Im Lauf dieses Tages stellte er fest, dass die Schiffsbewegungen heftiger wurden. Gedachte er zunächst noch halb lächelnd, halb mitleidig der armen Zwergin mit ihrer Seekrankheit, so stimmte ihn gegen Abend die Gewalt, mit der er hin- und hergeschleudert wurde, bedenklich. Zudem fiel ihm auf, dass das Schiff immer wieder schwere Breitseite bekam. Das alte Holz des Schiffes ächzte und knackte unter der Gewalt der Elemente. Von draußen krachten die Wogen gegen den Rumpf, wenn sich der Schiffskörper viele Schritt aus dem Wasser hob um dann mit Macht in das nächste Wellental zu sinken. Längst wäre der Krug umgefallen, wenn er ihn nicht festgehalten hätte. Das fühlte und hörte sich nach einem ausgewachsenen Sturm an. Er ahnte, welche Hektik oben an Deck herrschte. Es war lebensgefährlich, bei solchem Sturm in die Wandten zu klettern, zugleich aber unumgänglich, denn wenn man die Segel nicht einholte, wurden sie unweigerlich von dem starken Sturm zerfetzt und zerrissen, oder das Schiff ungeachtet der schweren Last in der Bilge umgedrückt. War der Sturm schwer genug, hatte man ohnehin kaum eine andere Wahl, als sich vor dem Wind treiben zu lassen, denn kein Schiff der Welt war stark genug, Efferds voller Macht standzuhalten. Wer sich ihr widersetzte wurde unbarmherzig zermalmt im Kampf der Elemente Wasser und Sturm. Tückischerweise kam es bei den Stürmen auf dem Perlenmeer nicht selten dazu, dass der Wind plötzlich und unerwartet die Richtung änderte. Wer dann nicht sofort den Kurs anpasste, hatte verloren. Es war ein unangenehmes und ungewohntes Gefühl, nicht eingreifen zu können. Hoffentlich wusste der Kapitän, was er tat.
Diesmal hatte Farline Mühe, mit ihrer Last den Niedergang hinunter zu klettern und auch, auf ihrem Weg durch das Ladedeck nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Ein ziemlich heftiger Seegang da draußen," stellte er fest.
Sie nickte. „Könnt ihr mir den Krug abnehmen? Ich hab leider schon einiges verschüttet."
Er streckte seine Hand aus. „Das ist ja auch kaum zu vermeiden," meinte er verständnisvoll. „Es ist erstaunlich, wie sicher ihr euch noch auf den Beinen haltet."
„Ach, es ist nicht das erste Mal, dass ich mit dem Schiff unterwegs bin. Allerdings das erste Mal, dass jemand meine Passage bezahlt hat." Sie kicherte.
Er hob die Augenbrauen. „Wenn ihr wüsstet, wie das klingt, würdet ihr das nicht so laut sagen."
Sie zuckte geringschätzig die Achseln. „Außer euch hört mich ja keiner".
Er ignorierte die darin enthaltene Missachtung. „Bei dem Sturm allerdings nicht," stimmte er bereitwillig zu. „Wie geht es denn eurer Gefährtin?"
„Oh, Froboscha? Sie hat einem der Seeleute eine Medizin abgekauft und jetzt geht es ihr schon viel besser."
Ein besonders heftiger Stoß riss beide auf die Seite. Farline musste sich an einem Gepäckstück festhalten, um nicht umgerissen zu werden. Der Schwarze Korsar griff nach dem Ring in der Wand, groteskerweise dem einzigen Halt in dieser Situation. Wieder schwappte ein Großteil des Wassers aus dem Krug. Er achtete nicht darauf, sondern blickte das Mädchen besorgt an.
„Verzeiht, aber wisst ihr, ob der Kapitän die Segel gerefft, ich meine hochgezogen hat? Wie sieht es draußen aus?"
Sie verzog das Gesicht. „Genau weiß ich es nicht, aber ich glaube schon, dass er es getan hat. Wir dürfen nämlich nicht an Deck gehen, denn einen Seemann hat es schon über Bord gerissen. Der Kapitän meint, es ist zu gefährlich für uns Passagiere." Sie stieß geringschätzig die Luft aus um deutlich zu machen, was sie von diesem Urteil des Kapitäns hielt.
Er zögerte. Konnte er es schon wagen, sie zu bitten, ihn loszuschließen? Forschend blickte er in ihr kleines Gesicht. Wenn er die Frage zu früh stellte, bevor sie Vertrauen gefasst hatte, war der Fehler nie wieder gut zu machen. Er entschied sich dagegen, fälschlicherweise, wie er später erkennen sollte.
In der folgenden Nacht fand er keinen Schlaf, denn das Schiff bewegte sich ununterbrochen so heftig, dass er auf den Planken hin- und hergeschleudert worden wäre, wenn er nicht den Ring mit der Kette umklammert hätte. Auch war das Brüllen und Heulen des Sturmes, das Brausen des Wassers und das ständige Ächzen des geplagten Schiffes so laut, dass ohnehin nicht an Ruhe zu denken war. Seine Hand, die den Ring hielt, war zum Ende der Nacht steif, fast gefühllos geworden, und er fühlte sich erschöpft und zerschlagen. Hinzu kam der ewige Hunger, der in seinen Eingeweiden wühlte, und den der trockene Schiffszwieback, den man ihm gönnte, stets nur kurzfristig betäuben konnte. Gegen morgen dann flaute der Sturm etwas ab, und er ließ sich müde auf die Planken sinken. Was kämpfte er denn immer noch? War es nicht besser, sich einfach in sein Schicksal zu ergeben? Warum wollte ihm das nicht gelingen?
Gerade, als Bishdariel, der zwiegesichtige Hüter der Träume, ihn endlich doch in den Schlaf hinüber geleitete, vernahm er Geräusche vom Niedergang her. Er schreckte auf und sah das Licht einer kleinen Sturmlampe. Doch diesmal war es nicht die kleine Farline, sondern die Zwergin, die sich ihm näherte. Die Leiden der letzten Tage waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen, sie wirkte blass und hatte dunkle Schatten unter ihren Augen. Aber ihre Kraft schien dennoch ungebrochen. Kühl und scheinbar ohne jede Anteilnahme blickten ihre grauen Augen auf ihn hinunter. Ihre breitknochigen, festen Züge wirkten selbstbeherrscht und zeigten einen Ausdruck ruhiger Überlegenheit. Was sie wirklich empfand? Wer vermochte schon in den so menschenähnlichen und doch fremdartigen Zügen eines Zwerges zu lesen?
„Grüß euch," sagte er müde. Er machte sich nichts vor. Diese Frau konnte er mit seinem Charme gewiss nicht einwickeln. Im Gegenteil. Vermutlich empfand sie jede Form der Annäherung als Übergriff. Oder auch nicht? Wer konnte das schon wissen! Es gab nichts Gemeinsames, an das er anknüpfen konnte oder wollte. Ach, sollte sie ihn doch verachten und verabscheuen.
„Euer Essen." Sie hielt ihm den Teller hin. „Danke," antwortete er einsilbiger, als es sonst seine Art war.
Sie zögerte. „Braucht ihr noch was?" Er lachte tonlos. Was sollte er sagen? Den Schlüssel? Die Freiheit? Einfach nur etwas reichhaltigeres Essen? Er fühlte sich noch nicht elend genug, um sich vor dieser andersartigen kleinen Frau zu erniedrigen. So schüttelte er nur den Kopf.
„Danke. Ich habe alles, was von Nöten ist."
„Gut." Sie nickte sachlich und stapfte dann ohne ein weiteres Wort zum Niedergang und die schmale Stiege empor. Erst als sie verschwunden war fiel ihm ein, dass er sie hätte nach Farline fragen können. Aber vielleicht hätte sie das als Beleidigung empfunden - wer hätte das sagen können.
* * *
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Perlenmeer Teil 2: Efferd
AdventureSoll man einem nachweislich schuldigen, zum Tode verurteilten Verbrecher das Leben retten, wenn man die Gelegenheit dazu erhält? Mit dieser Frage mussten sich einst zwei junge Rollenspielerinnen auseinandersetzen. Sie bildete den Kern eines kleinen...