18: Erloschener Kampfgeist

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Ich war nicht länger die junge Frau, die ich vor einigen Stunden glaubte zu sein.

Die Tränen, die mir die Sicht nahmen, raubten mir zusätzlich den Atem. Ich ertrank in den salzigen Tropfen, die nicht aufhörten, zu fallen. Mein Körper zerbrach, nachdem er all die Anspannung, Schmerzen und Ängste überstanden hatte, brach er jetzt zusammen. Die Sicherheit erschlug mich. Ich sah meinem Körper zu, wie er schrumpfte und fühlte mich, als schwebte ich über ihm.

Immer mehr dehnte sich der Frust in mir aus, beschwerte meine Seele und zerrte an meinen Nerven. Mein Verstand setzte sekundenweise aus und ich erinnerte mich nicht daran, wann und wie Luina mich auf dem Boden abgesetzt und Teemu seinen Kopf auf meinen Schoß gebettet hatte. Sein Surren hallte in mir wider, beruhigte mich und spürte, dass sich der Frust gemeinsam mit meinem Herzen zusammenzog.

Meine Hoffnung, dass der Verrat und der Hinterhalt niemanden erwischt hatten, löste sich in der Realität in einer schwarzen Rauchwolke auf. Ich saß alleine auf einer kleinen Lichtung, in der Ferne lugten die Bergklippen zwischen den morgendlichen Nebelschwaden und der dicken Wolkendecke heraus.

Ich hatte gedacht, niemand könnte ihn töten. Ich lebte in der Illusion, dass er jeden anderen ermordet hätte, ehe er einen Kratzer vom Kampf abbekommen hätte und doch hatte dieser Enterhaken seine Brust zerrissen. Er wollte nicht gerettet werden. Hatte er kämpfen wollen? Hatte er gekämpft, nachdem er uns weggeschickt hatte?

Wieso dachte er, er könnte gegen Operra gewinnen? Sie wussten, dass er und seine Windreiter kommen. Jetzt war er ... tot oder nicht? Ein Schwertstich durch die Brust hätte ihn getötet, doch der Enterhaken besaß einen anderen Zweck.

„Luina", sagte ich und erhob mich. Die riesige Griva regte sich kaum. Ihre Schwingen lagen auf dem Boden und sie krümmte sich sitzend vor. Die Schwanzfedern ergossen sich wie flüssiges Gold über den Boden. „Ist Laris tot?" Ihre Ohren zuckten kurz. Ich trat an sie heran, berührte einen ihrer Flügel sachte. „Du kannst spüren, ob er lebt oder bereits ... tot ist, nicht wahr?"

Die stechend grasgrünen Augen richteten sich auf mich. Ich fuhr mit den Fingern durch ihr Gefieder und sie drehte sich zu mir, senkte den Kopf und stieß mit ihrer Stirn gegen meinen Brustkorb. Ein flimmerndes Schnurren erstarb in ihrer Brust.

„Wenn er noch lebt, dann können wir ihm helfen", flüsterte ich ihr zu und warf einen Blick hinter mich. Teemu beobachtete uns aufmerksam. „Wir müssen die anderen Windreiter finden. Mikael, Ita und alle, die Laris gefolgt sind."

Wir konnten nicht alleine, inmitten eines Waldes bleiben, den ich nicht kannte. Alleine würde ich in wenigen Tagen vermutlich umkommen, während die beiden Griva sicherlich ohne den Menschen überleben könnten. Oder brauchten sie ihre Menschen, mit denen sie ein Band eingegangen waren und hatte sich dieses Band zwischen Teemu und mir gebildet? Momentan verstand ich nicht viel davon, eine Windreiterin zu sein und momentan durfte ich dieses Unwissen nicht als meine oberste Priorität ansehen. Zuerst benötigte ich Hilfe. Ich brauchte eine Hand voll Menschen, die wussten, was sie taten. Doch ein Teil – ein kleiner Teil von mir wollte hier bleiben, in dem Wald, der voller sicherer Pflanzen war. Pflanzen, die mich nicht umbringen wollten und Pflanzen, die mir keine Zukunft boten.

Zähneknirschend verband ich meinen linken Arm. Die Schusswund nässte und zog sich bei jeder Bewegung schmerzhaft zusammen, aber ich konnte Muskeln und Gelenke ohne das störende Holzstück in meinem Fleisch wieder bewegen.

Ich schnalzte mit der Zunge und Teemu trottete an meine Seite. Vorsichtig kletterte ich auf seinen Rücken, der deutlich schmaler war als Luinas, und pfiff zwei Mal – ein Pfiff für ihn und einer für Laris Griva. Beide öffneten ihre Flügel und Teemu duckte sich, wartete offensichtlich, bis sich die Königin des Mondes in die Lüfte erhob und das tat sie.

Griva - Die WindreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt