„Ich war – oder bin – der Alpha des Rudels geworden", hatte er leise gesagt. „Ich befahl, dass sie meinen Vater einsperren. Weit weg vom Wald. An einen Ort, wo er niemandem mehr etwas antun kann."
Ich saß noch immer auf der Sofakante, meine Hände umklammerten ein altes Kissen, das nach Staub und Zeit roch.
„Als ich ihn besiegt habe, ist seine Macht – und die, die er zuvor anderen Alphas geraubt hatte – auf mich übergegangen."
Ich sah ihn erstaunt an. Ich hatte nicht gewusst, dass man einem anderen Werwolf seine Macht nehmen kann.
„Am stärksten wirkt es bei Alphas", erklärte Keal ruhig. „Normale Werwölfe verlieren ihre Kraft mit dem Tod – kaum spürbar für den, der sie tötet. Aber bei Alphas ist das anders: Ihre Macht ist nicht nur größer, sie ist auch an das Rudel gebunden. Je größer und stärker das Rudel, desto mächtiger ist der Alpha. Wenn man einen Alpha tötet, nimmt man ihm nicht nur seine persönliche Kraft, sondern raubt dem gesamten Rudel einen Teil seiner Stärke."
Er sah mich ernst an. „Bei Alphas reicht es sogar, sie zu besiegen – nicht unbedingt zu töten. Ihre Macht überträgt sich auf den Sieger, weil sie nicht nur aus körperlicher Stärke besteht, sondern aus etwas Tieferem. Etwas Spirituellem. Einer Art uralter Dominanz. Doch nur wenige wissen davon – und es soll auch so bleiben. Sonst würden sich die Alphas gegenseitig jagen, nur um stärker zu werden."
Er holte tief Luft. „Ich glaube, der Alpha sucht meinen Vater, um ihm seine Macht zu stehlen. Er weiß nicht, dass ich sie inzwischen besitze. Aber ich habe ihn nicht getötet – das bedeutet, nicht seine ganze Macht ist auf mich übergegangen. Er hat immer noch einen Teil davon. Und wenn wir Pech haben... dann ist mein Vater vielleicht noch immer stark genug, um den Alpha zu töten. Und wenn das passiert, wird er mächtiger als je zuvor."
Ich runzelte die Stirn. „Aber du hast gesagt, er hätte deinen Vater schon gefunden und befreit."
Keal sah zur Seite. „Ich habe gelogen", sagte er trocken. „Ich wollte nicht, dass jemand die Wahrheit erfährt."
„Und was ist die Wahrheit?", fragte ich leise.
„Die Wahrheit ist, dass dieser Alpha wie eine Bestie durch die Lande zieht und alle tötet, um sich mehr Macht einzuverleiben. Er sucht meinen Vater. Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber ich kam jedes Mal zu spät. Ich habe nur noch die Leichen gefunden. Und ich wollte nicht, dass herauskommt, dass ein normaler Alpha sich so viel Macht aneignen konnte. Die anderen würden sich fragen, woher er sie hat – und misstrauisch werden. Also habe ich gelogen und gesagt, mein Vater sei es gewesen."
Auf eine verdrehte Weise ergab das für mich Sinn.
„Und was ist jetzt dein Plan?", fragte ich vorsichtig.
Er zögerte mit der Antwort, dann sah er mich mit einem entschlossenen, aber müden Blick an. „Ich werde das zu Ende bringen, was ich längst hätte tun sollen. Ich werde meinen Vater töten. Und danach den Alpha – bevor noch mehr Blut vergossen wird."
"Was ist mit Nayla? Ich dachte, wir suchen sie. War das auch gelogen?", fragte ich.
"Nein, das war nicht gelogen", antwortete er ruhig. "Nayla ist bei meinem Vater. Sie sorgt dafür, dass ihn niemand findet. Als der Krieg ausbrach, haben wir das so vereinbart."
"Okay", hauche ich und atme tief durch. Ich sehe Keal an. Zum ersten Mal hat er mir die Wahrheit über seine Mission gesagt. In den letzten Tagen sind wir uns emotional so viel näher gekommen, dass ich kaum Worte dafür finde. Es fühlt sich an, als würde ein anderer Mensch vor mir sitzen – oder vielleicht einfach der, der er tief in sich immer gewesen ist.
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The Alpha
WerewolfBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
