Kapitel 23 -Kein Ende in Sicht

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Sein Atem geht flach, aber gleichmäßig. Das Bewusstsein hat ihn verlassen, doch er lebt. Ich sitze neben ihm, mein Körper zittert noch von dem, was gerade passiert ist.

Ohne nachzudenken, ohne es wirklich zu merken, gleiten meine Finger durch sein dunkles Haar. Ich streiche es ihm aus der Stirn, ganz vorsichtig. Es ist keine Entscheidung – es geschieht einfach. Eine Geste, die aus dem Moment wächst. Aus Erschöpfung. Aus Nähe.

Sein Kopf liegt in meinem Schoß. Und obwohl alles an ihm wild, ungezähmt und gefährlich ist, wirkt er jetzt... friedlich. Fast verloren.

Ich verliere mich einen Moment in dieser Stille, in diesem brennenden Atemzug zwischen zwei Kämpfen, da höre ich plötzlich Schritte.

Ich schrecke hoch.

Nayla. In Menschengestalt, ihr Blick ernst, wachsam. Neben ihr zwei Werwölfe – groß, kräftig, fremd.

Ihre Augen gleiten über das Chaos. Sie mustert die Szene mit der Klarheit einer Kriegerin: Lior, bewusstlos, eine gebrochene Gestalt am Boden. Kael, blutverschmiert in meinem Schoß. Die brennende Hütte, deren Flammen langsam nachlassen – nicht aber der beißende Rauch.

Die beiden Wölfe sehen Nayla an. Warten. Sie gibt ihnen ein kurzes Nicken.

„Bringt ihn weg", sagt sie ruhig.

Einer der Werwölfe brummt, knurrt fast zustimmend. Dann schnappt er mit seinem Maul nach Liors Bein, packt ihn unsanft und zieht ihn über den verrußten Boden hinaus. Sein Körper hinterlässt eine blutige Spur. Ich starre ihnen nach. Spüre, wie sich mein Herz wieder in Bewegung setzt.

Nayla geht neben mir in die Hocke, will gerade helfen, Kael hochzuheben, da regt er sich plötzlich. Ein Zittern geht durch seinen Körper, seine Augen öffnen sich langsam. Noch glasig, noch schwach – aber er ist bei Bewusstsein.

„Kael?", frage ich leise.

Er antwortet nicht sofort, blinzelt nur, dann setzt er sich mit Mühe auf. Noch wackelig, aber aufrecht. Seine Wunden sind noch nicht vollständig geschlossen, doch ich sehe, wie sich Haut bereits wieder zusammenzieht. Sein Körper beginnt zu heilen. Schnell.

Nayla reicht ihm wortlos eine Hose und ein Oberteil. Er nimmt die Kleidung entgegen, sagt nichts, zieht sie mit langsamen Bewegungen an. Blut klebt an seiner Haut, verschmiert sich mit jedem Griff.

„Wo ist er?", knurrt er plötzlich und schaut sich suchend um.

„Er wird gerade weggebracht", sagt Nayla ruhig.

Sie weiß, von wem er spricht. Und er nickt nur stumm.

„Ein paar von uns sind gefallen", fährt sie dann fort, leise, fast traurig. „Aber wir haben gewonnen... wenn man das so sagen kann. Die, die überlebt haben, sind zurück in ihr Territorium gerannt. Ein paar von uns sind ihnen gefolgt. Aber nicht viele."

Kael sagt nichts dazu. Seine Augen liegen im Schatten, seine Schultern schwer vom Kampf – aber er steht. Und er lebt.

„Wir sollten euch jetzt von hier wegbringen", sagt Nayla leise. Ihr Blick wandert zur Hütte, aus der noch immer dichte Rauchschwaden steigen. „Der Rauch wird nicht weniger."

Ich nicke stumm. Der beißende Geruch liegt mir in der Kehle, jeder Atemzug kratzt. Auch Kael verzieht das Gesicht leicht, dreht sich dann aber wortlos zur Seite, als wolle er selbst beurteilen, wie schlimm es ist.

Nayla macht einen Schritt auf ihn zu, mustert ihn prüfend. „Kannst du gehen?"

„Ich brauche keine Hilfe", murmelt er, rau und erschöpft.

Trotzdem bleibt sie nah bei ihm. Und auch ich komme langsam auf die Beine. Meine Knie zittern, aber ich zwinge mich, gerade zu stehen. Ich spüre, wie sich Kaels Blick kurz zu mir wendet – nur ein Hauch von Aufmerksamkeit, ein Moment, bevor er ihn wieder abwendet. Kein Wort. Aber auch kein Rückzug.

The AlphaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt