21: Wahrheit.

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Das Stechen in meiner Brust wird stärker, als ich die Treppe ins Parkhaus hinauf steige. Der Autoschlüssel klimpert in meiner Hand und lässt einen eisernen Geruch in meine Nase steigen.

Das Auto gibt ein erfreutes Quieken von sich, als ich auf den Button mit dem geöffneten Schloss drücke. Es verstummt sofort, als es meine verletzte Miene sieht.

Ich setze mich auf den Fahrersitz. Ich kann nicht Autofahren. Wie denn auch? Ich habe nicht mal einen Führerschein. Aber jetzt muss ich eben mal was illegales tun. Einmal in meinen Leben etwas tun, dass nicht nur von meinen Eltern sondern auch vom Staat verboten ist.

Premiere.

Türe zu, Gurt umlegen, Schlüssel reinstecken. Gut, bisher läuft es gut. Aber was mache ich jetzt? Radio an, ja, das ist eine gute Idee.

Ich starre den Schlüssel an. Jakob hat gestern, als wir das Auto bekommen haben, einen Anhänger daran gehängt. Es ist ein Känguru aus silbernem Metall, den gab es an der Rezeption des Hotels.

Seufzend drehe ich den Schlüssel um und fahre, mehr schlecht als recht, aus dem Parkhaus.

Ich habe Jakob gesehen. Ich weiß wo er ist, aber da komme ich ohne Auto nicht hin, das wäre mein Todesurteil. Er sitzt auf einer Parkbank, auf einem kleinen Hügel von dem man sich fühlt, der König der Welt zu sein. Da waren wir gestern schon, aber gestern hat er mich auf seinem Rücken getragen, heute trägt er die Pfeile, die ich ihm in den Rücken geschossen habe.

Ich weiß nicht wie, aber irgendwann habe ich es geschafft und stehe mit dem Auto in unmittelbarer Nähe zu Jakob. Ich muss aussteigen, das weiß ich, aber ich will es nicht.

Es bringt mich fast um ihn so zu sehen, wie er da sitzt, die Arme auf den Beinen abgelegt und den Kopf zu Boden gesenkt. Er knetet seine Hände wie Teig und wirbelt mit seinen Füßen einwenig Staub auf.

Jakob war wie eine Kilometer weite Fotowand. Die glücklichen Bilder von ihm waren mir sofort ins Auge gestoßen, nur waren sie die einzige die ich bisher kannte. Ich war nicht weit genug gegangen um zu sehen wie es in ihm drin wirklich aussah. Ab und zu hing ein verwirrtes oder nachdenkliches Bild an der Wand, aber diese waren nichts besonderes.

Aber nun stand ich am Ende des Flures und alles was ich um mich hatte waren Wut, Trauer und Selbstzweifel die mich anstarrten und in mir machte sich das Gefühl breit, es sei meine Schuld gewesen. In gewisser Weise war es das, meine Schuld. Ich hatte die negativen Fotos zwar nicht gemacht, aber ich habe sie ausgedruckt und aufgehängt, obwohl er mich gebeten hatte es nicht zu tun.

Ich war müde und schlapp, hatte keine Kraft mehr wieder an den Anfang des Tunnels zu gehen, um den glücklichen Jakob wieder zu sehen. Diese Bilder machten mir Angst, und ich wusste, dass das der Grund war warum er sie vor mir versteckt hatte. Sie sollten mir keine Angst machen, immerhin waren sie ein Teil seiner selbst und ich liebte ihn. 

Dass ich ihn liebte, schloss ein, dass ich alles an ihm liebte, die guten sowie die schlechten Seiten, denn er nahm auch meine beiden Seiten so hin, wie sie nun mal waren. 

Also rappelte ich mich auf, obgleich die Scherben der zersprungenen, glücklichen Bilder mir in die Füße stachen, und setzte langsam aber sicher einen Fuß vor den anderen, um zurück zum Anfang zu kommen, mich zu entschuldigen, Jakob wieder lachen zu sehen.

Ich finde meinen Platz neben Jakob auf der Parkbank, die Scherben in meinen Füßen steckend, den Kopf zu Boden gewendet.

Eine Weile sagen wir nichts. Wir sitzen da und schweigen um die Wette. Es ist eine ohrenbeutäubende Stille und ich wünsche ich wüsste was ich sagen soll. Oder er. Jedenfalls muss jemand was sagen, sonst habe ich bald einen Tinnitus.

𝐴𝑢𝑓 𝑀𝑖𝑐ℎ 𝑊𝑎𝑟𝑡𝑒𝑛 𝐷𝑖𝑒 𝑆𝑡𝑒𝑟𝑛𝑒 ✔︎Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt