3: Das kleinere Übel

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Das Schwert des Fremden verfehlte mich. Stattdessen streiften mich die langen Schwungfedern der Griva, die ihre Flügel um ihn legte, als wolle sie ihn darin einschließen. Er stutzte, grummelte etwas und brach durch die langen Schwungfedern hindurch.

„Ich habe wenig Geduld mit vermeintlichen Adelstöchtern und ihren Untergebenen, egal wer von euch beiden welche ist", bellte der Mann und schwang seine Klinge. Sie sauste nieder, genau zwischen meine Beine.

Elenor packte meine Hand. Ich hatte sie zwar vor einem Schwerthieb gerettet, frage sich nur für, wie viele weitere folgen würden.

Der Mann drehte uns den Rücken zu und streichelte die Schnauze seiner knurrenden Griva. „Was liegt dir an dieser Frau? Warum hältst du mich zurück?", fragte er die Kreatur, die ihre Stirn surrend gegen seine drückte.

Ihr Band war stark. Stärker als das, das Elenor mit Nattfari verband. Kein Wunder also, dass er uns nicht zur Hilfe kam und dennoch starrte ich in den Himmel. Es klebten nur Aschewolken an dem blauen Band, das sich über die brennende Erde spannte. Keine Griva in Sicht, jedenfalls keine, die ich unseren Windreitern zuordnen konnte. Mein Herz verkrampfte sich in meiner Brust, sodass sich meine Haut darüber spannte.

„Mein Herr, es reicht gewiss, wenn Ihr die junge Herrin Dorenis tötet. Birla wird Euch gehören, da bin ich mir sicher", plärrte Elenor und robbte auf allen Vieren nach vorn. Aufmerksam beäugte sie sein Schwert und würde mich wirklich an den Fremden ausliefern, um ihr eigenes Hinterteil zu retten. Sie war erst sechszehn, ein Jahr jünger als ich und doppelt so durchtrieben, sobald es für sie keinen anderen Ausweg gab.

„Ich bin nicht dein Herr." Mit Schwung zog er sein Schwert aus dem Dreck und ließ es in der Scheide auf seinem Rücken verschwinden. „Zudem habe ich Birla bereits erobert oder siehst du hier noch einen einzigen eurer Soldaten, der aufbegehrt oder sich gegen mich stellen will?"

Zögernd ließ Elenor den Blick schweifen, keuchte beim Anblick der Toten und der wütenden Flammen auf. Doch die Feuer legten sich allmählich. Die Fremden suchten keine Zerstörung, sondern forderten eine Stadt, die ihnen nicht gehörte, mit allen erdenklichen Mitteln ein. Und eines dieser Mittel war pure Gewalt.

Die Worte der jungen Herrin, ihre Lügen und ihre Versuche, mich ans Messer auszuliefern, scheiterten an der kalten Gleichgültigkeit dieses Mannes. Ich dachte an meine Eltern, an die Morgenstunden, in denen ich ihnen beim Brotbacken und beim Verzieren kleiner Törtchen geholfen hatte, ehe ich mich in den Wald verzog und meine Finger in die kleinen Pflanzen steckte. Ich dachte daran, wie ich auf Bäume kletterte, mich in die obersten Äste setzte und vergaß, dass mich ein Fall aus der Blätterkrone hätte töten können. Die Gesichter meiner Eltern tauchten vor mir auf. Ich würde sie nie wiedersehen. Nie wieder ihre Stimmen hören und niemals in den Armen meiner Mutter einschlafen oder den sachten Klaps meines Vaters spüren, wenn er mich ermunterte, meinen eigenen Weg zu gehen. Dieser Weg sollte mich offenbar in den Tod führen und das obgleich ich nicht falsch abgebogen, sondern auf den falschen Pfad getreten worden war.

„Was sind Eure letzten Worte, Elenor Dorenis?", wollte der Fremde wissen und deutete mit dem Kinn auf mich. Beiläufig musterte er mich, jedoch mit dem erfahrenen Blick eines Kämpfers. Seine Augen huschten über meine Hände, die von der harten Arbeit in den Gärten und den widerspenstigen Dornen einiger Pflanzen gezeichnet waren. Ob er Elenors Lüge entlarvt hatte?

In seiner Bewegung lag etwas Erhabenes und die Art, wie er sich durch die schwarzen Haare fuhr, die ihm bis auf die Schultern fielen, besaß etwas Berechnendes. Sein starrer Blick traf mich und ich verschluckte mich an dem gedachten Wort: Zorn. Eine zornige Wut brannte in ihm und seine Hand wanderte instinktiv ans Heft seines Schwertes. Dann entschied er sich anders, ging vor mir in die Hocke und umfasste meinen Hals.

Griva - Die WindreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt