Kapitel 22- Zwischen Feuer und Blut

121 16 1
                                        

Ich laufe auf und ab. Die Schritte in der kleinen Hütte sind kurz, schnell, nervös. Immer wieder bleibe ich stehen, blicke zur Tür, dann zum Fenster, wieder zur Tür.

Ich gehe nicht raus. Wie versprochen. Ich bleibe hier. Warte.

Doch das Warten ist Folter. Jede Sekunde zieht sich wie eine Stunde, jede Minute wie ein Tag.

Von draußen höre ich das Heulen der Wölfe. Zuerst weit entfernt. Dann näher. Ein Chor aus Stimmen, tief und wild. Ich kann nicht sagen, ob sie jubeln oder schreien.

Ich setze mich auf den Boden. Die Knie angezogen, die Arme um sie geschlungen. Aber kaum berührt mein Rücken die Wand, springe ich wieder auf. Ich halte es nicht aus.

Wo ist er? Ist er noch am Leben? Was passiert da draußen?

Ich presse die Hände an meine Ohren, versuche, die Geräusche auszublenden. Vergeblich. Das Heulen hallt in meinem Inneren nach. Die Bilder in meinem Kopf sind schlimmer als jedes Geräusch.

Bitte... lass es bald vorbei sein. Bitte, lass ihn zurückkommen.

Dann höre ich es. Schritte. Schwer. Nah. Direkt vor der Tür.

Mein Herz setzt für einen Schlag aus. Ist er das? Ist er zurück?

Ich mache einen vorsichtigen Schritt auf die Tür zu. Halte den Atem an. Ein Hauch von Hoffnung flammt in mir auf.

Und dann wird die Tür mit einem Knall aufgerissen. Holz splittert. Die Luft in der Hütte kippt.

Ich reiße die Augen auf. Mein Herz bleibt stehen.

In der Tür steht ein großer Wolf. Sein Fell schimmert golden, fast wie Licht. Aber sein Blick ist alles andere als hell.

Nur ein Auge. Ein glühender Punkt aus Hass.

Er knurrt. Tief, wütend, drohend.

Lior.

Anders, als ich es erwartet hatte, verwandelt er sich zurück. Noch in der Tür, direkt vor meinen Augen. Sein goldener Körper verschwindet, die Bestie weicht dem Mann – nackt, unverhüllt, grausam vertraut.

Sein Blick ist kalt. Sein Lächeln? Bösartig.

„Es wäre zu einfach, dich in meiner Wolfsform zu töten", zischt er. „Für das, was du mir angetan hast, wirst du leiden."

Ich sehe auf sein fehlendes Auge. Sehe, wie sich der Zorn darin brennt wie Feuer.

Ich habe ihm das genommen. Damals. Es war Glück. Nur pures, verdammtes Glück.

So viel werde ich kein zweites Mal haben – das weiß ich.

Aber ich bin auch nicht mehr das Mädchen von damals. Nicht mehr die, die schweigt, sich duckt, alles über sich ergehen lässt.

Ich spüre, wie sich etwas in mir aufrichtet. Zitternd, aber da.

„Ich hab so viel überlebt", sage ich. Meine Stimme klingt rau, aber sie hält. „Dich werde ich auch überleben."

Meine Hand greift nach der alten Öllampe. Ohne zu zögern, werfe ich sie nach ihm.

Er weicht aus. Geschickt, wie immer. Sie zerschellt an der Wand hinter ihm, zerbirst in Flammen und Öl.

Dann tritt er über die Schwelle. Langsam. Bedrohlich.

Er kommt näher.

Ich weiche zurück. Schritt für Schritt. Mein Rücken trifft auf die Wand.

Lior ist in der Hütte. Ganz nah. Sein Blick fixiert mich wie ein Raubtier seine Beute.

Das kleine Feuer beginnt sich auszubreiten. Flammen lecken über den Boden, tanzen an den Holzbalken entlang. Doch Lior beachtet es nicht. Kein Funken Furcht in seinem Blick – nur Gier und brennender Zorn.

The AlphaGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt