Kapitel 12.

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Ein Geräusch schreckte Neele auf. Sie hatte es geahnt. Wie konnte sie nur glauben, einen Werwolf abhängen zu können? Selbst mit dem Klettern auf Häuser konnte man sich inzwischen nicht mehr in Sicherheit bringen. Zumindest dann nicht, wenn sie einen wirklich töten wollten. Mitten in ihren Erzählungen brach sie ab. Natürlich hatte sie mal wieder viel zu lange geredet. Sie hätte Nils gleich sagen können, was sie gesehen hatte, aber sie hatte sich so über seine Gesellschaft gefreut...

Schon, als sie seinen Schatten sah, stürzte sie sich den Schlot des Schornsteines hinunter. Sie  bemerkte nur noch, wie Nils das Dach hinunter rollte, bevor sie das Schwarz des Schornsteins einhüllte.

Sie achtete immer darauf, noch einen Fluchtweg parat zu haben. Selbst, wenn sie noch geschlafen hatte, konnte sie in wenigen Sekunden fliehen. Sie war bereits seit drei Tagen nur auf der Flucht gewesen. Ihren Lehrer hatte sie zurücklassen müssen, um ihn zu schützen. Gerne hätte sie darauf vertrauen können, dass er die Sache schon regelt, aber sie konnte es nicht, nicht in ihrer Situation.

Der Schornstein war länger als gedacht und Neeles Arm streifte unangenehm an der Wand entlang. Hart schlug sie auf dem steinernen Boden auf. Sie spürte, wie Blut aus ihrer linken Schulter quoll, doch sie konnte nicht anhalten. Nicht einen Moment lang konnte sie sich ausruhen, über ihr hörte sie schon wieder das Knurren des hellbraunen Werwolfes. Mit der rechten Hand hielt sie ihre Schulter und humpelte weiter. Ihr Überlebenswille war stärker als der Drang, sich kurz hinzusetzen und auszuruhen. Neele stolperte die leeren Gassen hinab. Wäre doch nur jemand da gewesen, der ihr helfen konnte. Hinter ihr hörte sie die bedrohlichen Schritte des Werwolfes näherkommen. Panisch drückte sie sich gegen eine Hauswand.

Sekundenlang hörte sie nichts, außer ihrem eigenen, gefährlich lauten Atem.

In der bereits untergehenden Sonne sah sie schließlich den Schatten des Werwolfes. Es war die dunkelbraune, schlanke Wölfin. Neele drückte sich unwillkürlich fester gegen die Wand.

Weitere Sekunden vergingen. Der Werwolf konnte sie riechen. Endlich konnte Neele wieder denken. Sie sah sich um, bis schließlich eine niedrige Mauer ihre Aufmerksamkeit erregte. Unauffällig und möglichst leise stahl sie sich in ihre Richtung.

Der Werwolf war schon beinahe an der Hausecke angekommen. Wahrscheinlich war auch er verletzt. Diese Tatsache beruhigte Neele. Doch auch in einem solchen Zustand konnte er ihr noch gefährlich werden. Neele war an der Mauer angekommen, genauso der Werwolf an der Gasse. Sie sahen sich an. Neele konnte in den mattbraunen Augen die gewisse Intelligenz erkennen, die die Werwölfe von normalen Tieren abhob.

Sekundenlang sahen sie einander nur irritiert an. Gleichzeitig preschten sie los. Mit geschickten Bewegungen saß Neele innerhalb weniger Augenblicke oben auf der Mauer. Nun machte sich auch der Werwolf daran, die Mauer zu erklimmen. Endlich sah Neele die Verletzung: Eine tiefe Schramme an seiner Schulter.

Der Werwolf fletschte die Zähne und schnappte nach Neeles Fuß. Nur knapp konnte sie ihn wegziehen, doch durch den Schwung fiel sie auf der anderen Seite der Mauer herunter und landete zu ihrem Glück auf einem großen Sandhaufen. Sie kämpfte sich aus ihm heraus und lief so schnell sie konnte die breiter werdende Straße hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die ganze Nacht verbrachte sie so. Immer, wenn sie glaubte, in Sicherheit zu sein, kam ein neuer Werwolf, der ihr hinterherjagte.

So auch am Morgen:

Neele hatte sich gerade auf einem einzelnen Baum am Rande des Dorfes niedergelassen. Als einer der Werwölfe kam, hatte sie bereits eine Stunde schlafen können. Sie wurde wach von den schwerfälligen Schritten des weißen Wolfes, dem alten Anführer des Rudels. Er kratzte nur ein- zweimal müde am Stamm des Baumes, dann stieß er ein markerschütterndes Heulen aus, mit dem er sein Gefolge rief. Die junge, dunkelrote Wölfin trat an seine Seite. Aus dem Gebüsch kam die dunkelbraune Wölfin, mit der verletzten Schulter. Aus Richtung Dorf der Hellbraune mit blutverschmierter Schnauze. Sie alle sahen müde aus. Einer nach dem anderen zogen sie sich in den Wald zurück, ganz am Schluss die beiden Kleinen. Erst eine Stunde später,  als schon mehrere Menschen auf dem Marktplatz um den Galgen herum versammelt waren – heute sollte der erste Verurteilte gehängt werden – traute Neele sich von ihrem schützenden Ast herunter und schlängelte sich durch die Menschen zu den engen Gassen ihres Versteckes. Wenigstens diesen Tag wollte sie schlafen, wenn sie schon niemandem erzählen konnte, was sie gesehen hatte. Diese Menschen waren einfach zu misstrauisch. Sie hätten auch sie für einen von denen gehalten, einen reumütigen Werwolf, der seine Komplizen verriet, um vielleicht noch mit dem Leben davon zu kommen. Nur den Kindern durfte sie es sagen, das hatte sie beschlossen. Aber welchen?

Plötzliche Schritte. Neele verschwand in einer Gasse und lugte um die Hausecke herum.

Nur Vitus. Na endlich! Ihm würde sie es erzählen! Alles! Die Werwölfe sollten sie heute nicht davon abhalten können.

„Pssssst!“

Vitus drehte sich um und blickte sie nun an. Vorsichtig kam er näher.

„Wo warst du die letzten Tage?“

„Ist egal! Ich muss dir etwas erzählen!“

Die Werwölfe von DüsterwaldGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt