19: Mutige Forderungen

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Würde mich mein Ehrgeiz ins Grab bringen? Laris Verlust quälte nicht nur mich. Mikael wusste nicht, was er mit sich und den Überbleibseln ihrer Truppe anfangen sollte. Er war kein Anführer und wollte auch keiner sein. Seine Unentschlossenheit konnte ihm niemand nehmen, aber ich konnte ihm eine Aufgabe geben, die uns beide voranbrachte.

„Trainier mich", forderte ich zum hundertsten Mal an diesem Tag. Wir halfen auf dem Hof, der Itas Großeltern gehörte, doch die Rastlosigkeit brannte in meinem Magen. Bewohner, die uns passierten, sahen uns eine Weile bei der Arbeit zu, hörten sich neugierig mein in ihren Augen sicher ungerechtfertigtes Flehen an. „Mikael, bitte. Wir müssen ..."

Er streckte mir seine offene Hand entgegen und schüttelte den Kopf.

Ich liebte die Welt, in der ich lebte, aber ich hasste es, wie sie mich fühlen ließ. Wieso konnte ich der Vernunft nicht nachgeben und Laris Rettung vergessen? Wieso zwang ich mich, einen Weg einzuschlagen, der mich wahrscheinlich umbringen würde? Allmählich konnte nicht einmal ich selbst benennen, was ich wollte und wer ich war. Ich wollte kämpfen, selbst wenn ich niemals kämpfen wollte. Kriege, Schlachten und Kämpfe gehörten nicht in mein Leben, aber ich ließ sie hinein, um jemand anderem zu helfen.

„Je länger wir warten, desto mehr Zeit geben wir ihnen, Laris zu quälen oder ..."

„Caja, bitte, vergiss deine Wunde nicht." Der junge Mann lehnte die Schaufel an den Gartenzaun und rieb sich die Stirn, hinterließ einen braunen Streifen auf seiner Haut. „Alles zu seiner Zeit."

Zu meinem Staunen holte er einen Bogen und seine Köcher mit Pfeilen.

Es fühlte sich noch immer befremdlich an, die Sehne des Bogens zu spannen und einen Pfeil auf das Ziel sausen zu lassen. Mit Pfeil und Bogen konnte ich einen Menschen töten – letztlich war das Sinn und Zweck dieses Trainings und ich hatte diese Gefahr bereits selbst geschmeckt. Eisen breitete sich auf meiner Zunge aus, während meine linke Schulter schmerzte. Die Schusswunde des Pfeils eines Soldaten Operras brannte, verwuchs sich jedoch und würde bald nicht mehr als ein heller Knubbel sein.

Meine Mutter hatte mir erzählt, dass Menschen erst am Boden ankommen müssen, um verstehen zu können, welche Handlungen sie erblühen lassen. Mit Pfeil und Bogen in den Händen und dem Wissen, dass ich töten müsste, um andere zu retten, hatte ich meinen tiefsten Punkt erreicht.

Ich fühlte mich schlecht. Die Abläufe beim Schießen fielen mir schwer, schwerer als jemals zuvor. Meine Arme glichen Eisenstangen, unbeweglich und bleiern. Mein linker Arm tat sich schwer, den Bogen gerade zu halten. Meinen Fingern in der rechten Hand fehlte die Kraft, den Pfeil zu fixieren und die Sehne ausreichend zu spannen. Abermals verfehlte ich mein Ziel.

„Wenn du ein regloses Ziel im Stand nicht treffen kannst, dann weiß ich nicht, wie ich aus dir eine Kämpferin, geschweige denn eine Windreiterin machen soll." Mikael korrigierte meine Haltung. „Ein Langschwert wäre auf einem Griva sowieso effektiver, aber ich befürchte, damit kämst du noch schlechter zurecht." Er drückte meinen Arm durch und richtete mich aus. „Noch mal."

Der Pfeil zerschnitt die Luft, aber dabei blieb es.

„Ich gebe es auf!" Stöhnend warf er die Arme in die Luft, winkte ab und verzog sich in die Stallungen.

Ich übte weiter, schoss daneben und das öfter, als dass ich traf. Meine Fingerkuppen tropften rot. Bei irgendeinem Abschuss musste die Sehne meine Haut erwischt haben. Hatte ich sie falsch gespannt? Hielt ich den Bogen wieder falsch? Trotz der alten und neuen Wunden trainierte ich weiter, bis zwei Pfeile hintereinander trafen.

Rückwärts plumpste ich ins Weidegras und knetete meine pulsierenden Hände. Zwei Treffer reichten nicht aus, um meine Rettungsmission zu starten. Zwei Pfeile genügten nicht, um jemandem das Leben zu nehmen, der nach meinem eigenen trachtete. Der Feind gegen den ich kämpfen wollte, besaß kein Gesicht. Er war ein Schatten, der eine goldene Rosenkette trug.

Griva - Die WindreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt