Ein Geräusch weckte mich.
Es war das Geräusch von einem rollenden Koffer.
Verwirrt stand ich auf und begab mich nach unten.
"Mum?"
Total verwirrt schaute ich mich um.
Fetzen vom gestrigen Tag kamen in meinen Kopf.
Oh Gott.
Was habe ich getan?
"MUM!" Voller Panik rief ich ihren Namen.
"Kathy, ich bin hier."
Es kam aus dem Eingangsbereich.
Als ich dort ankam, sah ich Dad und einen Koffer neben ihm.
"Was geht hier vor sich?"
Ich hätte mir die Anwort schon denken können. Aber ich will es nicht wahr haben.
"Deine Mum und ich haben uns dazu entschieden, dass ich für ein paar Tage im Hotel übernachte. Einfach, damit ihr beide Zeit habt darüber nachzudenken."
"Also theoretisch, wenn ich nicht von den Geräuschen aufgewacht wäre, wärst du ohne ein Wort gegangen?"
"Also..-"
"Richtig oder Falsch?"
"Richtig."
"Dann viel Spaß noch."
Ich drehte mich um und lief wieder hoch.
Er kann mich mal. Er ist zwar mein Vater, aber er hat mich in so vielerlei Hinsichten einfach nur enttäuscht.
Ich würde am liebsten weiter schlafen, aber ich kann nicht. Ich weiß einfach, dass es nichts bringen würde.
Was haben wir heute überhaupt für einen Tag?
Freitag? Samstag?
Ich ging zu meinem Handy, welches ich schon lange nicht mehr wirklich benutzt hatte und schaute auf das Datum.
Heute war Samstag.
Was soll ich jetzt genau machen?
Vielleicht lernen, immerhin stehen die Klausuren wieder vor der Tür.
Auch wenn alles gerade ziemlich den Berg ab geht und ich aber glücklicherweise kaum was von meiner Krankheit spüre, neben dem täglichen Tabletten schlucken natürlich, muss ich mich auf die Schule konzentrieren und sollte auch etwas für meine wage Zukunft tun.
Ob ich wirklich eine Zukunft habe, ist was anderes.
Also setzte ich mich ausnahmsweise motiviert an meinen Schreibtisch und klapperte alle wichtigen Fächer ab.
Englisch war ziemlich interessant und ich recherchierte für unser jetziges Thema im Internet.
Mathe hingegen war wirklich sehr schwer und ich blickte kaum noch durch.
Wer braucht sowas?
Wozu brauche ich zu wissen, wo die Asymptote zur x-Achse steht und was der Graph damit zutun hat?
Auf Youtube versuchte ich mir dann Videos an zu gucken, da das bei mir meist half.
-
Nach zwei Stunden Mathelernen, mit Pausen natürlich, die darin bestanden, mir einen Kaffee zu machen, meine Tabletten zu nehmen und Youtube zu schauen, entschied ich mich, dass es genug Lernen für heute war und machte mich auf den Weg nach unten in die Küche um etwas essbares zu finden.
Ich merkte, wie ich völlig außer Atem war, als ich unten angekommen bin, doch dachte nicht viel darüber nach.
Ich sah meine Mum, wie sie ohne Emotionen auf den ausgeschalteten Fernseher schaute und da merkte ich erst, wie allein sie doch ist.
Ihre Tochter, viel zu beschäftigt mit ihrem eigenen Leben und ihr Mann, der sie nun sozusagen verlassen hat.
"Mum? Alles okay?" Ich setzte mich zu ihr, denn bei mir meldete sich nun auch ein leichter Schwindel.
"Ja Schatz, mir geht es gut." Schlecht gelogen.
"Hm okay." Ich weiß zwar, dass sie lügt, aber gleichzeitig weiß ich auch, dass sie nicht darüber reden möchte.
Zumindest nicht jetzt.
Es wird sich schon Zeit dafür finden.
"Hast du Hunger?" fragte sie mich.
"Ja schon." Ich lehnte mich nach hinten und hielt mir kurz an den Kopf.
Ich bekam starke Kopfschmerzen.
"Dann mach ich dir mal was." Sie hatte bis jetzt nicht ein einziges Mal vom toten Fernseher weggesehen.
Mich nicht einmal angesehen.
Vielleicht gibt sie mir die Schuld.
Vielleicht denkt sie ja, dass Dad wegen mir nun endgültig weg ist.
Nicht endgültig aber vorrübergehend.
Schuldgefühle mischten sich zu meinen Kopfschmerzen und Schwindel, und mir wurde kotzübel.
Doch ich schluckte alles runter wie ein Meister und schaute nach rechts.
Mum saß nicht mehr neben mir und ich hörte, wie in der Küche irgendetwas geschnitten wurde.
Wahrscheinlich Gemüse.
"Brauchst du Hilfe?"
"Nein."
Ich hasste es, wenn es meiner Mum so schlecht ging und ich nichts tun kann.
Am liebsten würde ich unser Leben so zusammenstellen, dass wir einfach nur glücklich sind und alles Schlechte verschwindet.
Doch das kann ich nicht.
Das kann niemand.
Und ich glaube jeder zerbricht einfach daran.
Ich legte meinen Kopf in meine Hände.
Ein verzweifelter Versuch meine Gedanken zu ordnen und meine Kopfschmerzen wegzudenken.
Aber es war aussichtslos.
Plötzlich wurde alles schlimmer.
Das Atmen fiel mir schwer. Ich sah zwischendurch einfach nur schwarz und der Schwindel wurde immer größer.
"Mum!" kreischte ich und das gab mir den Rest.
-
"Danke Doktor." Ich hörte Dad's Stimme.
Träume ich?
Ist Dad nicht schon längst von zu Hause weg.
"Kathy... bitte wach auf."
Ich höre dich, wollte ich sagen, doch meine Lippen waren wie zugenäht. Mein Körper fühlte sich so schwer an und die Kopfschmerzen waren immer noch da.
Was geht hier vor sich?
Ich wollte aufstehen, mich von meinem Bett erheben, und mit meinen Eltern reden.
Ich will endlich wissen, wieso Dad da ist und wieso er 'Danke Doktor.' gesagt hat.
Ich bin einfach viel zu müde.
Erschöpft.
Was ist passiert?
Liege ich etwa im Krankenhaus?
Das letzte an was ich mich erinnere ist, dass ich aufgestanden bin und Dad heimlich abhauen wollte.
Dann, dass ich nach unten wollte, um etwas zu essen.
Bilder kamen, die Mum zeigten, wie sie im Wohnzimmer saß.
Wieso bin ich hier?
Ist irgendetwas mit mir?
Hat sich der Krebs verbreitet?
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Krebs
RandomKathy. 16 Jahre. Besonderheit: Krebs Leben: Voller Geheimnisse, Lügen, falsche Freunde...
