14: Wahnsinniger Entschluss

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Auf dem Marktplatz in Birla hatte uns Kindern vor einigen Jahren eine alte Frau, die in den Bergwerken im Osten gearbeitet hatte, erzählt, wie Menschen ihren Verstand verlieren. Sie sagte, es sei ein schleichender Prozess. Der menschliche Verstand sei komplex und jedes Zahnrad darin hätte seine Aufgabe zu erfüllen. Stockte ein Rädchen, passierte nichts. Stoppten zwei, spürte die Person keine Veränderung. Versagten jedoch mehrere Räder ihren Dienst, verlor der Verstand seine Funktion und der Mensch verlor die Kontrolle über sich selbst.

Bisher hatte ich diese Erklärung nicht verstanden. Heute standen anscheinend all die Zahnräder in meinem Kopf still, denn das Denken fiel mir schwer und falls ich einen Gedanken hatte, kam mir dieser verrückt vor. Konnte ich überhaupt noch einschätzen, welcher Gedanke verrückt und welcher sinnvoll war?

„Dieser Mistkerl", murrte ich und ruckte an den Fesseln, die sich auch am dritten Morgen meiner Gefangenschaft nicht lösten. Die Wände schienen näher zu kommen.

Keine Ahnung, was im Lager passierte. Ich hörte die anderen kaum sprechen, einzig ihre schweren Schritte, wenn sie an den Zeltwänden vorbei huschten. Selbst die Griva blieben ruhig, ruhiger als ich es von ihnen gewöhnt war. Die Griva des Windreiterheers der Dorenis erzeugten immer irgendwelche Geräusche, egal wie nervös oder vielleicht gerade weil sie nervös waren.

Die Stille dröhnte mir in den Ohren und die Ruhe zerdrückte mein Herz. Ich wollte nicht hier festsitzen und nichts unternehmen. Hatte Laris sich beruhigt? War er wieder bei Sinnen und ließ mit sich reden? Oder richtete er die Verdächtigen hin?

Ich streckte die zusammengeklumpten Beine aus und reckte meinen Hals, bis die Wirbel knirschten. Mein Hinterteil schmerzte, musste von dem langen Sitzen ganz platt gedrückt sein und meine Augen brannten von der schwülen Luft im Zelt.

Eventuell war das alles meine Schuld. Sollte die Goldkette Elenor gehören und sie auf irgendeinem Weg in den Süden geflohen sein, nur um sich dort mit dem Herrscher gegen den Norden zu verbünden, weil ich ihr Leben gerettet hatte, dann war das alles meine Schuld. Sollte ich ihre Rettung bereuen, da sie mir jetzt als bittere Konsequenz vor die Füße fiel und mein neues Leben zerschmetterte? Ich ballte die Hände zu Fäusten und hörte die Seile knatschen.

Nein, so negativ durfte ich nicht denken. Elenors Rettung hatte mich hierher gebracht und solange ich einigermaßen klar denken konnte und atmete, war ich in der Lage, etwas an dieser misslichen Lage zu ändern. Vermutlich dramatisierte ich das Ganze einfach. Wahrscheinlicher war es, dass Elenor ihre Kette verkauft hatte, um Geld für die Flucht zu sammeln.

Die Zeltöffnung schwang auf und orangene Morgenröte flutete den graubraunen Boden. Darüber schritt Mikael, der eine Kelle mit frischem Wasser und etwas Trockenfleisch bei sich trug. Er war der Einzige, der mich mit Nahrung versorgte und manchmal ein paar Worte mit mir wechselte. Alle anderen mieden dieses Zelt oder durften es nicht betreten, was mich einerseits beruhigte, andererseits verunsicherte. Bestand die Gefahr, dass sich der Verräter Lager herumtrieb, immer noch?

„Wie geht es dir?", erkundigte sich Mikael und setzte die kalte Kelle an meinen Lippen an. Gierig trank ich zwei große Schlucke.

„Wunderbar."

Er lachte traurig und riss mir ein Stück Fleisch ab, das ich lange kauen musste, um die trockenen, faserigen Teile zu zerkleinern. Ich zog den Kopf ein, als er über mich griff und die Fesseln prüfte. „Deine Handgelenke sind rot", merkte er an und ich spürte seine Finger auf der Haut. „Du solltest aufhören, an den Seilen zu zerren. Die werden sich nicht lösen."

„Und ich werde nicht aufgeben."

Laris zorniger Blick kam mir in den Sinn und mein Mut drohte zu zerplatzen. Er hatte mich hier eingesperrt, um mich zu schützen, aber diesen dämlichen Schutz brauchte ich nicht! Ich schluckte. Doch, genau diesen Schutz brauchte ich, weil ich mit Mühe und Not gerade einmal einen Baum mit einem Pfeil erschießen konnte.

Griva - Die WindreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt