Seitdem wir gemeinsam in der Badewanne gesessen und ewig lange geredet hatten, verbrachten wir viel Zeit miteinander. Das fand ich wirklich schön. Häufig trafen wir uns zufällig bei Tätigkeiten, wie wir damals auch schon gemacht hatten. Nur waren wir einander nie aufgefallen.
Ich eierte mit meinem Rollstuhl und tausend Büchern auf meinem Schoß über den Parkplatz von Yanniks Uni. Er hatte noch spätere Vorlesungen, sonst wären wir gemeinsam nach Hause gegangen. Allerdings entdeckte ich meine Gelegenheit nicht allein heim zu müssen. Ich steuerte auf den alten Pickup zu. Der Rost war kaum zu übersehen und vermutlich klapperte er an allen Enden.
Ich hielt neben der Fahrertür an. Das Fenster war heruntergekurbelt.
„Komm schon, Lady. Ich weiß, du magst dieses feuchte Wetter nicht, aber wir haben doch noch was vor? Wenn du jetzt anspringst, fahren wir eine ganz große Runde, ja?" Er klopfte liebevoll auf das Armaturenbrett, ehe er den Motor startete. Es hörte sich nicht ganz gesund an, doch sprang das Auto auf Anhieb an.
„Fuck Yeah!", rief der junge Mann auf dem Fahrersitz und küsste das Lenkrad. „Du hörst dich so schön an. Ich liebe dich, mein Baby!"
Bitte, er saß allein in diesem Fahrzeug. Er sprach wirklich mit seinem Auto.
Schmunzelnd klopfte ich an die Fahrertür. „Ich will euch zwei ja nicht stören..."
Grinsend beugte er sich aus dem Fenster. „Na, Äffchen? Was kann ich für dich tun?"
„Würdest du mich mitnehmen?" Ich deutete auf die Bücher und dann zum Himmel, an dem graue Wolken hingen.
Ursus überlegte. „Aber ich fahr dich nicht nach Hause. Nicht sofort." Er betrachtete mich.
„Und wohin geht's dann?"
„Das wirst du dann sehen. Ich entführ dich."
„Muss ich jetzt Angst haben?"
Er lachte. „Quatsch. Na los, hüpf rein." Er streckte mir die Hände entgegen. „Gib mir mal die Bücher."
Ich gab sie ihm und er legte sie in der Fahrerkabine ab, während ich um den Pickup herum fuhr, mich schwerfällig aus dem Rollstuhl erhob und diesen auf die Ladefläche hievte, unter einer Plane vor eventuellem Regen schützte. Langsam kletterte ich auf den Beifahrersitz. Sein Auto roch muffig und nach kaltem Zigarettenqualm. Kein Wunder, denn er rauchte beim Fahren. Auch nun steckte er sich eine Kippe an.
„Mach mal bitte dein Fenster runter", meinte er und deutete auf die Kurbel an der Tür.
Ich kurbelte das Fenster runter, sah zu ihm.
„Sag, wenn es dich stört." Er hielt die Kippe in seiner linken Hand hoch.
„Solang du mir den Rauch nicht ins Gesicht pustest, ist alles okay."
„Keine Sorge." Er schenkte mir ein Lächeln, ehe er sein Auto vom Parkplatz steuerte.
„Sprichst du eigentlich immer mit deinem Auto?"
„Weißt du, Simia, mein Auto ist eine Frau. Eine Lady, eine Diva. Sie braucht ganz viel Aufmerksamkeit und Liebe, sonst springt sie gar nicht erst an. Dafür ist sie das beste Auto, wenn der Motor erstmal läuft." Man sah ihm an, wie stolz er auf sein Gefährt war. „Die alte Lady kenne ich seit ich ein kleiner Stöpsel war. Sie stand bei meinem Opa in der Scheune. Das ist das erste Auto von meinem Paps. Opa und ich haben es uns zur Aufgabe gemacht, es wieder fit zu machen. Mein Vater hat dieses Auto geliebt. Opa meinte immer, er hätte gewollt, dass ich es fahre. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber ich hab immer das Gefühl ihm ein bisschen nahe zu sein."
Ich betrachtete Ursus, zögerte kurz. „Ist... ist dein Dad..."
Er lächelte traurig. „Er ist gestorben, als ich kleiner war. Deswegen bin ich bei meinem Opa aufgewachsen."
„Und... was ist mit deiner Mutter?" Ich wollte ihm nicht wehtun mit meiner Fragerei, doch interessierte es mich wirklich, wie sein Leben aussah. Seine Familie. Seine Kindheit.
„Ich weiß es nicht. Meine Mutter kenne ich gar nicht." Er sah auf die Straße. „Du musst wissen, meine Eltern waren selbst noch Jugendliche, als ich entstanden bin. Meine Mutter wollte mich nicht, mein Vater schon. Also sind sie getrennte Wege gegangen." Der Fahrer zuckte mit den Schultern. „Ich nehme es ihr nicht krumm. Schließlich war ich nie geplant und Unfälle, so blöd es auch klingen mag, passieren und besser kenne ich sie gar nicht, als hätte sie es total verbockt."
Ich mochte seine Sicht auf die Dinge.
„Und was ist mit deiner Familie?" Er drückte seine Zigarette aus und schloss die kleine Metallbüchse, die er immer dabei hatte. Denn er warf seine Kippen nicht auf die Straße. Mir fiel auf, dass er ohne Filter rauchte. Ich kannte keinen, der das tat.
„Meine Familie?" Ich schob meine Brille hoch und lehnte meinen Kopf an die Kopfstütze. „Da gibt es meine Mutti und meine kleine Schwester."
„Und dein Vater?"
Ich sah zu ihm, ehe ich auf die Straße sah. Es hatte angefangen zu regnen. „Ich dachte immer, ich würde ihm nahe stehen. Aber... als ich die Diagnose bekam, ist er abgehauen..." Ich schloss kurz die Augen. Es machte mich noch immer fertig. Dabei war es Jahre her. „Ich hab seitdem nichts mehr von ihm gehört. Ich vermiss ihn..."
Seine starke Hand legte sich auf mein Knie. „Hast du mal versucht, ihn zu kontaktieren?"
„Nie."
„Und warum?"
„Weil er nichts von uns wissen will. Denke ich."
„Ich finde, du solltest es trotzdem versuchen."
Ich sah auf seine Hand, die noch immer auf meinem Bein ruhte. Wie viele Mädels wohl schon auf diesem Sitz saßen und seine Hand auf ihrem Schenkel liegen hatten, bevor oder nachdem sie gefickt hatten?
„Meinst du?"
„Klar." Er nahm seine Hand weg und legte die an den Schaltknüppel seines Autos. „Vielleicht ist er einfach zu feige, weil er denkt, du willst nichts mehr von ihm wissen."
Leise seufzte ich und rieb mir über die Stirn. „Ich weiß ja nicht."
„Du musst es ja nicht sofort tun." Kurz warf er mir einen Blick zu. „Leben deine Mum und deine Sis in der Nähe?"
„Ein paar Städte weiter. Aber Chris kommt mich öfter besuchen. Wahrscheinlich tut sie es aber nur, weil sie total auf Yps steht." Ich lachte auf, sah zu ihm. Kurz bemerkte ich einen merkwürdigen Ausdruck in seinem Gesicht.
„Yps? Also Yannik?"
„Kennst du ihn?"
„Klar, Yannik und ich sitzen in den Sozi Vorlesungen immer zusammen."
Wichser, dachte ich und sagte stattdessen: „Witzig." Mein bester Freund hatte mir erzählt, dass beide auf die gleiche Uni gingen, doch wusste ich nicht, dass sie sich persönlich kannten.
„Kannst mich ja mal mitnehmen, wenn du dich mit Yannik und Chris triffst", grinste er.
Ich knuffte ihn. „Aber meine Schwester ist erst sechzehn!", rief ich entsetzt.
Er richtete seine Mütze und lachte. „Idiot, was soll ich denn mit deiner Schwester?"
Ich sah ihn komisch an.
„Ein Affe reicht mir."
Wieder knuffte ich ihn.
„Aufpassen, ich fahre!", lachte er.
Im Hintergrund lief eine Kassette. Mixtape. Seine beste Freundin stellte ihm wohl regelmäßig welche zusammen. Voll cool.
DU LIEST GERADE
Ursus [boyxboy]
Romance„Wieso sprichst du ihn nicht einfach an?" „Er will sicher keinen Typen. Schon gar nicht einen, der im Rollstuhl sitzt. Sieh mich doch an." „Gut, dann zeichne ihn halt für den Rest deines Lebens nur in dein Skizzenbuch ohne je ein Wort mit ihm gewech...
![Ursus [boyxboy]](https://img.wattpad.com/cover/186881890-64-k206499.jpg)