11: Familie.

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Mit viel Schwung öffnet Timo die Tür und sofort werden wir in eine Wolke aus verschiedenen Düften gehüllt.

Mein Onkel Steffan riecht nach einem neuen After Shave, Nonno wie immer nach Pizza, Nonna nach Kuchen, Benedetta, meine Tante, nach Zitrone und die Cousinen sprühen ihr ach so neues Parfüm durch die Gegend.

"Buon compleanno mio carino!" Quietscht Benedetta auf italienisch, was auf deutsch so viel heißt wie: 'Alles gute zum Geburtstag mein süßer.'

Zum Glück redet sie bei uns nur manchmal italienisch und wenn, dann nur das welches man auch ohne Italienisches Fachwissen versteht denn, ganz zum Schmerz unseres Vaters, sprechen Timo und ich nur wenig italienisch. Ich hatte es zwar für ein Jahr in der Schule, hab aber meistens Papa meine Hausaufgaben machen lassen und dementsprechend in den Tests abgeschnitten. Ich war froh als ich es wieder abwählen konnte. Papa nicht.

Timo lächelt nur schief und nuschelt ein "Gracias". Papa jault leise und fasst sich mit der rechten Hand ans Herz während er den Kopf schüttelt.

Unsere Cousinen, Tiziana, Federica und Ludovica lachen ihn aus. Timo runtelt die Stirn was uns sagt, dass er seinen Fehler immer noch nicht bemerkt hat.

"Idiota!" Lacht Benedetta. Ich denke nicht, dass ich dieses Wort übersetzen muss.

Im Gegensatz zu Papa hat Benedetta nach dem Umzug nach Deutschland vor 20 Jahren nicht aufgehört nach Italienischen Sitten zu Leben. Sie hat ihre Kinder zweisprachig großgezogen während Papa in Windeseile Deutsch gelernt, Mama geheiratet, zwei Kinder bekommen und ihnen deutsche Namen gegeben hat.

Wir setzen uns alle an den Esstisch. Mama stellt den Topf mit den Hotdog Würstchen, die dazugehörigen Brötchen und tausend verschiedene Beilagen und Soßen auf den Tisch. Ja, Timo hat sich Hotdogs zum Essen gewünscht.

Angeekelt starren die Cousinen, welche übrigens wirklich ihre rosa Kleider anhaben, die Würstchen an und sagen fast gleichzeitig und im selben Tonfall, welcher mindestens drei Oktaven höher ist als meiner, dass sie Vegetarier sind.

Mama lächelt sie zuckersüß an. "Dann legt ihr halt nur Gurken und Ketchup auf die Brötchen."

Es klingelt. Verwirrt schaue ich mich um, stelle aber fest, dass niemand fehlt.

Wie von einem Krebs in den Hinter gezwickt springt Timo auf. "Ich geh schon!" Er stürmt zur Tür und kommt eine Minute später mit einem Mädchen an der Hand wieder.

So viel zum Thema nur die Familie. Ich schaue zu meinen Eltern, die aber anscheinend Bescheid wissen.

Die beiden setzen sich und tun so als wär sie schon die ganze Zeit da gewesen. Ich räuspere mich. "Willst du sie nicht vorstellen?" Frage ich an meinen Bruder gerichtet, was seine Freundin, ich nehme mal an, dass sie seine Freundin ist, wohl falsch versteht und sich selbst vorstellt.

"Ich bin Jana. Wir sind schon so lange zusammen!" Mein sie ekstatisch und schmachtet Timo weiter an. Ich schaue zu Timo. Er weiß genau, dass mein Blick fragt wieviel Tage die beiden schon zusammen sind.

Heimlich hebt er drei Finger weshalb wir uns beide das Lachen verkneifen müssen. Wirklich sehr lang.

Was man über Timo wissen muss, ist, dass er einen ziemlichen Verschleiß hat was Freundinnen angeht. Seine Beziehungen gehen nie länger als vier Monate, wenn überhaupt.

Unsere Eltern lächeln Jana gespielt an. Sie konnten mit seinen Freundinnen noch nie etwas anfangen.

Es wundert mich, dass Lola nicht da ist, da sie sonst nie einen Geburtstag ausfallen lässt. Nichtmal meinen. Aber wahrscheinlich hat sie keine Lust auf Jana, oder wie auch immer sie heißt.

"Wie wärs wenn wir mal mit dem Essen anfangen?" Meldet sich mein Nonno, der einzige der mich nie auf mein Herz herabstuft, nach 5 Minuten peinlicher Stille und greift sich ein Brötchen.

Wir alle machen es ihm gleich. Jana scheint sichtlich angeekelt zu sein, da Timo sich fünf Hotdogs reinstopft. Daran sind wir anderen schon alle gewöhnt.

Nach dem wir alle gegessen haben bekommt Timo seine Geschenke. Und ich bekomme meine.

"Ich mach sie später auf." Sage ich und zwinge ein Lächeln raus. "Naja falls es ein später geben wird! Wer weiß was morgen mit dir ist." Kommt von Nonna während sie mir ein weiteres Geschenk vor die Nase legt.

Ich stoße ein Schnauben aus und stehe auf. Ihr italienischer Akzent sticht wie eine Biene in mein Herz und lässt mich kurz nach Luft keuchen.

"Mamma!" Zischt Papa warnend. "Sag sowas nicht!" "Wieso denn? Vielleicht stirbt sie ja heute Nacht. Das kann man doch nicht wissen." Mischt sich jetzt auch noch Federica ein.

"Dad. Vergiss die 37,50 Euro!" Timo steht auf, nimmt sie Schüssel mit den Gurken und schleudert sie auf Federica und Nonna. Federica fängt natürlich an zu kreischen, was nicht leiser wird als sie auch noch Zwiebeln ins Gesicht bekommt.

"Timo!" Schreit Mama. Dann bekommt sie Ketchup ins Gesicht. Von Nonno. Und dann entsteht eine Schlacht, aus der ich mich lieber raus halte.

Bevor ich aus der Tür gehe zwinkert Timo mir zu. Ich lächle ihn dankend an, dann gehe ich in mein Zimmer.

Seufzend lasse ich mich aufs Bett fallen. Das war wieder mal ein super Familienessen.

Ich greife nach meinem Handy, welches auf dem weißen Nachttisch neben meinem Bett steht, und gehe auf Whatsapp. Ohne groß zu überlegen rufe ich Jakob an.

Nach zweimal tuten geht er ran. "Hey Lou! Alles okay?" Spricht Er glücklich und lässt mich die Worte meiner familie sofort vergessen. "Wie mans nimmt." Antworte ich knapp. "Will ich wissen was los ist?" "Wahrscheinlich schon. Ist aber nicht so wichtig. Der Humor meiner Familie ist nur etwas Grenzwertig." "Okay... was machst du?" "Zählt 'in meinem Bett liegen und mich vor meiner Familie verstecken' als Tätigkeit?" Seufze ich und vergrabe meine rechte Gesichtshälfte in meinem Kissen.

"Klar!" Lacht er. Ich grinse. "Hast du morgen Zeit? Ich würde gerne wissen wohin wir sonst noch reisen." Ich höre sein Lächeln durchs Handy. "Warte ich muss kurz in meinem Kalender nachschauen ob ich Zeit habe."

Ich lache. "Sowas zieht nur in Filmen, Jakob." Er lacht. "Klar hab ich Zeit!"

Wir machen aus, dass er morgen Vormittag vorbei kommt und wir den Rest der Reise planen.

Er klingt die ganze Zeit so glücklich. Ich hab noch nie jemanden so glücklich gehört wenn er oder sie mit mir zu tun hatte. Er ist der erste der sich mit mir Freut, der mit mir lacht, der mit mir denkt oder mit mir fühlt. Er ist der erste. Und der einzige den ich bei mir haben will.

Ich weiß nicht womit ich das verdient habe. Die Reise, die Freundschaft, die neuen Gefühle oder Jakob überhaupt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Jakob wurde von Engeln Geschickt.

𝐴𝑢𝑓 𝑀𝑖𝑐ℎ 𝑊𝑎𝑟𝑡𝑒𝑛 𝐷𝑖𝑒 𝑆𝑡𝑒𝑟𝑛𝑒 ✔︎Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt