-Aves-
Inzwischen hatte sich der Regen gelegt, deswegen begaben sich ein paar der ehemaligen Schüler zurück aufs Deck, darunter Aves. Und wo ihr Blick hinfiel, war wohl keine Überraschung mehr. Sie war sich sicher, dass Jack sich irgendwo auf diesem Meer aufhalten würde und sie suchen würde. Er würde sie finden, davon war sie zutiefst überzeugt.
Aber als sie da so stand, aufs Meer gestarrt hatte, die Arme auf die Brüstung des Schiffs gelegt hatte, weit weg von allen anderen gestanden hatte, allein in ihre Gedanken vertieft war, erinnerte sie sich auf einmal an Rylin. Hatte sie nicht genauso vor - wie viele Tage war das jetzt her? Drei? Nein, vor weniger als zwei Tagen - am Geländer des Kreuzfahrtschiffes gestanden und in den Nachthimmel gestarrt, bevor Jack mit ihr geredet hatte?
Schnell vertrieb sie den Gedanken an Rylin. Sie war nichts anderes als ein notwendiges Übel, welches es loszuwerden galt. Doch sie würde dafür einen Weg finden. Und schon bald würde Jack nur ihr gehören.
Also lenkte sie lieber ihre Gedanken in eine andere Richtung. Ihr Vater. Er würde sich bestimmt riesig freuen, wenn sie zurückkommt. Er hat sich bestimmt große Sorgen gemacht, als sie nicht gestern nicht wieder nach Hause gekommen ist. Hoffentlich ahnte er, dass Aves am Leben und unverletzt war. Wenn sie wieder bei ihm ist, würde sie mehr Zeit mit ihm verbringen, um den Schock wieder gutzumachen. Das heißt, falls sie zurückkommt. Also, falls Jack es schafft, sie zu finden. Falls er nicht gerade zu abgelenkt von Rylin war, weil sie sich wieder küssten...
Ihre Gedanken drehten sich wohl im Kreis. Deswegen hörte sie auf zu versuchen, an etwas anderes zu denken und konzentierte sich darauf, gar nicht mehr nachzudenken. Stattdessen schaute sie weiter aufs Meer.
Plötzlich hörte sie ein Gespräch neben sich. Unauffällig drehte sie den Kopf und entdeckte an einem Ende des Schiffes Ashton und Matthew nebeneinander sitzen. Ashton hielt natürlich in seiner Hand wieder seine Drogen und Matthew, Jacks bester Freund, nahm gerade einen Schluck aus der Flasche Wodka, die er sich aus der einen Tonne geholt hatte.
"Warum nimmst du das Zeug eigentlich?",fragte Matthew, nachdem er die Flasche wieder abgesetzt hatte.
Nach einer kurzen Pause, antwortete Ashton: "Du kennst mich doch. Die nehm' ich schon seit Jahren und dich hat's noch nie gestört."
"Klar, aber rechtfertigt es das?",hakte Matthew weiter nach.
"Na und? Drogen sind auch nicht schlimmer als Alkohol. Und du scheinst selbst nach einer Woche voller Alkohol noch nicht genug davon zu haben."
"Immerhin hab' ich einen Grund zu trinken und mein Leben wegzuwerfen."
Demonstrativ nahm Matthew noch einen Schluck. Aves war gar nicht aufgefallen, dass er so viel trank, obwohl sie schon so lange befreundet waren. Klar, auf Partys trank er schon mal etwas mehr, aber wer tat das nicht? Außerdem fiel Aves auch kein Grund für sein Verhalten ein. So viel zur Freundschaft. Was nützte sie einem, wenn man nichts über den anderen wusste? Natürlich hatte sie auch Geheimnisse, wie die Liebe zu Jack, aber was hatte der sonst so offene und lockere Matthew zu verbergen?
"Was ist los, Matt?",stellte Ashton die Frage, die Aves ihm jetzt auch gerne gestellt hätte. Zum ersten Mal hatte Aves eine ernste Mimik auf seinem Gesicht gesehen.
"Ich wollte es eigentlich niemanden sagen",meinte Matthew und stellte die Flasche ab. "Aber angesichts der Tatsache, dass wir wahrscheinlich hier alle draufgehen werden, bringt es mir auch nichts, das Geheimnis mit ins Grab zu nehmen."
Aves wendete den Blick ab. Es sollte nicht auffallen, dass sie lauschte. Sie wollte es auch eigentlich nicht, schließlich würde sie auch nicht wollen, dass man ihre Geheimnisse mithörte, jedoch war die Neugier stärker als das schlechte Gewissen.
Matthew fuhr fort: "Ich bin krank. In meiner Bauchspeicheldrüse befindet sich ein Tumor. Eigentlich wurde es mir verboten, Alkohol zu trinken."
Das musste Aves erstmal sacken lassen. Einer ihrer Freunde hatte Krebs und sie hatte keine Ahnung.
Man sah Ashton an, dass er auch nicht wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte.
Deswegen schaute er nur in die Ferne. "Wie lange hast du noch?" Er war zwar nicht Matthews bester Freund, aber natürlich hatten sie sehr viel Zeit miteinander verbracht, weil Ashton oft mit der Clique abgehangen hatte. Er war ihm ganz sicher nicht egal.
"Tja, inzwischen ist die Diagnose von zwei Monaten drei Monate her." Er lachte unsicher.
Und auf einmal fühlte sich Aves schuldig. Sie war nicht schuld an Matthews Krankheit, das warf sie sich auch nicht vor, jedoch musste sie daran denken, wie sie im Meer tauchte und entschieden hatte, nicht mehr aufzutauchen. Sie wollte ihr Leben einfach so wegwerfen. Sie hatte diese Wahl getroffen und dabei gar nicht daran gedacht, dass Leute wie Matthew von vornerein nicht eine Wahl haben.
"Aber hier geht es doch eigentlich um dich, also was ist dein Grund?",lenkte Matthew von sich ab.
"Na ja, ich hab' keinen wirklichen Grund",meinte Ashton und zuckte mit den Schultern. "Bei mir war's der klassische schlechte Einfluss. Heutzutage häng' ich nicht mehr mit denen ab, aber von den Drogen komm' ich nicht mehr weg. Sie machen mich glücklich und das Leben erträglicher. Außerdem bin ich nicht mehr schüchtern, also was ist denn schlecht daran?" Auf einmal fühlte sich Ashton scheinbar angegriffen und man konnte erkennen, dass er das Gespräch bald abbrechen würde.
"Du glaubst also wirklich, dass nicht ohne sie kannst, was? Dann beweise es." Kurz war Ashton verwirrt, diesen Augenblick nutzte Matthew und griff nach dem Tütchen Drogen, die er kurzerhand in einem weitem Bogen über Bord warf. Einige zehn Meter entfernt und kam es auf der Wasseroberfläche auf.
"Wie kannst du nur...",beschuldigte Ashton ihn, doch sprang dann auch schon den Drogen hinterher.
Aves nutzte die Gelegenheit und ging zu dem jetzt alleinestehenden Matthew.
"Sorry, ich hab gelauscht. Mein Beileid",entschuldigte sie sich.
"Schon okay, ich hätte es dir wahrscheinlich eh noch gesagt." Matthew winkte ab. 'Bevor oder nach deinem baldigen Tod?',schoss Aves die Frage durch den Kopf, hielt sie dann aber für unangebracht. Schnell, Themawechsel, bevor die Stimmung noch schlechter wurde. "Vermisst du auch Jack?"
"Naja, er ist mein bester Freund, deswegen natürlich",antwortete er, während er auf den schwimmenden Ashton schaute. "Jedoch glaube ich, dass du nicht dein ganzes Leben auf die Liebe mit Jack bauen solltest."
Was? Woher wusste er das? War es so offensichtlich? Vielleicht kannte Matthew sie einfach zu gut. "Warum nicht?",fragte sie mit einer leichten Rötung im Gesicht.
"Ich meine, ich kann dir nicht vorschreiben, was du machst, aber sieh das einfach als freundschaftlichen Rat: So etwas endet nie gut, wenn der eine mehr will als der andere. Wie könntest du denn Jack lieben, wenn du von ihm abhängig bist? Bevor du jemanden lieben kannst, musst du dich erstmal selbst lieben und akzeptieren."
Dass Matthew, der immer nett zu ihr gewesen war, ihr so etwas ins Gesicht sagte, hatte sie schockiert. Aber noch schockierender war, dass er recht hatte. Aves hatte die Lage noch nie so betrachtet, deswegen müsste sie zunächst wieder ihre Gedanken ordnen.
"Ja, wenn ich mehr Zeit hätte, wäre ich gerne Psychologe geworden",meinte Matthew, sie hörte ihm jedoch nur halbherzig zu, viel zu sehr war sie mit ihren Gedanken beschäftigt.
"Aves, was ist das da vorne?!",rief er plötzlich und zeigte in die Luft. Als sie aufblickte, traute sie ihren Augen kaum.
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Far away #wingaward2019 #TheIndividuals2019 #ColourAward18 #RainbowAward2019
TeenfikceEs sollte ein wunderschöner und unvergesslicher Abschluss einer langen Reise werden. Zur Feier ihres geschafften Schulabschlusses machte die gesamte Stufe einen Ausflug aufs offene Meer. Am letzten Abend der Kreuzfahrt wollte Aves sich endlich trau...
