Mein Blick schweift immer wieder von der Person auf dem Dach zur Eingangstür der Schule. Mittlerweile stehen überall auf dem Parkplatz Schüler, deren Eltern und deren Geschwister.
Die blonden Haare der Person die auf dem Dach steht, flattern im Wind und sie wirkt angespannt. Natürlich habe ich sie sofort erkannt. Wieso sollte ich auch nicht? Auch wenn ich es dem System zu verdanken habe, sie zu kennen, ist sie trotzdem ein Teil von mir. Ich kann mir ein Leben ohne sie fast nicht mehr vorstellen.
Unser gesamtes, gemeinsames, bisheriges Leben rauscht an mir vorbei. Alle mehr oder weniger glücklichen Momente die wir gemeinsam durchlebt haben. Und endlich schaffe ich es etwas hervorzubringen, während alle anderen schockiert schweigen. "Rose!" rufe ich so laut ich kann und meine Stimme klingt fast schon heiser. Auch wenn meine beste Freundin dort oben steht und ich ihr Gesicht nicht wirklich erkennen kann, spüre ich, dass sich ihr Blick genau auf mich richtet. An ihrer Körperhaltung kann ich deutlich erkennen, dass sie das nicht tun will. Sie ist verkrampft und scheint sich strickt dagegen zu weigern vom Dach zu springen, auch wenn sie schon jetzt an der äußersten Kante steht. Hat ihr das System etwa befohlen sich umzubringen? Klar, ihren vergessenen Hausaufgaben und den schlechten Noten nach zu urteilen sollte ihr Leben nicht gerade rosig werden, aber muss es wirklich Selbstmord sein?
Ich werfe Alec einen kurzen Blick zu, ehe ich meine Beine in die Hand nehme und in die Schule renne. Mithilfe meiner Ellenbogen dränge ich mich durch die Menschenmasse zur Eingangstür, bis ich diese schließlich aufreiße und die Treppen hoch sprinte. Stufe für Stufe. Treppe für Treppe. Bis ich schließlich die letzte Treppe auf das Dach erreiche und auch diese möglichst schnell erklimme.
Rose steht auf dem Dach und dreht sich ruckartig zu mir um, als ich auf das Dach komme. "Evelyn", flüstert sie und ihre Stimme bricht. "Du musst das nicht tun", meine ich und gehe mit ausgestreckter Hand auf sie zu. "Wir kriegen das hin." Rose schüttelt nur den Kopf. Tränen rinnen ihre Wangen hinunter und ihre Augen sind leicht gerötet. "Bitte, Rose", flehe ich. Ich brauche meine beste Freundin doch. Wie soll ich sonst gegen Alec bestehen?
"Ich kann nicht", bekannte sie und schüttelte erneut ihren Kopf, sodass ihre Haare wild umher flattern. "Doch du kannst", erwidere ich im Brustton der Überzeugung. "Jeder hat eine Wahl." "Eine Wahl?" hakt sie leicht verbittert nach. Ein ungewöhnlicher Ton für sie. "Natürlich", vielleicht, vielleicht schaffe ich es ja zu ihr durchzudringen. Ihr zu verdeutlichen, dass ich sie brauche. "Du kannst das hier überleben." Aber stimmt das wirklich? Kann sie das hier überleben, wenn ihr Planer ihr dieses Schicksal vorausgesehen hat? "Überleben, ja", unterbricht Rose meine Gedanken. "Aber ist das dasselbe wie zu leben?" Ich zucke mit den Achseln. Vermutlich ist es das nicht. Vermutlich wird ihr Leben viel schlimmer werden. Sie wird sicher sterben, oder gefoltert werden wie ich. Vielleicht noch viel qualvoller und länger.
Rose' Computer piept. "Ich muss", haucht sie so leise, dass ich sie fast nicht gehört hätte. "Nein, du musst nicht, wir kriegen das gemeinsam hin", erwidere ich, obwohl ich weiß, dass es nicht stimmt. Nicht stimmen kann. "Es tut mir leid, Evelyn", flüstert sie. "Du warst immer meine beste Freundin." Nun kommen auch mir die Tränen. "Rose", erwidere ich leise. "Du wirst auch immer meine beste Freundin sein." Und dann macht Rose einen großen Schritt zurück, und fällt.
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Frag das System
Science FictionDas System sagt einem alles was man tun, denken und fühlen soll. Alles wird für zwanzig Jahre vorherbestimmt und alles läuft so ab, wie es geplant wurde. Niemand hat es bisher geschafft sich gegen das System zu stellen und es zu überleben. Doch ein...
