Der Zauber des Gemäldes
Die Sonnenstrahlen räkelten sich durch das Dachfenster und kitzelten Anisha aus ihren Träumen. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass der Wecker sich so oder so in wenigen Minuten gemeldet hätte. Also sprang sie aus dem Bett und verschwand ins Bad. Anschließend versorgte sie Purzel und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Anisha hatte immer die Angewohnheit ohne Frühstück die Wohnung zu verlassen. Auf dem Weg zu der Tierarztpraxis lag eine gute Bäckerei, hin und wieder gönnte sie sich dort ein belegtes Brötchen, wie auch an diesem Tage.
Der Tag in der Praxis war anstrengend und wollte kein Ende nehmen, aber irgendwann war die Zeit dann rum und Anisha freute sich auf ihren Nebenjob in der Galerie. Sie war viel zu früh an der Galerie und blieb im Eingangsbereich stehen, um mit Freddy ein paar Worte zu wechseln. Ein bisschen Smalltalk über das Wetter und über Umwege zu dem schaurigen Gemälde. Allerdings hatte Freddy zum dem Kunstwerk keine konkreten Informationen. Er wusste nur, wann es in diese Galerie gelangte aber über die Herkunft oder das Verschwinden von Emma konnte oder wollte er auch nichts sagen.
Die letzten Besucher verließen die Galerie. Die Öffnungszeit war vorbei, die Räume wurden kontrolliert und die großen Tore wurden verschlossen. Anisha ging ins Büro und machte sich wieder an die Arbeit.
Auch an diesem Tage war sie mit ihrer Arbeit zeitig fertig. Sie schaltete alles aus und verließ das Büro.
Mit ihrem bisschen Hintergrundwissen über Emma schaute sie sich nochmal den Text auf der Tafel an. Ihr Blick wanderte wieder zum Gemälde und verharrte dort. Sie merkte nicht einmal, dass sie langsam immer näher an das Kunstwerk herantrat. Sie war wie hypnotisiert. Ihr Blick klebte förmlich an der Lichtung, die sie auch am Vortag schon in Grübeln gebracht hatte. Anisha reckte sich immer weiter, um zu sehen was die Lichtung zum Vorschein bringen würde. Sie trat einen Schritt nach links zur Seite, der Blickwinkel änderte sich. Neben der Lichtung war ein kleiner Baumstumpf zu sehen, der ein Loch an der Unterseite offenbarte. Unter dem Baumstumpf schien ein Hohlraum zu sein, vermutlich eine Grube für Hasen oder Füchse. Anisha ging noch einen Schritt nach links zur Seite und bemerkte, dass sie sich quasi hinter dem großen, im Vordergrund stehenden Baum verstecken wollte, um nicht entdeckt zu werden. „Was soll das eigentlich? Wieso versuche ich mich zu verstecken? Was fesselt mich denn hier so?“ Während Anisha ihr merkwürdiges Verhalten in Frage stellte beobachtete sie nach wie vor den Hohlraum unter dem Baumstumpf. Sie hatte das Gefühl eine minimale Bewegung wahrgenommen zu haben und dachte, dass gleich ein Tier dort herausspringen könnte.
Plötzlich schien sie einen leichten Windhauch zu spüren. Der Duft von Moos stieg ihr wieder in die Nase. Anstatt sich zurückzuziehen und wieder zu erschrecken machte sich die Neugier breit. Anisha versuchte so nah wie nur möglich an das vermeintliche Stillleben heranzutreten. Sie stand unmittelbar davor und der im Vordergrund stehende Baum war so gut gemalt, dass die Baumrinde wie echt aussah. Um noch mehr entdecken zu können versuchte sie sich am Bild festzuhalten. Sie legte ihre Hände ganz vorsichtig und kaum spürbar an dem Gemälde im Bereich des Baumes und schreckte zurück, weil der Baum nicht nur wie echt aussah, sondern sich anfühlte wie ein echter Baum. Die Faszination über das Gefühl der Baumrinde ließ Anisha ihr Gesicht noch näher an den gemalten Baum heranführen. Der Duft von Baumrinde vermischte sich mit dem Moosgeruch. Sie betrachtete den Baum und ein Blick nach unten zeigte, dass die Wurzeln des Baumes mit Moos bedeckt waren. Ihr Blick kroch langsam den Baum hinauf und sie bemerkte erst jetzt, dass Efeuranken einen großen Teil des Baumes umhüllten. Sie hatte das Gefühl, dass sich irgendwas in dem Hohlraum unter dem Baumstumpf bewegt hatte. Sie versuchte noch näher heranzutreten.
Es knackte. Anisha hielt inne. „Was war das für ein Geräusch, wo kam das her?“ Sie drehte sich um und schaute in die dunkle, Halle der Galerie. „Alles ok – mach dich nicht verrückt!“ Sie lehnte sich noch ein Stück nach vorne und wieder knackte es. Anisha blieb wie hypnotisiert stehen und schaute nach unten. Unter ihrem Fuß zeigte sich das Geäst des Waldes. Das Knacken waren kleine Zweige auf dem Waldboden, die den Baum umragten. Etwas verwirrt drehte Anisha sich erneut um. Im Hintergrund zeigte sich nach wie vor die kleine dunkle Halle der Galerie.
Noch ein Stück vorwärts. Anisha hatte das Gefühl ein Teil des Gemäldes zu werden. Verschlungen vom düsteren Wald und die Geheimnisse die dieser Wald mit sich trug. Sie schaute zu ihren Füßen und stellte fest, dass der Boden unter ihren Füßen nicht mehr der Hallenboden der Galerie war, sondern ihre Füße tatsächlich auf dem Geäst des Waldes gebettet waren. Noch einmal versicherte sie sich mit einem Blick nach hinten – „alles gut, du bist noch in der kleinen Halle der Galerie“, auch wenn der Eindruck ein anderer war. Noch ein Schritt weiter und wieder knackte es unter ihren Füßen. Sie hatte den Eindruck, dass das Knacken sich nur lauter anhörte, weil es in der stillen kleinen Galeriehalle widerhallte. Stück für Stück tastete sie sich in den Wald hinein, immer wieder ein Blick über die Schultern, um sich zu vergewissern, dass die Halle im Hintergrund war. Langsam und unsicher ging sie auf die Lichtung zu. Sie wollte herausfinden, ob tatsächlich dort ein kleiner Hasen- oder Fuchsbau war und sie wollte wissen, ob sich wahrhaftig etwas dort bewegt haben könnte. Die Lichtung kam immer näher, der Hohlraum unter dem Loch am Baumstumpf war immer deutlicher zu erkennen als plötzlich ein Geräusch zu hören war. Erschrocken drehte Anisha sich um. Sie erstarrte vor Schreck, als sie feststellte, dass hinter ihr plötzlich nur noch Wald zu sehen war. Sie war nicht sicher, was sie nun tun sollte – weitergehen, oder umkehren. Würde sie je das Gemälde wieder verlassen können? Oder war sie hier nun gefangen? War das der Grund warum Emma verschwunden war? „Erst mal Ruhe bewahren, Anisha beruhige dich, mach dich nicht verrückt!“ Sie schaute sich um. Der Hohlraum unter dem Baumstumpf war zum Greifen nah. Allerdings war sie doch sehr unsicher, ob sie das Risiko eingehen sollte. Da – wieder ein Geräusch! Anisha versuchte die Herkunft des Geräusches herauszufiltern. War das ein Rufen? Sie trat zwei Schritte rückwärts, entfernte sich wieder vom Baumstumpf. „Anisha? Wo sind Sie denn? Ihr Büro ist verschlossen. Ich muss die Galerie abschließen!“ Oh – Freddy suchte sie. Hatte sie so viel Zeit hier verbummelt? Anisha trat zaghaft noch ein paar Schritte zurück. Sie versuchte exakt den gleichen Weg rückwärts zu gehen und hoffte den Blick in die Galerie wiederzufinden. Sie schien wieder am großen Baum angekommen zu sein. Zumindest erreichte sie einen Baum, der ebenfalls genauso die Bodenwurzeln mit Moos bedeckt hatte und ein zartes Kleid aus Efeu trug. Unsicher drehte Anisha sich um und dachte währenddessen: „Bitte lass mich die Halle wieder sehen.“ Ja, dort war die kleine Halle der Galerie. Freddy stand dort in der Halle, allerdings schien er sie nicht sehen zu können. Um keinen Ärger zu bekommen, wartete Anisha, bis Freddy die Halle verließ. Dann trat sie vorsichtig einen Schritt nach vorne und hatte tatsächlich wieder den Hallenboden unter ihren Füßen. „Oh Mist, jetzt habe ich den Boden dreckig gemacht.“ Anisha zog ihre Sneaker kurz aus uns schlug sie über einen Mülleimer, der in der Nähe des Kunstwerkes stand, aus. Dann schlüpfte sie schnell wieder in ihre Schuhe und rief nach Freddy: „Hallo Freddy, ich bin hier. Entschuldige ich habe mir einige Gemälde angeschaut und war wohl in Gedanken versunken.“ Freddy begleitete Anisha zur Eingangshalle und ließ sie raus. Danach fiel das große Tor ins Schloss und wurde verriegelt.
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Wo ist Emma?
AdventureEigentlich wollte Anisha sich in einer Bildergalerie nur ein bisschen Geld dazu verdienen, um sich ihren Traumurlaub auf die Kokos-Inseln finanzieren zu können. Als sie diesen Nebenjob annahm ahnte sie nicht wie sehr diese Entscheidung ihr Leben ver...
