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Ein seltsames Röcheln war das erste, das in Arveds Bewusstsein drang, als er erwachte. Es dauerte einige Zeit, bis ihm klar wurde, dass dies seine eigenen Atemzüge waren. Er versuchte, die Augen zu öffnen, was ihm nur unvollständig gelang. Etwas verklebte seine Wimpern. Dann endlich gelang es ihm. Er sah etwas Helles: Kleine Steinchen, die hell im Schein der Sonne strahlten. Dann wurde ihm bewusst dass er ausgestreckt auf diesen kleinen Steinchen lag. Er spürte Schmerzen im ganzen Körper, jeder Knochen, jeder Muskel tat ihm weh. Das Atmen war mühevoll. Etwas lag dick, aufgequollen und trocken in seinem Mund: Seine Zunge, sagte er sich. Langsam kehrte die Erinnerung zurück an die letzte Nacht. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er tatsächlich an Land gekommen war, nur noch an die unendliche Anstrengung, seinen ausgehungerten, geschwächten Körper zu überzeugen, immer noch weiter zu kämpfen.

Er versuchte, sich aufzurichten. Sein Körper protestierte gegen die Anstrengung, gehorchte ihm nur zögerlich. Stöhnend setzte er sich auf und blickte um sich. Es war hellichter Tag. Von dem Sturm war nichts mehr geblieben. Nur wenige, helle Wolken schwammen an einem blauen Himmel, von dem die Sonne unbarmherzig hernieder brannte. Ein ganz leichter Wind wehte vom Meer her und verschaffte ihm leichte Abkühlung.

Neben ihm lagen, lang ausgestreckt und bewegungslos die beiden Frauen. Lebten sie noch? Er war sich nicht sicher. Mühsam, auf allen Vieren näherte er sich dem Menschenmädchen. Ihr Atem war kaum auszumachen. Er legte ihr die Hand an die Kehle, suchte nach ihrem Pulsschlag und fühlte das schwache Strömen ihres Blutes. Dann blickte er zu der Zwergin. Sie lag auf dem Rücken, und ihr Brustkorb hob und senkte sich sichtbar.

So. Sie lebten also. Er war nicht in der Lage, Freude oder Bedauern über diese Feststellung zu empfinden. Er fühlte nur eine große Leere, eine unendliche Erschöpfung, und noch etwas: Durst. Quälenden, zehrenden Durst. Er hatte das Gefühl nicht mehr schlucken zu können, seine Zunge war zu einem Fremdkörper geworden. Er musste Trinkwasser finden, und zwar möglichst rasch.

Er erhob sich mit großer Mühe, taumelte ein paar Schritte und blieb dann stehen. Vor ihm lag ein recht steil ansteigender Strand, bedeckt mit Kies und Steinen. Dahinter begann üppige, grüne Vegetation. Es musste hier irgendwo Süsswasser geben! Die Frage war nur, wo. Er konnte sich in diesen Wald begeben und dort danach suchen. Er konnte auch am Strand entlang gehen, in der Hoffnung, dass irgend ein Rinnsal sich seinen Weg ins Meer suchte. Eines mochte so erfolgversprechend sein wie das andere. Er entschied sich dafür, dem Waldrand zu folgen.

Zu Anfang war jeder Schritt eine Qual. Dann jedoch gewöhnte sich sein Körper wieder an die Bewegung, gehorchte ihm leichter, williger. Nach einiger Zeit zog sich der Waldrand um eine kleine Landzunge herum. Als er sie erreicht hatte, wandte er sich noch einmal um und blickte zurück. Weit hinten sah er zwei dunkle Punkte am Strand. Die beiden Frauen! Er zögerte, winkte dann und wartete auf eine Reaktion. Sie reagierten nicht. Er brauchte einige Zeit, bis ihm auffiel, dass sie sich entfernten. Er unterdrückte den Instinkt, zu rufen oder zurück zu laufen. Beides hätte keinen Sinn gehabt: Aus seiner Kehle wäre nur ein heiseres Krächzen gedrungen, und so rasch zu laufen, dass er sie eingeholt hätte, vermochte er in seinem jetzigen Zustand nicht.

Resigniert zuckte er die Achseln und wandte sich um. Sollten sie doch selbst ihr Glück versuchen. Müde stolperte er weiter, dem Waldrand folgend. Und er hatte Erfolg: Nach einiger Zeit bemerkte er vor sich ein Schimmern im Strand. Zuerst glaubte er noch an eine Luftspiegelung, dann aber sah er, dass sich tatsächlich Wasser flach über den Kies ergoss und sich mit den salzigen Fluten mischte. Er beschleunigte seine Schritte, stolperte, stürzte fast, fing sich wieder und sank dann am Ufer des Flüsschens nieder. Zitternd vor Erwartung tauchte er beide Hände in das helle Nass. Ja! Er hatte Süsswasser gefunden! In diesem Moment glaubte er wirklich, noch niemals in seinem Leben etwas so Köstliches gespürt zu haben, wie diese ersten Schlucke kühlen Lebens. Er trank und trank, beugte sich hinunter und hielt sein Gesicht ins Wasser, spritze sich das kühle Nass über Kopf und Schultern, und trank erneut. Und verharrte schließlich einen Moment, die Hände in das klare Wasser getaucht. Dabei fiel sein Blick auf sein rechtes Handgelenk, das immer noch die Scheuerstellen der Eisenschelle aufwies. Und erst jetzt, erst in diesem Moment wurde ihm richtig bewusst, was mit ihm geschehen war. Er war frei!

„Frei. Frei." Er flüsterte das Wort vor sich hin, als müsse er sich über seinen Sinn ganz neu klar werden. Götter! Efferd hatte ihn nicht verschont – er hatte ihn gerettet. Er war nie ein frommer Mann gewesen, hatte sich keinem Gott zugehörig gefühlt und eine unbestimmte Abneigung gegen Tempel und Priester gehegt. In diesem Moment aber betete er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder, rief Efferd an, dankte dem Gott für seine Rettung, schwor, ab jetzt ein gottesfürchtiger Mann zu sein. Ein unkontrollierbares, hysterisches Lachen brach aus ihm heraus. Er ließ sich nach hinten fallen und lachte in den Himmel hinein, lachte wegen all seiner Schmerzen und Ängste und über das Groteske der Situation, darüber, dass sein Kampf ums Überleben ihm die Freiheit gebracht hatte. Er lachte so sehr, dass ihm die Tränen in die Augen traten, und brauchte geraume Zeit, bis er sich wieder in der Gewalt hatte.

Dann lag er nur noch still da und starrte das Himmelsblau an. Seine Hand tastete plötzlich nach der kleinen runden Scheibe, die immer noch um seinen Hals hing. Merhibam. Oh ihr Götter! Er würde sie wieder sehen. Er würde wieder ihre süßen Lippen schmecken, ihren Duft einatmen, ihre Haut an seiner Haut fühlen! Er konnte ihr sagen, dass er ein Idiot gewesen war, ein hirnverbrannter Dummkopf. Er würde sie auf den Knien um Verzeihung bitten und ihr erklären, dass sie der einzige Mensch war, der ihm etwas bedeutete, dass er sie liebte.

Ein Mal presste er noch ganz fest die kleine Scheibe in seine Handfläche, dann richtete er sich auf. Damit es jemals dazu kommen konnte, durfte er jetzt nicht träumen, sondern musste sehen, dass er die Chance nutzte, welche die Götter ihm gegeben hatten. Er trank noch einmal aus dem Bach, dann machte er sich auf den Rückweg. Er war es den beiden Frauen schuldig, ihnen das Trinkwasser zu zeigen, falls er sie noch wiederfinden konnte. Als er jedoch an der Biegung ankam, war weit und breit nichts mehr von ihnen zu sehen.

Er war sich nicht sicher, ob er froh oder enttäuscht darüber war. Wenn sie auf einer unbewohnten Insel gestrandet waren, wäre ein gemeinsames Vorgehen sicherlich von Vorteil gewesen. War das Land jedoch bewohnt, war es vermutlich sogar besser für ihn, wenn sie getrennt auf Spuren der Zivilisation stießen. Letzte Nacht waren sie Kameraden gewesen, zusammengeschweißt durch einen gemeinsames Ziel, das zu elementar gewesen war, um Platz für irgend etwas anderes zu lassen. Das normale Leben aber hatte sie zu Feinden bestimmt. Er wusste nicht, was die Zwergin dazu bewogen haben mochte, in den Niedergang hinunterzusteigen um ihn zu befreien. Sie hatte damit ihr Leben in Gefahr gebracht, so viel war sicher. Es war reiner Zufall, dass sie es noch geschafft hatten, hinaus zu kommen. Genauso wenig allerdings hätte er begründen können, warum er ihren Arm ergriffen und sie mit sich gezogen hatte, aus dem Schiff heraus und bis nach oben an die Oberfläche. Es konnte eigentlich kein ehrlicher Heldenmut gewesen sein und schon gar keine Dankbarkeit, schließlich hatte er keine Sekunde überlegt. Außerdem war er immer schon ein elender Egoist gewesen. Warum also hatte er nicht losgelassen, und zugesehen, dass er sich selbst rettete? Bei den Göttern, er wusste es nicht. Er hatte einfach irgend einem Instinkt gehorcht, der in diesen Sekunden ebenso zwingend und selbstverständlich gewesen war wie sein Trieb, zurück an die Luft zu gelangen. Vielleicht war es bei ihr ähnlich gewesen?

Auf jeden Fall war es keineswegs sicher, dass die beiden Frauen nicht bei nächster Gelegenheit danach trachten würden, ihn erneut irgendwelchen Wachen zu übergeben. So gesehen war es wahrscheinlich richtig so, wie es war.

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Perlenmeer Teil 2: EfferdWo Geschichten leben. Entdecke jetzt