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Froboscha hetzte im Eilschritt durch das dichte Grün. Rennen war durch das dichte Gebüsch unmöglich. Die Blätter schlugen ihr ins Gesicht und schürften ihr die Beine auf. Einmal sank sie mit dem Fuß tief in ein sumpfiges Loch. Der nächtliche Dschungel war voller Geräusche: Das Schnarren und Summen nachtaktiver Insekten, das Pfeifen irgendwelcher anderer Tiere, das Rascheln der Blätter. Aber am lautesten war sie selbst. Aber darauf konnte sie nicht Rücksicht nehmen. Sie wusste: Im Gegensatz zu ihr kannten sich die Menschen in diesem Dorf  im Dschungel aus. Bestimmt waren sie gute Fährtenleser, wenngleich sicherlich die Nacht das Verfolgen von Spuren erschweren würde. Aber darauf wollte sie es nicht ankommen lassen. Der Abstand zwischen ihr und ihren Verfolgern musste einfach so groß wie möglich sein. Und sie wollte rechtzeitig den Treffpunkt erreichen. Oh, wenn sie nur die Richtung beibehielt, und sich nicht verirrte!

Einen Augenblick hielt sie inne und lauschte. Knackten da Zweige? Waren das Schritte? folgte ihr jemand? Wenn man sie erwischte, war sie unweigerlich verloren. Was hatte der Pirat noch gesagt? Dass es unmöglich sei, Gefangene aus den Händen von zwanzig bewaffneten Kriegern zu befreien? Oh, er würde für sie keine Ausnahme machen. Und Farline konnte es auch nicht schaffen. Das bedeutete einfach dass sie entkommen musste, wenn sie nicht als Waranfutter enden wollte.

Erneut kämpfte sie sich weiter durch das Unterholz. Ihr Atem ging ruhig, ihr Herz schlug kräftig und gleichmäßig. In einem hatte sie recht gehabt: Zumindest ermüdete sie nicht so schnell. Erneut blieb sie stehen, und lauschte. Schon wieder hatte sie das Gefühl gehabt, da seien Geräusche. Sie musste leiser sein. Aber leise konnte sie nicht vorwärts kommen. Entschlossen griff sie nach dem Ast eines Baumes und zog sich ein Stück nach oben. Es war ein kleiner Baum mit reichlich Ästen im unterem Bereich, der es ihr erlaubte hinaufzuklettern. Mit wenigen Griffen zog sie sich hoch, bis sie im Laub angekommen war. Dann verharrte sie still und bewegungslos, damit man weder ihr Atmen hören, noch das Schwanken der Zweige sehen konnte.

Sie wartete, unbeweglich. Ihre Finger wurden klamm und fühllos. Schon dachte, sie sie müsste sich getäuscht haben. Schon wollte sie sich hinuntergleiten lassen und ihren Weg weiter verfolgen, da hörte sie es wieder. Ganz deutlich, und viel näher jetzt. Ein Rascheln. Ein leises Knacken. Sie hielt den Atem an, und starrte mit ihren Augen in die Dunkelheit. Albern, dachte sie plötzlich. Da hockst du wie ein Elf im Baum. Wenn mich die anderen Zwerge sehen könnten! Und dann kam er. Eine kleine dunkle Gestalt, huschend, gebückt, so sicher. Er war kein Fremdling, er war eins mit dem Wald. Aber er lauschte und spähte nach vorn, und sah nicht nach oben. Deshalb war er nicht vorgewarnt, als plötzlich, schwer wie ein Stein, etwas auf ihn niederstürzte, ihn zu Boden drückte.

Er trug einen Speer, konnte ihn aber nicht einsetzen, denn etwas hielt ihm die Arme fest. Sie rangen miteinander, keuchten leise, und dann hatte man ihm den Speer entwunden. Der Tod kam so schnell, dass er nicht einmal mehr Zeit hatte, echte Furcht zu empfinden.

Tief atmend richtete Froboscha sich auf. Sie tötete nicht gern, aber sie wusste, wann es nicht anders ging. Sie lauschte noch einmal. Nichts. Zielstrebig machte sie sich wieder auf den Weg. Sie fühlte sich besser jetzt, denn sie trug den Speer ihres Gegners in der Hand.

* * *

Es war eine friedliche Nacht. Der Wind wehte nur mäßig, und die kleinen Wellen machten kaum Geräusche, als sie gegen den Strand schlugen. Zu Anfang hatten sie noch gesprochen. mittlerweile schwiegen sie. Beide dachten sie das Gleiche, mochten es aber nicht aussprechen.. Was sollten sie tun, wenn Froboscha nicht kam?

Arved prüfte noch einmal die Halterung, welche die zwei Boote miteinander verband. Farline saß auf ein paar kleinen Felsen und blickte den Strand hinunter, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Vielleicht hatte sich Froboscha auch einfach verirrt? Was, wenn sie die Stelle nicht wiederfand? Sie warteten schon sehr lange, bald würde es hell werden. Dann wäre es gefährlich, weiter hier zu bleiben, denn wenn Menschen in Booten sie entdeckten, wäre es aus.

Plötzlich sprang sie auf. „Da!" rief sie und wies auf einen kleinen Punkt auf dem grau-schwarzen Streifen des Standes. Weit, noch weit entfernt, bewegte sich etwas auf sie zu.

Arved richtete sich auf und spähte angestrengt in die angegebene Richtung. Dann stieß er ruckartig den Atem aus und lächelte sie an: „Froboscha!"

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Perlenmeer Teil 2: EfferdWo Geschichten leben. Entdecke jetzt