Kapitel 6

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-Aves-

Panisch beobachte Aves, wie Charlie vom Boot sprang. Obwohl sie nicht daran glaubte, versuchte sie sich einzureden: Wir werden nicht sterben. Charlie ist nicht gestorben. Die, die sich noch auf dem Schiff befanden, sind auch nicht tot. Jack lebt noch.

Beim letzten Gedanken lief ihr eine Träne über die Wange. Und zum ersten Mal dachte sie nicht daran, dass so ihr perfektes Make-up dadurch verwischte. Er hatte nicht einmal gewusst, dass sie ihn liebte. Klar, Rylin wäre dann auch tot und so hatte sie ein Problem weniger. Dann gäbe es aber auch keinen Grund mehr für sie weiterzuleben.

Sie umschloss ihr Handgelenk, an dem sie das Stoffarmband trug. Wäre sie an dem Ort, an dem ihre Mutter gerade ist, besser aufgehoben? Sollte sie es Charlie gleichtun und sozusagen Selbstmord begehen?

Sie verwarf den Gedanken wieder. Sie musste überleben für ihren Vater. Was würde er denn ohne sie tun? Außerdem bestand immernoch die kleine Möglichkeit, dass Jack überlebt hatte. Schließlich dachte sie immer, dass sie beide für einander bestimmt wären. Wenn Rylin nur so eine Phase war, was sie stark hoffte, würden sie beide doch zusammenkommen, oder? Erst wenn sie sich sicher wäre, dass er nicht mehr unter ihnen wäre, würde sie sich das mit dem Selbstmord nochmal überlegen.

Während sie so in ihren Gedanken vertieft war, stritten sich die anderen. "Keiner hat ihn gezwungen zu springen",warf Ashton ein. "Oh doch, und das weißt du ganz genau!",schrie Luke ihn an. Aves hatte ihn voher noch nie schreien gehört und sie bezweifelte, dass es daran lag, dass sie kaum etwas mit ihm zu tun hatte. Es passte einfach nicht zu seiner Natur.
Luke kam Alex gefährlich nahe und drängte ihn an den Rand des Boots. "Wie wär's, wenn du Charlie hinterherspringst?" Geschockt stellte sie fest, wie einschüchternd der eigentlich schüchterne Luke sein konnte.

Aves wusste, dass sie als Streitschlichterin dazwischen gehen sollte. Aber normalerweise löste sie Konflikte zwischen Kindern in der 5. oder 6. Klasse innerhalb ihres Amtes, aber nicht zwischen gleichaltigen Erwachsenen. Außerdem glaubte sie, dass sie keine große Hilfe in ihrer jetztigen emotionalen Lage gewesen wäre.

Fast demütig wich der eigentlich mutige, vorlaute Alex zurück, bis es nicht mehr ging. Verhielt sich heute überhaupt noch jemand so, wie man es von ihm gewohnt war? Aves zwang sich den Mund aufzumachen, sie musste doch etwas tun. Schließlich konnte sie doch nicht zulassen, dass einer ihrer Freunde, dazu noch der feste Freund von Alessia, einfach so vom Rettungsboot gedrängt wird. Doch wie sie es befürchtet hatte, kam kein Ton heraus.

Zum Glück erledigte das jemand anderes für sie. "Aufhören!",rief Camberlynne. Luke sah sie böse an, wollte gerade etwas sagen, als sie noch hinzufügte:"So bist du doch gar nicht. Es bringt auch keinem was, wenn noch jemand über Bord geht. Wie wär's wenn wir uns alle erstmal schlafen legen, den Alkohol abbauen und morgen früh weiter schauen?"

Luke entspannte sich wieder und einige murmelten zustimmende Kommentare, die anderen stimmten stillschweigend zu. Man versuchte sich irgendwie hinzulegen, ohne jemand anderem Platz wegzunehmen, was diesem kleinen Boot alles andere als einfach war. Wer genug intus hatte, schlief auch bald ein. Jedoch nicht Aves. Sie war immernoch komplett nüchtern, obwohl sie jetzt schon gerne etwas zum Schmerzbetäuben gehabt hätte.

Ihr war klar, dass sie versagt hatte. Nicht nur in Jacks Augen, sondern auch für ihre ehemaligen Mitschüler. Sie war selbstsüchtiger Weise die Erste im einzigem Rettungsboot, sie hatte Panik verbreitet, sie versagte in ihrem Streitschlichteramt und sie hatte heute überhaupt nicht gute Laune verbreitet, wie sie es normalerweise getan hätte. Ja, vielleicht waren heute alle nicht sie selbst. Aber es passierte ja nicht alle Tage, dass man mitten auf dem Meer strandete und nicht wusste, was man tun sollte.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie ihr Handgelenk so fest umschlossen hatte, dass sie sich das Blut abgeschnürt hatte. Während langsam das Gefühl in ihre Hand zurückkehrte, überlegte sie, was ihre Mutter wohl momentan von ihr halten würde. Natürlich war sie noch nie wirklich sauer gewesen auf Aves, trotzdem hätte sie sie es spüren lassen, dass sie ein wenig enttäuscht von ihr war und wusste, dass sie es eigentlich besser konnte.

An ihrem Sterbebett hatte sie ihr gesagt, als Aves gerade in Tränen ausgebrochen war:"Weine nicht, mein Schatz. Du bist stark, das weißt du, oder? Ich bin so stolz auf dich. Du bist so wunderschön und klug. Ich werde immer bei dir sein." Dann fing sie an heftig zu husten. "Bleib stark",brachte sie noch heraus, aber hörte nicht auf zu husten. Ihr Vater war daraufhin ins Zimmer gekommen und hatte sie aus dem Zimmer geschickt.

Es waren die letzten Sätze, die sie von ihrer Mutter gehört hatte. Diese beiden letzten Worte 'bleib stark' konnte sie nicht erfüllen. Denn ihr Inneres war daraufhin nichts anderes als ein Wrack gewesen. Natürlich versuchte sie sich von außen nichts anmerken zu lassen, aber sobald etwas nicht so lief, wie sie es wollte, zeigte sie anderen ihre kaputte Seite. Deswegen wollte sie auch so lange nicht mit Jack reden. Sie hatte Angst, dass ihre Beziehung ganz zerstört werden würde. Weil ihre Liebe zu Jack alles war, was ihr geblieben war, wusste sie nicht, was sie tun würde, wenn er wirklich tot war. Andererseits würde sie auch nicht wissen, was sie tun würde, wenn er noch lebte.

Mit diesem Gedanken, dass sie in einer emotionalen Zwickmühle steckte, fiel Aves in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.

Far away #wingaward2019 #TheIndividuals2019 #ColourAward18 #RainbowAward2019Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt