Kapitel 18- Erinnerungen, die brennen

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Ich sitze noch immer auf dem feuchten Baumstamm, während der Morgen langsam durch die Äste sickert. Neben mir: der Schattenwolf. Regungslos. Still. Als wäre er selbst aus Stein gehauen, ein Teil dieses Waldes, nicht von dieser Welt.

Dann höre ich Schritte. Leise. Vorsichtig.

„Ich wollte nur die Verbände wechseln."

Neylas Stimme ist ruhig, aber ich höre das Zögern darin. Als ich mich umdrehe, steht sie ein paar Schritte entfernt, den Blick auf ihn gerichtet. Für einen Moment sagt sie nichts, dann huscht Verwunderung über ihr Gesicht. Doch sie bleibt gefasst.

„Ich wusste nicht, dass du bei ihr bist", sagt sie leise. „Ich wollte nicht stören."

Er rührt sich nicht. Und das scheint ihr zu genügen.

Sie sieht wieder zu mir. „Wenn du willst, kann ich später wiederkommen."

Ich schüttle den Kopf. „Nein. Es ist in Ordnung. Bleib."

Sie nickt und tritt langsam näher. Vorsichtig lässt sie sich neben mir auf den Boden sinken und beginnt, ihre Tasche zu öffnen. Kein überflüssiges Wort. Keine Panik. Nur diese seltsame Ruhe, die sich zwischen uns legt - und über allem seine stille, wachsame Präsenz.

Neyla sagt nichts, als sie nähertritt. Kein fragender Blick, kein Zögern mehr - nur leise Schritte auf dem feuchten Waldboden. Sie kniet sich wortlos neben mich, öffnet ihre Tasche und beginnt, meine Verbände zu erneuern. Ihre Bewegungen sind ruhig und präzise.

Ich zucke leicht zusammen, als das frische Tuch meine verletzte Seite berührt, aber sie arbeitet mit einer solchen Sorgfalt, dass ich mich fast schäme, den Schmerz überhaupt zu spüren.

„Tut mir leid", murmelt sie, ohne mich anzusehen.

„Schon gut", flüstere ich zurück.

Sie arbeitet einfach weiter, legt das frische Tuch an, befestigt die letzte Binde, dann verstaut sie wieder alles in ihrer Tasche. Als sie fertig ist, bleibt sie einen Moment sitzen, die Hände im Schoß, den Blick auf den Boden gerichtet.

Ich atme tief durch. „Danke", sage ich leise.

Sie sieht kurz zu mir, nickt. „Ich bring dir später noch etwas zu essen."

Dann steht Neyla auf. Staubt sich die Hände an der Hose ab und richtet den Blick auf den Wolf. Einen Moment lang sagt sie nichts. Dann, ruhig, fast tonlos:

„Was machen wir jetzt?"

Ihre Stimme trägt eine Schwere, als würde sie die Antwort längst kennen - sie will sie nur nicht aussprechen.

„So wie es aussieht, werden sie bald angreifen. Und dann werden es mehr als fünf sein."

Ich sehe zu ihr auf, doch sie richtet ihre Worte nicht an mich, sondern an ihn. Der Schattenwolf hebt den Kopf, bewegt sich nicht, aber ich spüre, dass er versteht.

„Ich weiß nicht, worauf sie warten", fährt Neyla leise fort. „Vielleicht auf einen Befehl. Vielleicht suchen sie Schwächen."

Neyla bleibt mit verschränkten Armen vor dem Wolf stehen, der noch immer schweigend neben mir sitzt. Ihre Stimme ist ruhig, aber fest, als sie sagt:

„Es wird Zeit, dein Rudel zu rufen", sagt sie.

In dem Moment hebt der Schattenwolf abrupt den Kopf, und ein tiefes, wütendes Knurren bricht aus seiner Kehle. Kein warnendes Grollen - es ist eine klare Reaktion, scharf und voller Ablehnung. Sein Fell sträubt sich leicht, sein Blick bohrt sich in Neyla, als hätte sie eine Grenze überschritten.

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