9: Rückzug

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Ein verlorener Schuh lag vor meinen Füßen. Die Schnürrieben wölbten sich über ihm, als wollten sie die ledrige Hülle an den Boden ketten. Vor einigen Stunden steckte er noch an dem Fuß eines Kämpfers. Der Kämpfer hatte ihn und vermutlich sein Leben hier zurückgelassen.

Die nördlichen Windreiter verzeichneten Tote und Verletzte. Von dem Lager, das sie vor kurzem errichtet hatten, waren fremde Schuhe und eingefallene Zelte übrig geblieben. Ich bückte mich, sammelte ein staubiges Brotlaib auf und klopfte gegen die eingedrückte Kruste.

„Wie ist die Lage?", wollte Laris wissen und trat den einsamen Schuh beiseite. „Wie viele haben wir verloren?"

„Ein Dutzend, aber es fehlen noch eine Hand voll Leute", erwiderte Mikael. „Allerdings ..." Er deutete auf einen männlichen Griva, dessen rechte Seite blutbefleckt war. „Der hier ist allein zurückgekehrt. Von seiner Reiterin haben wir einzig ... Überreste gefunden."

„Für ihn ist die Reise also vorbei."

Eine eisige Gewissheit schwang in seiner Stimme mit. Die Gewissheit, dass ein Griva ohne Reiter frei und gleichzeitig verloren war. Ich konnte das unsichtbare Band, das ihre Seelen verknüpfte, nicht nachempfinden. Ich kannte und verstand es nicht, aber es musste da sein. So wie die Bäume ihre Wurzeln in die Erde schlugen, um Kraft zu tanken, so knüpfte das Band zwischen Griva und Windreiter ein Netz aus Kräften, für die ich blind war.

Laris strich über die Stirn der mächtigen Kreatur und flüsterte ihr etwas zu. Der Griva senkte den Kopf, stieg nicht in die Luft, sondern trabte über den Platz und in den Wald hinein. Der junge Mann wand sich ab und betrachtete den aufgewühlten Boden, als wäre es ein sternenbesetzter Himmel. Sein kehliges Lachen füllte das zerstörte Lager.

Ein Brennen breitete sich in meinem Magen aus, als ahnte dieser bereits, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. Ich legte die Hand auf meinen Bauch, wollte das Brennen unterdrücken, doch stattdessen stieg es langsam meinen Hals hinauf.

Er benötigte drei weite Schritte, dann stand Laris vor mir. Ich verharrte an Ort und Stelle. Ein verschmitztes Grinsen huschte über seinen Mund. Auf einmal packte er meinen Arm und zog mich an sich. Das Brennen in meinem Magen kreiste durch meinen Körper, breitete sich prickelnd auf meiner Stirn und in meinem Nacken aus. Was wollte er von mir?

Ich wollte protestieren, mich losreißen und – aber das würde ich nicht wagen – ihm eine Ohrfeige verpassen, doch sein ernster Blick brachte mich zum Schweigen. Bereitwillig ließ ich zu, dass er mich umdrehte und festhielt. Die Kälte seiner Haut mischte sich mit meiner Hitze.

Das würde kein gutes Ende nehmen. Er präsentierte mich seinen Leuten, deren Blicke mich einerseits neugierig, andererseits abschätzig trafen. Zwischen seinen Armen eingeklemmt, musste ich ihr Starren aushalten. Seine freie Hand wanderte meine Seite entlang bis zu meinem Arm. Panik brodelte in mir. Ich wollte nur noch weg.

„Was soll das?", zischte ich und drehte mich nach hinten, bis mein Nacken knackte.

„Sie sollen wissen, was du getan hast." In seinen braunen Augen funkelten goldene Flecken, die der Sonne ähnelten. Eine seiner Hände packte meine Taille und ich quietschte auf.

Unverzüglich und mit aller Kraft stampfte ich ihm auf den Fuß, doch er ließ mich nicht gehen. Stattdessen warf er mich über seine Schulter und verschleppte mich. „Halt still", mahnte er und setzte mich vor einem ausgebrannten Lagerfeuer ab. Die Stämme, auf denen wir abends gesessen hatten, wiesen tiefe Kerben auf.

„Hilf mir mal." Seine Stimme erschreckte mich und er warf mir einen strengen Blick zu. „Komm schon her."

Ich schüttelte den Kopf und ging rückwärts.

Griva - Die WindreiterGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt