6: Mordlust

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Die dunkle Zeltdecke verbarg mich vor dem Himmel, aber nicht vor ihrem Starren. Ich stand hier, genau in ihrer Mitte, wo die Einsamkeit mir auf den Magen schlug. Ein Schlag, der mir den Atem nahm und mir das Gefühl gab, im freien Fall zu sein.

Ich schaute vom Boden auf, wollte etwas anderes als den Feind in ihnen erkennen. Sie wirkten nicht so viel anders als die Soldaten Birlas. Menschen blieben Menschen, egal wo sie geboren und aufgewachsen waren. Das Wie dahinter – ihre Vergangenheit – entschied, was aus ihnen wurde.

Dennoch konnte mein Optimismus ihnen ihre Zweifel, das Misstrauen und die Wut nicht absprechen. Für sie war ich der Feind, den sie lieber tot sähen als in ihrem Kriegsrat. Ich verstand sie. Auch ich wäre lieber an einem anderen Ort und zweifelte daran, dass wir kooperieren könnten.

„Laris, wieso ist das Mädchen hier?", blaffte ein Mann um die 30 Jahre und legte seine Hand auf das Schwertheft. „Das ist die, die du aus Birla entführt hast oder liege ich da falsch?"

„Ja, das ist sie und deswegen ist sie auch hier."

Seine kurze Antwort schien niemandem zu gefallen und erst recht nicht auszureichen. Gemurmel wuchs zu einer lautstarken Diskussion an. Die einzelnen Worte, die ich aufschnappte, kündigten meine Hinrichtung an.

„Wir können sie den Griva zum Fraß vorwerfen. Dann hätte sie noch einen Nutzen für uns!", schlug einer vor.

„Die Griva werden sie nicht anrühren." Laris senkte die Stimme und doch schauten ihn alle mit einem Mal an.

„Die Königin hat das Mädchen in ihr sonst so kaltes Herz geschlossen", scherzte Mikael und klopfte mir auf den Rücken. Ich fiel nach vorne, konnte mich im letzten Moment am Tisch abfangen. Laris funkelte ihn an, gab ihm eine stumme Warnung. „Laris, es braucht schon eine kaputte Seele und einen verwirrten Geist, um das hier tun zu wollen. Sie wird uns keine Hilfe sein."

„Du bist zu gütig, aber dein Kompliment nehme ich gerne an." Der Mann knüpfte seine Lederweste auf und entblößte die beiden Dolche, die er am Körper trug. Gemächlich wanderte er die Männer und die Frau ab, die zu seinen Beratern gehörten. Alle schwiegen, wagten nicht, ihm in die Augen zu sehen, während er sich beiläufig die Haare im Nacken zusammenknotete.

Ich klammerte mich an die Tischkante. Das Holz bat mir halt, würde mir aber kaum das Leben retten. Es war fast unmöglich, mich zu bewegen. Die Luft lag schwer auf mir. Denk nach. Denk nach, verdammt!

„Du willst, dass sie ihr eigenes Land verrät und willst außerdem, dass wir einer Verräterin vertrauen? Was kann sie schon wissen? Sie hatte sicher nichts mit den Ratsmännern oder dem Adel Birlas zu schaffen. Sie ist ein einfaches Mädchen mit einfachen Gedanken und einfachem Wissen", erhob die Frau das Wort. „Ich bitte dich, Laris. Mikael hat recht, das kannst du nicht ernst meinen. Das ist Wahnsinn! Sie wird uns nicht helfen."

„Ita, du solltest mich besser kennen." Er machte einen großen Schritt auf sie zu. Sie ging rückwärts und drückte den Stoff der Zeltwand ein. „Ich trage meinen Wahnsinn offen mit mir herum, also gib mir nicht die Schuld an deiner Blindheit und deinem Unwissen. Du kannst gehen, wenn du willst. Oder du bleibst, wie die anderen auch."

Seine Ansprache zeigte Wirkung, auch wenn sie darin bestand, seinen Leuten Angst zu machen. Niemand verließ das Zelt oder widersprach ihm. Ita machte einen Schritt zur Seite und drängte sich zwischen zwei großgewachsene Männer, die die Arme vor der Brust verschränkten.

„Die Entscheidung, ob sie eine Verräterin sein möchte oder nicht, liegt ohnehin bei ihr."

Laris Grinsen bereitete mir Sorgen. Meine Furcht schien ihm zu gefallen. Instinktiv presste ich die Arme an meinen Körper. Er nährte sich regelrecht an der Angst, die er in den Menschen auslöste. Angst und Unterdrückung zeichneten seine Sprache aus. Er war wie ein schöner Abgrund – ein falscher Schritt und er verschlang jeden in seiner Finsternis. Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus, riss meine Mundwinkel Richtung Boden.

Griva - Die WindreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt