„Kommst du eigentlich öfter auf die Idee, Menschen zu bemalen?"
„Sshh... hör auf zu reden", murmelte ich, während ich den Pinsel über Ursus' Gesicht gleiten ließ. „Ich hatte tatsächlich schon öfter diese Idee. Aber ich hab nie jemanden gefragt."
„Und wieso denn mich?"
„Nicht bewegen..." Ich zog noch einige Linien, ehe ich mich ein wenig aufrichtete. „Keine Ahnung. Hab mir gedacht, dass du vielleicht Lust hättest." Ich betrachtete mein Werk. Der Mann lag nackt neben mir auf dem Fußboden meiner Wohnung. Ich war dabei seinen Körper zu bemalen, sodass es aussah, als wäre er tatsächlich nur ein zweidimensionales Bild. „Kannst du aufstehen?"
Er nickte leicht und erhob sich.
„Außerdem weiß ich, dass du kein Problem damit hast, dich vor mir auszuziehen." Ich schob das weiße Hemd zurück auf meine Schulter.
„Nur ein bisschen unfair, dass du angezogen bist. Zumindest so halb." Er konnte sich dieses eine ganz bestimmte Grinsen nicht verkneifen.
„Ich arbeite, mein Freund." Ich wedelte mit dem Pinsel herum, musste allerdings lachen. Wir beide waren uns nicht näher gekommen. Körperlich. Wir hatten uns häufig getroffen, waren essen, haben Mandy besucht. Lange Gespräche geführt, die wir schon immer gern miteinander geführt hatten. Über Gott und die Welt.
Ursus tunkte seine Fingerspitze in den lilafarbenen Klecks, der sich auf der Farbpalette befand, und fuhr mir damit über den Nasenrücken.
„Du stehst nackt vor mir und wählst aufgerechnet violett?" Ich zog schmunzelnd meine Augenbraue hoch.
„Vielleicht bin ich ja... frustriert?" Er hielt den violetten Finger hoch.
Ich ignorierte seine Aussage und pinselte einfach weiter auf ihm herum.
„Hab ich erwähnt, dass deine Wohnung echt cool ist?"
„Ich glaube so fünf mal heute", gab ich zurück. Meine Wohnung war wohl mehr sowas wie ein einziger großer Raum. Es war mal ein Teil einer Lagerhalle und lag in einem Industriegebiet.
„Aber hast du dir mal überlegt, dir ein vernünftiges Bett anzulegen?"
„Den Gedanken habe ich jeden Morgen, wenn ich versuchte von der Matratze in meinen Rollstuhl zu kommen. Aber irgendwie bin ich noch nicht dazu gekommen."
„Ich kann dir eins bauen." Neben seinem Studium hatte er als Tischler gearbeitet und auch sein Großvater hatte ihm viel beigebracht. Ursus war handwerklich sehr begabt. In vielerlei Hinsicht...
„Ernsthaft?"
„Klar, warum nicht? Und ich meine, du musst dir das Leben ja nicht unnötig schwer machen, hm?"
„Aber meine Schlafecke ist sehr gemütlich."
„Das glaub ich dir. Aber dann wird das Bett eben auch gemütlich?" Er sah zu mir runter, während ich die letzten freien Stellen seiner Haut bepinselte.
„Ich überleg es mir, Okay?"
„Ist gut." Er ließ seinen Blick schweifen. An meinen Wänden lehnten ganz viele Bilder, die ich gemalt hatte, einige hingen auch. Kleinere und größere. Eine Wand allerdings war komplett schwarz, was den Raum durch die großen Fenster nicht wesentlich dunkler machte.
„Fühlst du dich nie allein hier?"
„Doch natürlich." Ich wohnte etwas außerhalb und war nicht in fünf Minuten bei meinen Freunden. „Aber meistens finde ich es ganz schön, allein zu wohnen. Es stört niemanden, wenn ich mitten in der Nacht einen kreativen Anfall bekomme. Oder laute Musik höre. Oder sonst was..." Ich legte meinen Pinsel zur Seite, als mein Werk vollbracht war. „Fühlst du dich viel einsam?"
„Allein und einsam sind zwei völlig unterschiedliche Begriffe." Ein leises Seufzen entfuhr ihm. „Aber doch... es kommt schon ziemlich oft vor. Was nicht bedeutet, dass ich unbedingt mit jemandem zusammenleben will. Einfach nur jemanden da zu wissen. Weißt du, was ich meine?" Ursus lachte etwas schüchtern auf. „So wie es damals war...?"
Ich schenkte ihm ein Lächeln. „Ich weiß genau, was du meinst." Es fiel mir etwas schwer, nicht noch etwas hinterher zu schieben. So etwas wie ‚Wenn du es möchtest, kann es wieder so werden'.
„Stell dich bitte vor die schwarze Wand", meinte ich und setzte mich auf den Hocker, der neben mir stand. Eine Kamera war auf die Wand gerichtet.
Ehe ich jedoch begann mein lebendes Gemälde zu fotografieren, warf ich noch etwas zu ihm rüber. „Sonst ist es nicht komplett."
Es war sein Elbsegler. Seine Mütze. Sein zusätzliches Körperteil, das er damals mir überlassen hatte.
„Du hast die ja wirklich noch!" Lachend sah er sich das alte Teil an. „Wow..."
„Ich glaube, sie war lang genug bei mir." Ich schaltete die Kamera ein. „Setz sie auf."
Der Mann tat, was ich ihm sagte und setzte sich seinen Deckel auf den Kopf. Es war als hätte er die Mütze nie abgenommen. Verdammt ja, dieser Anblick hatte ein wenig was von nach Hause kommen.
„Jetzt bist du im wahrsten Sinne des Wortes ein Kunstwerk", flüsterte ich lächelnd, während ich einige Fotos betrachtete, die ich von ihm geschossen hatte. Dabei bemerkte ich gar nicht, dass er auf mich zukam.
„Bin ich das?" Seine Stimme war plötzlich so nahe, dass es mir eine Gänsehaut bereitete.
Ursus griff nach seiner Mütze und setzte sie mir auf den Kopf. „Hast du... meine Nachricht eigentlich gefunden...?" Er zog sie mir tief ins Gesicht. Durch die Farbe in seinem Gesicht, konnte ich nicht sehen, ob er tatsächlich rot wurde. Mein Gefühl sagte mir, dass er es tat. Natürlich wusste ich, was er meinte. Die winzigen Worte, geschrieben auf den Zettel in der Mütze, die meine Welt zum einstürzen gebracht hatten.
„Ja..." Ich sah zu ihm auf.
„Ich will nur, dass du weißt, dass sich... nichts daran geändert hat", hauchte er, während er sich auf meinen Schoß sinken ließ. Völlig nackt und mit Farbe bemalt. Sein Zeigefinger glitt über meinen Nasenrücken, der noch immer so lila war wie zuvor.
„Ich... Ähm..." Es fiel mir schwer, Worte zu finden. „Verdammt..."
Statt jedoch darauf zu warten, dass ich irgendwas erwiderte, fanden seine Lippen die meine. Ich schmeckte die Farbe, die ich drauf gemalt hatte, doch das war kein Grund mich von ihm zu lösen. Mir wurde so unglaublich heiß. Meine Finger glitten durch seine wilden Haare. Sein Gewicht auf meinem Schoß. Es machte mich verrückt. Seine Lippen. Seine Zunge. Seine Hände, die meinen Kopf umfasst hielten.
„Ich bin wirklich... frustriert", raunte er, ehe er mich erneut leidenschaftlich küsste.
Fuck...
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Ursus [boyxboy]
Romans„Wieso sprichst du ihn nicht einfach an?" „Er will sicher keinen Typen. Schon gar nicht einen, der im Rollstuhl sitzt. Sieh mich doch an." „Gut, dann zeichne ihn halt für den Rest deines Lebens nur in dein Skizzenbuch ohne je ein Wort mit ihm gewech...
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