Kapitel 35- ans andere Ufer

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ch kann nichts sagen. Mein Magen zieht sich zusammen, als hätte jemand von innen nach mir gegriffen und alles verdreht. Der Gedanke, dass Lior ... dass er auf diese Weise gestorben ist ... so grausam. So kalt. Ausgerechnet durch seinen eigenen Vater!

Ich hebe den Blick, suche Keals Gesicht. Er wirkt unbewegt. Seine Augen sind dunkel, still wie ein See, der nichts von dem preisgibt, was darunter lauert. Doch ich höre es in seiner Stimme.

Diese Kälte ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist Schutz. Ein Panzer. So spricht nur jemand, der gelernt hat, nicht zu fühlen.

„Wie ...", beginne ich, doch meine Stimme bricht. Ich räuspere mich, versuche es erneut: „Wie kannst du so ruhig darüber sprechen?"

Er sieht mich an, als wolle er abwägen, ob er mir antworten soll. Dann sagt er, fast tonlos: „Weil Gefühle nutzlos sind, wenn man gelernt hat, dass sie dir nur genommen werden."

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich will ihn nicht verstehen. Ich will es nicht. Und doch ... ein Teil von mir spürt, dass seine Worte wahr sind. Dass er mehr verloren hat, als er jemals zeigen wird.

Meine Finger verkrampfen sich im Stoff der Decke. Ich will ihn anschreien. Ihn zwingen, zuzugeben, dass er genauso sehr leidet wie ich. Doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich bringe nur ein Flüstern hervor:

„Und trotzdem ... hast du mich leben lassen."

Sein Blick verengt sich kaum merklich. Seine Lippen bewegen sich, als wolle er etwas sagen – aber er schweigt. Und in diesem Schweigen liegt mehr Wahrheit, als Worte je tragen könnten.

...

„Wir sollten langsam los", sagt Keal und steht auf. Draußen ist es hell, der Regen hat aufgehört. Ich nicke nur stumm. Mir ist nicht nach Reden. Ich muss erst einmal alles verdauen, was er mir erzählt hat – besonders das mit meiner Schwester.

Selbst die Ärzte sagten damals, dass ein Alpha sie verletzt haben musste. Heißt das, der Alpha war schon einer, bevor er seinen Bruder getötet hat? Aber warum hat niemand es bemerkt? Hätte er nicht eine ähnliche Ausstrahlung gehabt wie Keal?

Mein Kopf rauscht. Immer wieder gehe ich alles durch, jeden noch so kleinen Hinweis. Aber statt Antworten bekomme ich nur Kopfschmerzen.

Schweigend laufen wir schon eine ganze Weile nebeneinander her. Keal ist in Menschengestalt, was es mir erleichtert, Schritt zu halten – auch wenn wir trotzdem ein hohes Tempo haben.

Plötzlich bleibt er abrupt stehen. Ich tue es ihm gleich und schaue in die Richtung, in die er blickt.

Ein Fluss.

Die Brücke, die früher hier war, ist beschädigt. Man sieht noch den Anfang und das Ende – aber die Mitte fehlt komplett. Es war keine hochwertige Konstruktion, nur eine einfache Holzbrücke. Naja, das war sie einmal. Jetzt ist davon kaum etwas übrig.

Der Fluss ist nicht besonders breit, vielleicht fünfzehn Meter. „Können wir nicht einfach rüberschwimmen?", frage ich.

„Nein", antwortet er sofort. „Der Fluss sieht harmlos aus, aber die Strömung ist extrem stark. Ich könnte es vielleicht schaffen, mit viel Kraftaufwand – aber du würdest mitgerissen und ertrinken."

„Was ist, wenn wir außenrum laufen?", frage ich vorsichtig. Aber auch das lehnt er ab.

„Das geht nicht. Es gibt nur den Weg durch den Fluss."

Erschöpft atme ich aus und lasse mich auf das noch leicht feuchte Gras sinken.

„Was machen wir jetzt?"

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⏰ Letzte Aktualisierung: Sep 30, 2025 ⏰

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