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Mit jedem Schritt, den ich in Richtung Mannschaft mache, desto mehr fühlen meine Beine sich an wie Wackelpudding. Seitdem ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich es erfolgreich geschafft den meisten aus dem Weg zu gehen. Nur mit Lena habe ich das ein oder andere Wort gewechselt, aber auch sie hat ziemlich schnell gemerkt, dass ich gerade einfach nur meine Ruhe haben will. Mein Gesicht zieren tiefe Augenringe und mein Körper fühlt sich an, als würde er jede Sekunde einfach in einen Tiefschlaf verfallen. Ich bin die Letzte, die die Kabine verlassen hatte und jetzt auf die Trainerin wartet. Wir hatten schon Aktivierung und eine Laufeinheit hinter uns und würden jetzt zum Mittelpunkt des Trainings kommen. Schon seit der ersten Sekunde, die ich auf dem Feld stehe, spüre ich ein paar Augen auf mir, ignoriere es jedoch gekonnt. Ich war fix und fertig und auch irgendwie mehr aufgeregt, als noch bei meinem letzten Training. Heute war einfach nicht mein Tag, das hatte ich einfach im Gefühl.

Zusammen mit Lena und Jule laufe ich die gewohnten Runden um den Platz, damit unsere Muskeln nach der Pause wieder etwas warmlaufen. Keiner sagt ein Wort und trotzdem herrscht eine angenehme Atmosphäre zwischen uns. Manchmal ist alles, was man braucht, die Anwesenheit von anderen, um einem von dem Chaos im Kopf abzulenken. Wenn wir die ersten Übungen machen, kann ich auch das erste Mal seit gestern Abend die Gedanken auf etwas lenken, dass mich nicht zum Rande der Verzweiflung und in Richtung Flughafen bringt. Meine Pässe sitzen perfekt und auch meine Grätschen, kommen zum richtigen Zeitpunkt. Das Lob, dass vonseiten der Abwehrspielerinnen und Martina kommt, lässt mich schließlich alles ausblenden, was mich die letzten Stunden noch belastet hat. Alles läuft perfekt, sogar beim Abschluss mache ich das ein oder andere schöne Tor.

„Ich weiß ja nicht, was du heute zum Frühstück hattest, aber das will ich definitiv auch", höre ich plötzlich die Stimme von Sara hinter mir, die mir kurz darauf auf die Schulter klopft. Bei den Worten der Frankfurterin stiehlt sich ein leichtes Lächeln auf meine Lippen, während ich einen Schluck aus meiner Wasserflasche nehme. „Du scheinst heute aber auch das richtige Müsli gewählt zu haben", gebe ich zurück, was nun auch sie zum Lachen bringt. Zusammen machen wir uns auch auf den Weg zurück zu Martina, die bereits mit der Unterstützung der anderen Trainern das Feld freigeräumt hat. Sie hatten diesmal auch die Tore zusammengeschoben, was bedeutet, dass wir gleich zu einem Abschlussspiel kommen werden. Wenn alle Spielerinnen von der Trinkpause zurückgekommen sind, beginnt Martina noch mal kurz wiederzugeben auf was wir im jetzigen Spiel achten sollen. Sie will sehen, inwieweit wir schon umsetzten können, was sie uns die letzten Tage schon in der Theorie mehrfach klargemacht hat. Jetzt geht es darum, das gelernte umzusetzen.

Wie auch schon das letzte Mal stelle ich mich in die Abwehr auf die rechte Seite. In der Innenverteidigung steht das Frankfurter-Duo mit Sara und Sjoeke, wobei Feli auf der linken Seite ihre Position einnimmt. Martina hat schon die ein oder andere Andeutung gemacht, dass so die Startaufstellung bei unserem Testspiel aussehen könnte. Ich war mir jedoch sicher, dass sie wahrscheinlich Giuli den Vortritt lässt und ich dann vielleicht in der zweiten Hälfte zum Einsatz kommt. Die Münchnerin sollte endlich auch ihr Comeback in der Nationalmannschaft haben und das will ich ihr auch auf keinen Fall nehmen. Sie hatte es sich nach dem ganzen harten Training mehr als verdient und man merkt ihr auch an, wie sehr sie sich freut wieder auf dem Platz zu stehen.

Das Spiel beginnt dann ein wenig holprig, muss sich unser Mittelfeld erst mal daran gewöhnen so zusammenzuspielen. So schnell ich kann laufe ich neben Klara Bühl her, die versucht an mir vorbeizukommen. Ich beobachte jeden ihre Schritte genau und versuche mich von ihren kleinen Tricks nicht irritieren zu lassen. Im richtigen Moment entscheide ich mich dazu, meinen Fuß weit nach vorne auszustrecken und den Ball in Richtung Seitenaus zu klären. Etwas frustriert schnappt sich die Münchnerin gleich darauf den Ball und will ihn Lea zuwerfen, die sich schon zum Tor aufgemacht hat. Sara ist jedoch sofort wach und spielt den Ball mit dem Kopf zu Lina Magull, die zu einem Konter ansetzt. So geht das Spiel relativ schnell hin und her. Es wird immer wieder geklatscht nach einer guten Aktion und Martina hat immer wieder Tipps für den ein oder anderen oder ändert mal ein wenig die Formation.

Eckball. Klara Bühl hatte sich den Ball zurechtgelegt und ich mich an den Pfosten positioniert, um Stina Johannes zu unterstützen. Dann geht es ziemlich schnell. Der Ball fliegt in unseren Strafraum, der Ball kommt ziemlich steil auf mich zu und ich setze zum Kopfball an. Im nächsten Moment spüre ich einen stechenden Schmerz an meinem Kopf und halte mich am Pfosten fest. „Oh Gott, ist alles okay?", höre ich die mir allzu bekannte Stimme und schaue direkt in die blauen Augen, denen ich bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Ihre Stirn war leicht in Falten gelegt und sie will gerade näher auf mich zukommen, da mache ich auch schon ein paar Schritte zurück. „Alles gut, nichts passiert", verkünde ich und trabe so wie die anderen wieder auf meine Position. Im letzten Moment, sehe ich noch die Verwirrung in ihren Augen, werde aber schnell durch die Bundestrainerin abgelenkt. Diese will ebenfalls wissen, ob alles in Ordnung ist, was ich mit einem einfachen Daumen nach oben beantworten kann.

Das Training geht erst mal normal weiter und das Pochen hinter meiner Stirn lässt mit der Zeit auch wieder nach. Es wird wohl eine einfache Beule geben. Nach dem Trainingsspiel und einer anschließenden Besprechung ist das heutige Training auch schon wieder beendet und wir machen uns alle auf den Weg Richtung Kabine. Mit wenigen Schlucken leere ich meine Wasserflasche und höre Sara mit halbem Ohr zu, die sich über ihre letzte Grätsche, die ein bisschen missglückt ist, beschwert. Ich zucke leicht erschrocken zusammen, wenn sich ein Arm um meine Schulter legt und ich etwas zur Seite geschoben werde. Zu meiner Erleichterung handelt es sich dabei nur um die Wolfsburgerin, die Sara mit den Worten, ich muss sie mir mal kurz klauen, vertröstet. Wir schweigen einen Moment, bis die anderen sich ein wenig von uns entfernt haben und auch von Laura nichts mehr zu sehen ist.

„Und hast du gestern noch mit ihr gesprochen?", will sie von mir wissen und schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an. Ihre Haare hatte sie nach dem Training wieder zu ihrem bekannten Dutt zusammengebunden und genauso wie ich ist sie bei der Hitze ziemlich am Schwitzen, was durch ihren roten Kopf noch mal unterstrichen wird. Ich würde jetzt so viel lieber einfach unter einer kalten Dusche stehen und nicht über all das sprechen müssen, was mir so durch den Kopf geht. „Nein. Nachdem du mir mein Handy gebracht hast, habe ich nur noch mit meinem besten Freund telefoniert", erkläre ich ihr so kurz, wie möglich und hoffe, dass das Gespräch damit wieder beendet ist. Natürlich ist es das nicht. „Oh, hätte ich gewusst, dass ich dich damit von deinem Gespräch abhalte, hätte ich es einfach ausgeschaltet", entschuldigt sie sich gleich bei mir und nimmt dann einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Ich überlege, wie ich sie so gut es geht beruhigen und vom Thema ablenken kann, ohne zu viel von meiner aktuellen Situation zu verraten.

Meine Batterie war mittlerweile vollkommen aufgebraucht. Erst das lange Gespräch mit ihr darüber, was eigentlich vorgefallen ist, dann der Weg zu der Frankfurterin, um endlich ihre volle Sichtweise zu erhalten und dann auch noch das Telefonat mit Xavier. Ich hatte ihn, nachdem ich alle Nachrichten gelesen hatte, sofort angerufen und wir haben bestimmt über drei Stunden darüber diskutiert, was wir jetzt machen wollen. Außerdem mussten wir uns beide davon abhalten, das jeweilige Land, in dem wir uns befinden, augenblicklich zu verlassen. „Schon okay, es war auch ziemlich wichtig. Es war gut, dass wir noch an dem Abend gesprochen haben", erkläre ich ihr, ohne zu viel zu verraten. Xavier hatten mich gestern zwar noch gebeten, auch darüber mit Lena zu reden, aber ich konnte es einfach nicht. Wie soll ich mit anderen über eine Situation sprechen, die ich selber noch gar nicht richtig verarbeitet habe? „Okay und was war das dann eigentlich auf dem Platz? Warum bist du Laura so aus dem Weg gegangen?", hackt sie noch weiter nach. Zu meinem Glück muss ich mir keine weitere Erklärung für mein Verhalten einfallen lassen, werden wir kurz darauf von Martina unterbrochen. Sie will noch mal sicher gehen, dass es meinem Kopf gut geht und noch mal einen der Mannschaftsärzte draufschauen lassen.

Lena wirft mir noch einen letzten Blick zu, der mir verrät, dass das Gespräch noch nicht beendet ist und verschwindet denn ebenfalls in unserer Umkleide. Ich folge erst mal unserem Mannschaftsarzt Tobias Schmenn in den Behandlungsraum und setzte mich dort auf die Liege. Er führt den ein oder anderen Test durch und tastet die Stelle an meinem Kopf noch mal ab. Wie ich es schon vermutet habe, handelt es sich bei der Verletzung nur um eine Beule, weshalb ich auch ganz normal mit dem Training fortfahren kann. Trotzdem weist er mich darauf hin, dass ich bei auftauchenden Symptomen, wie Übelkeit oder Schwindel, sofort zu ihm kommen soll. Nach der Behandlung kann ich nicht verhindern daran zu denken, wie es wäre, wenn ich mich etwas stärker verletzt hätte. Dann hätte ich nicht mehr mit trainieren können und wäre wieder nach Hause gefahren. Natürlich will ich das nicht wirklich, aber es hätte mir die ganze Situation, in der ich mich gerade befinde, um einiges leichter gemacht.

Deutlich später als die anderen Spielerinnen betrete ich unsere Kabine und bin ziemlich erleichtert darüber, dass die meisten schon fertig sind. Es stehen nur noch Poppi und Linda vor ihren Taschen und packen gerade ihre letzten Sachen ein. „Und was hat der Arzt gesagt?", will die Kapitänin der Mannschaft wissen und schenkt mir ein lockeres Lächeln. Ich bin ein wenig überrascht darüber, dass sie es wohl wirklich zu interessieren scheint, kennen wir uns noch gar nicht so richtig. „Nur eine Beule, nicht schlimmes. Ich kann ganz normal weiter trainieren", erkläre ich ihr, was sie und Linda zu meiner Verwunderung wohl sehr zu freuen scheint. „Sehr gut. Es wäre wirklich schade, wenn du uns so schnell wieder verlassen müsstest", verkündet nun die Münchnerin und wirft ihre Tasche über die Schulter.

Auch diese Aussage überrascht mich ein wenig. Klar hat die Mannschaft gerade einen kleinen Mangel an Abwehrspielerinnen, aber ich glaube kaum, dass sie meine Abwesenheit sonderlich gestört hätte. Mit Giuli, Feli, Sara, Sjoeke und Kathi standen auch ohne meine Anwesenheit genug Abwehrspielerinnen zur Verfügung. Ich war nur als Ersatz mitgereist, waren Maxi Rall, Caro Simon, Sophia Kleinherne und Marina Hegering alle vor kurzen ausgefallen. Caro tat mir mit ihrem Kreuzbandriss am meisten leid, hatte sie sich gerade erst wieder richtig in die Nationalmannschaft zurückgekämpft. „Du hast in den letzten Trainingseinheiten alle von dir überzeugt", höre ich plötzlich die Stimme von Laura Freigang. Sie war gerade aus dem Duschraum gekommen und hat ihr Shampoo in der Hand, was sie wohl dort liegen gelassen hatte. „Da gebe ich ihr definitiv recht. Bei unserem Testspiel will ich dich auf jeden Fall mal richtig in Aktion sehen. Trödelt nicht zu lange, sonst fährt der Bus noch ohne euch", verkündet nun noch mal Poppi bevor sie zusammen mit Linda aus der Kabine tritt und mich mit der Frankfurterin alleine zurücklässt. Na toll.

Unsicher laufe ich schnell zu meiner Tasche und hole meine sauber gefalteten Klamotten heraus. Duschen werde ich dann wohl später im Hotel müssen, war ich jetzt schon ziemlich spät dran. „Können wir reden", flüstert nun Laura, die deutlich näher an mich herangerückt war, als ich erwartet habe. Angespannt schließe ich die Augen. Mir war klar, dass ich Laura in den nächsten Tagen nicht vollkommen aus dem Weg gehen kann, aber dass unser Gespräch so schnell kommen würde, hätte ich tatsächlich nicht gedacht. „Die anderen warten schon. Ich muss mich noch schnell umziehen", versuche ich sie abzuschütteln und ziehe mir mein Trikot über den Kopf. „Dann zieh dich um und hör mir einfach nur zu", stellt die Frankfurterin klar und ich atme hörbar aus. Am liebsten würde ich mir jetzt die Ohren zuhalten.

„Was ich da an dem Abend gesagt habe, dass ich nicht bereue gegangen zu sein. Das war nicht gelogen", beginnt sie das Gespräch und ich merke augenblicklich, wie sich Tränen in meinen Augen bilden. Hatte ich die Situation vielleicht vollkommen falsch eingeschätzt? War der Kuss für sie vielleicht ein totaler Fehler und sie will mir jetzt klarmachen, dass ich mich von ihr fern halten soll? Für meine derzeitige Situation, war das wahrscheinlich die beste Lösung, aber ich merke trotzdem wie sich mein Hals unangenehm zuschnürt und mein Herz schwer wird. „Du hast mich aber nicht aussprechen lassen", führt sie fort und das „Aber", lässt mich für eine Millisekunde aufatmen. „Was ich wirklich bereue ist, dass ich dich einfach gehen gelassen habe. Dass ich nicht mehr dafür getan habe, dass du mit mir kommst", erklärt sie mir und ich drehe mich zu ihr um. Ich schaue direkt in ihre Augen.

So wie sie da vor mir steht, mit diesem Schimmer in den Augen, den ich so sehr vermisst habe und wie sie ihre volle Aufmerksamkeit nur auf mich lenkt. Als wäre ich das einzige Mädchen auf der Welt. Fast breche ich vollkommen in Tränen aus. Am liebsten wäre ich ihr in diesem Augenblick in die Arme gesprungen. Hätte sie an mich gedrückt und nie wieder gehen lassen. Doch dann kommt alles wieder zurück. Die Nachricht meiner Mutter und das anschließende Gespräch mit Xavier. Ich kann ihr nicht in die Arme springen, denn ich muss mich so weit, wie nur möglich von ihr fern halten. Auch wenn es das Letzte ist, was ich will, es ist das Einzige, was mir noch übrig bleibt.„Ich habe dich ein mal gehen lassen Maeve. Das werde ich nicht noch mal tun." Und damit verlässt sie die Kabine und lässt mich mit all meinen Emotionen und Gedanken alleine zurück.

So die Geschichte nimmt so langsam richtig fahrt auf und geht in die spannende Phase über. Was denkt ihr, was ihre Mutter geschrieben hat, dass sie so aus der Bahn wirft? Was wird Maeve als Nächstes machen?
Und habt ihr gestern das Spiel von der Eintracht gesehen? Also ich habe all meine vorhanden Nerven an diesem Nachmittag verloren, genauso wie meine Stimme. Aber wisst ihr, wie komisch es auch ist, plötzlich all die Spielerinnen, über die man gerade eine Geschichte schreibt, persönlich zu sehen? Ganz komische Situation.

Euch auf jeden Fall noch einen schönen Sonntag und passt auf euch auf! :)

2018 // laura freigangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt