, was wir jetzt verlieren.

Meine Mutter wirft die Taschen auf den Rücksitz, setzt sich ans Steuer. Ich steige daneben ein, meine Finger umklammern den Gurt, als wäre er das Einzige, das mich noch hält. Der Motor springt an. Ein dunkles Brummen in der Stille. Dann fahren wir los. Fort.

„Zu Tatja geht's in die andere Richtung", sage ich leise, als ich merke, dass meine Mutter falsch abbiegt. Sie sagt nichts. Der Wagen rollt weiter, der Wald zieht an uns vorbei.

The AlphaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt