Ich habe es geschafft. Ich bin weg. Ich bin frei.
Ich habe das getan, was ich meiner Mutter versprochen habe. Ich bin von einem Krieg geflohen, der nie meiner war. Ich habe meinen Onkel Zac gesucht – und gefunden. Und jetzt lebe ich schon seit drei Monaten bei ihm.
Es ist ruhig hier. Friedlich. Keine Wolfsgeheul in der Nacht, keine Angst, kein Blutgeruch. Nur der Wind, der durch die Bäume streicht, das leise Summen der Insekten, das leise Knistern des Kaminfeuers am Abend. Ich schlafe wieder besser. Esse wieder. Lerne langsam, mich selbst wieder zu spüren.
Onkel Zac ist nicht wie die anderen. Er redet nicht viel, zwingt mir nichts auf. Aber ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann. Und er hat mir Dinge erzählt, von meiner Mutter, von früher. Dinge, die sie mir nie sagen konnte. Er hat mir auch verraten, wo sie Tatia versteckt hat – weit, weit weg von allem. In einer Klinik, spezialisiert auf Fälle wie ihren.
Ich habe sie besucht.
Sie sieht besser aus. Nicht mehr wie ein Leiche. Nicht mehr wie jemand, der zwischen Leben und Tod schwebt. Ihre Haut hat Farbe, ihre Atmung ist ruhig. Doch sie liegt immer noch im Koma. Unbeweglich. Still.
Aber zum ersten Mal seit Monaten habe ich Hoffnung.
Und doch fürchte ich mich.
Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem sie die Augen aufschlägt, mich ansieht und fragt: "Wo ist Mama? Wo ist Papa?" Und ich ihr sagen muss, dass sie nicht mehr da sind. Dass sie nie wiederkommen werden.
Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ich weiß nur, dass ich da sein werde. Für sie.
Weil ich sonst niemanden mehr habe. Und sie auch nicht.
Ich habe mir Hilfe geholt. Habe angefangen, über das zu sprechen, was war. Über das, was ich gesehen habe. Was ich verloren habe. Was ich gefühlt habe. Und langsam, ganz langsam, beginne ich zu verstehen, dass es nicht meine Schuld war. Dass ich überlebt habe – nicht, weil ich schwach bin, sondern weil ich stark genug war zu fliehen.
Zac hilft mir. Nicht nur mit Worten. Er hat mir beigebracht, wie ich mich verteidigen kann. Wie ich mich schützen kann – körperlich und innerlich. Es macht mir Angst, wie viel ich vergessen hatte. Wie klein ich mich gefühlt habe. Doch mit jeder Stunde, die ich trainiere, wächst etwas in mir zurück, das ich verloren glaubte.
Stärke. Selbstachtung. Ein winziges Stück Frieden.
.......
Es ist ein ganz normaler Abend. Die Sonne steht tief und wirft goldene Schatten durch die Bäume. Ich sitze auf der Veranda im alten Schaukelstuhl, eingehüllt in eine Decke, einen Tee in der Hand, als mein Onkel zu mir kommt.
"Darf ich mich setzen?"
"Klar", antworte ich leise.
Einige Sekunden schweigen wir. Dann spricht er, seine Stimme ungewohnt weich:
"Ich habe deine Mutter wirklich geliebt. Sie war meine Schwester – und du... du bist so wie ich. Ich bin mit Werwölfen aufgewachsen und doch ein Mensch geblieben. Früher war ich oft neidisch auf sie. Vielleicht war es deswegen so leicht, zu gehen. Einen Hass zu entwickeln."
Er schaut in den Abendhimmel, dann senkt er den Blick.
"Als meine Frau und mein Kind von Werwölfen getötet wurden, hat es mich zerfressen. Ich war voller Wut. Ich gab der ganzen Spezies die Schuld. Es war nicht rational, ich weiß. Es gibt auch gute Werwölfe – wie deine Schwester. Wie meine Schwester. Und viele andere. Aber ich war so wütend... so verletzt... dass ich nur noch schwarz und weiß gesehen habe. Nur noch Schmerz. Nur noch Schuld."
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The Alpha
Manusia SerigalaBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
