12

176 11 2
                                        

Ich mache die Augen auf.
Mein Rücken tut weh und mein Körper ist steif.
Langsam rappele ich mich auf und schaue in den Spiegel.

Mein Gesicht ist immernoch blass, so dass meine Sommersproßen schon fast leuchten, und unter meinen Augen befinden sich dicke, dunkle Augenringe.
Meine welligen Haare sind ganz Strähnig und unordentlich.

» Oh mann, ich sehe ja aus wie ein Penner!«, Murmel ich.

Wie viel Uhr sind es überhaupt?!
Ich suche nach meinem Handy und finde es schließlich unter dem Waschbecken.

06:30

Steht auf dem Bildschirm. Ich habe ja die ganze Nacht auf dem Boden geschlafen!
Mir fällt auf, dass mein Handy blinkt und da entdecke ich auch das Zeichen für eine WhatsApp Nachricht.

Matthias.

Hi, ist alles in Ordnung? Du warst ja heute Nachmittag immer noch nicht zu hause und deine Mutter  war auch nicht da! Was ist los?! Ich mache mir Sorgen!
Ruf mich an, wenn du kannst, wann immer das ist!!!

Matthias.

Mir wird warm um mein verkrampfte Herz.
Schon fast automatisch wählen meine Finger seine Nummer. Ich brauche unbedingt jemanden zum reden und vor allem: Ich vermisse seine Stimme.

Kurz halte ich inne und schüttele über mich selbst den Kopf.
Wie kann man sich nur so schnell verlieben und schon nach ein paar Stunden seine Stimme vermissen?!

Egal. Ich drücke auf den grünen Hörer und das "Tuten" ertönt.

»Mila?!«, sagt seine Stimme alarmiert.

»Ja, ich bin es.«

»Was ist los?«, er ist besorgt.

» Es ist eine lange Gechichte, ich hatte einen Streit mit meiner Mutter wegen ihrem Chef... Er hat ihr Heiligabend das "Frei" gestrichen!«, Ich muss eine Kurze Pause einlegen, damit ich nicht sofort los heule.
»Dann war ich so verletzt, dass ich sie beleidigt habe und sie hat mir eine geklatscht. Daraufhin bin ich aus dem Hausgelaufen, zu ihrem Chef. Ich weiß auch nicht was mit mir los war, aber ich war so sauer...«, Ich bekomme Schuldgefühle und fange jetzt doch, zum tausendsten Mal, an zu weinen.

»Hey, ist doch gut, es ist okay, dass du das gemacht hast!«, sagt Matthias beruhigend.
»Du hast doch recht! Dieses Arschloch kann doch nicht einfach so ihren Urlaub streichen! Da hat er auch überhaupt kein Recht zu! Rein theoretisch könntet ihr damit vor das Gericht gehen!«
Der Krampf um mein Herz legt sich bei seinen Worten etwas und ich erzähle ihm weiter von den ganzen Ereignissen.

»Du hast recht. Auf jeden Fall hat ihr Chef dann die Polizei gerufen und ich bin weggelaufen. Dann bin ich in einem Park zusammengebrochen.
Dort fand mich dann Herr Petrista.
Er nahm mich mit zu sich nach hause und regelte, dass ich bei ihm übernachten konnte …«

»Der, wirklich?!«, unterbricht mich Matthias ungläubig.

»Ja, Pass auf es kommt sogar noch besser!
Am nächsten Morgen dachte ich zuerst, dass er mich entführt hat und wer weiß was mit mir vor hat. Tja und dann... Dann entpuppte sich, dass er mein Vater ist.«, Ende ich.

»Berr Petrista?! Dein Vater?!«, Matthias ist entsetzt.

»Ja, er hat sogar Fotos von mit, mit ihm und meiner Mutter und ein Stammbuch.«

»Ach du Scheiße!«

»Ja! Tja und gestern Morgen beim Frühstück, als ich gerade herausgefunden habe, dass Herr Petrista mein Vater ist, stand meine Mutter in der Tür, mit einem Ausdruck den ich noch nie bei ihr gesehen habe. Und sie hat mich angebrüllt. Matthias, ich habe sie nicht wieder erkannt!«, schluchze ich.
»Sie war mir fremd!«

Bei dem Gedanken meine Mutter all die Jahre nicht richtig gekannt zu haben zieht sich alles in mir zusammen.

» Du arme, dass ist ja alles für sich schon schlimm genug. Aber gleich alles zusammen?!«, seine Stimme ist aufrichtig und gibt mir Mut.

»Ich weiß im Moment einfach nicht, was ich machen soll! Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich nirgendwo richtig bin. Bei meinem Vater kann ich nicht bleiben... Aber nach hause kann ich auch nicht!«
Verzweifelt schlage ich auf meinen Oberschenkel.
Am anderen Ende der Leitung ist es für eine kurze Zeit still.
Und ich frage mich schon ob die Verbindung abgebrochen ist, als er etwas sagt.

» Tut mir leid, dass ich kurz weg  war aber ich habe meine Mutter gerade gefragt, ob es okay wäre wenn du für eine kurze Zeit bei uns Wohnen könntest und sie hat "Ja" gesagt!«,

In mir breitet sich Hoffnung und Freude aus. Bis mir Ein Gedanke kommt.

»Aber meine Mutter würde das nie erlauben!«, sage ich verzweifelt.

»Hm...«, gibt Matthias von sich.
»Warte nochmal kurz!«

Wieder herrscht Stille und ich höre mein Herz pochen.

»Meine Mutter wird deine Mutter anrufen. Und sonst müssen wir mal schauen. Aber das wird schon!«, sagt er schließlich.

Ich bin ihm so dankbar! Ich kenne keinen, der so etwas für mich getan hätte. Mal abgesehen davon, dass ich nur eine Freundin habe, die meinen weit entfehrnt Wohnt und zu der ich kaum noch Kontakt habe.

»Danke Matthias! Du bist echt ein Schatz, danke!«, sage ich überschwänglich.

»Ich lasse dich doch in dieser Situation nicht alleine! Auch wenn ich dich erst seit kurzem kenne... Es kommt mir vor als hätte ich dich schon immer gekannt!«

Es kribbelt in meinem Bauch und vor Aufregung wird mir schlecht.

»Okay, ich muss jetzt gleich zur Schule. Ich vermute ja, dass du heute noch nicht da bist.
Aber wo du jetzt auch gerade bist...«

»Im Bad«, unterbrechen ich ihn.

»hast du da etwa die ganze Nacht verbracht?«, er ist entsetzt.
Es tut gut, dass er sich Sorgen um mich macht.

»Ja«

»Du kannst ruhig heraus gehen. Meine Mutter telefoniert gerade! Alles wird gut, vertraue mir, du schaffst das! Ruf mich jederzeit an!
Tschüss, meine Cinderella.«

Ich erröte. Mir ist klar wieso er mich so nennt. Cinderella wird zwar von ihrer Stiefmutter festgehalten und nicht zum Ball gelassen aber ein bisschen Ähnlichkeiten hat das Märchen mit meiner Situation schon. Ein kleines bisschen.

»Tschüss mein Prinz.« sage ich grinsend zurück und er legt auf.
Noch einen Moment lausche ich dem "Dut-dut", dann lege auch ich auf.

Ich binde meine Haare zusammen und spritze mir Wasser ins Gesicht.
Dann stehe ich vor der Tür. Die Hand über dem Türgriff schwebend.
Du schaffst das!,  erklingen Matthias Worte in meinem Kopf.
Und ich fasse meinen ganzen Mut zusammen und öffne die Türe.

In der Küche klirren es und meine Mutter redet.
Sie telefoniert wohl gerade mit Matthias' Mutter.
Leise schleiche mich in zu der Küchentür. Sie ist angelehnt, so dass ich gut alles verstehen kann.

»Ja... Ja, sie haben recht ein bisschen Abstand würde uns guttun. Okay, ich bringe sie dann heute Nachmittag vorbei.
Okay, Tschüss.«

Erfreut muss ich leicht Lächeln. Seine Mutter hat es geschafft, ich kann zu Matthias!

WeihnachtsliebeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt