11

82 7 0
                                        

Das Seufzen ihrer Mutter war lauter als die Türklingel, als die beiden ankamen. Noch lauter war aber die Stimme ihrer Mutter, die kurz später durch die Wohnung brüllte: „Jimin, Min-jae, macht ihr bitte die Tür auf." Ersteres sprang auch direkt auf, da sein Bruder noch mit den Muffins beschäftigt war und als er seinen Großeltern die Tür öffnete, bekam seine Großmutter auch schon einen halben Herzinfakt: „Ach herrje, was hast du denn mit deinen Haaren angestellt!" Der Angesprochene zuckte nur mit den Schultern und lächelte beschämt. Ihm gefiel die Haarfarbe so, aber das zählte für seine Oma sicherlich nicht als Argument. Stattdessen nahm er dieser ihren Mantel ab und hing ihn zu den anderen Jacken, sein Großvater übernahm das selbst. Kaum hatten sie das Wohnzimmer betreten stürzte sich seine Oma schon auf den anderen Bruder und kommentierte, wie groß dieser geworden war. Dabei verdrehten alle anderen im Raum jedoch nur die Augen, das war sehr unwahrscheinlich, immerhin hatten sie ihre Großeltern vor nicht einmal zwei Monaten besucht. Schließlich kaum auch ihre Mutter herein und trug in beiden Händen eine Kanne, einmal gefüllt mit Kaffee und einmal mit Tee. Die Tassen standen bereits auf dem Wohnzimmertisch. Min-jae nahm seiner Mutter sofort den Kaffee aus der Hand und wollte sich schon etwas einschenken, doch der Blick der jungen Frau sprach Bände: Erst sollten die Gäste bekommen. Und so schenkte er doch zuerst seinen beiden Großeltern ein und wollte dann sich seiner Tasse widmen. Allerdings war wieder ein Räuspern ihrer Mutter zu vernehmen und so ließ es der Jüngste sein und bediente sich am Tee. Normalerweise war es ihrer Mutter egal, wann und wie viel Koffein ihre Söhne zu sich nahmen. Doch sobald ihre Eltern im gleichen Haus waren, änderte sich das. Generell waren Erwachsene, wie ausgewechselt, wenn sie auf andere Erwachsene trafen, bemerkte Jimin.

Dieser saß übrigens den Großteil des Abends nur daneben und beobachtete das Geschehen, um ihn herum. An den Gesprächen beteiligte er sich eigentlich nur, wenn er etwas gefragt wurde oder aus einem anderen Grund seinen Namen hörte. Denn mit den Gedanken war er ganz wo anders beziehungsweise bei jemand komplett anderes. Ob Yoongi seine Nachricht schon gefunden hatte und ob es für diesen überhaupt von Bedeutung war, dass der Jüngere ihm verziehen hatte?

Natürlich war das für Yoongi wichtig, deshalb schmückte dessen Lippen auch ein erleichtertes Lächeln als er Jimins Schnipsel fand und die Botschaft darauf las. Auch wenn er den Kaugummi-Trick ein bisschen ekelhaft fand. Doch er ließ sich davon nicht abschrecken, immerhin hatte er schon weit aus widerlicheres gesehen und erlebt. Der Ältere beschloss jetzt jede Nacht herzukommen, in der Hoffnung den anderen anzutreffen und sich mit diesem noch einmal richtig auszusprechen. Doch Jimin ließ auf sich warten, fast eine Woche.

Als Jimin in der Nacht von Donnerstag auf Freitag endlich wieder den Spielplatz betrat, war es Yoongi, der fehlte. Dieser saß ziemlich enttäuscht in seiner Wohnung und war davon überzeugt, dass die Nachricht von dem Jüngeren entweder nicht ernst gemeint war oder gar nicht von ihm stammt. Jimin, der nun Platz auf einer der Schaukeln nahm war ebenso enttäuscht, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Er hatte die Hoffnung auf den Älteren zu treffen, denn er wollte erstens nicht alleine sein. Allein war er viel leichter zu erreichen für die hinterhältigen Gedanken und die verschlingende Dunkelheit. Zweitens hatte er den Braunhaarigen schon ein wenig vermisst. Ein wenig war zwar untertrieben, doch mehr wollte sich der Kleinere nicht eingestehen. Er hatte nicht viel Erfahrung, was Gefühle, die über Freundschaft gingen, aber das seine Gefühle irgendwann so weit reichen würden, glaubte er eh nicht. Beziehungsweise wollte er sich damit nicht beschäftigen, denn die Monster in seinem Kopf hatten sowieso schon genug Angriffsfläche.

Der Junge schaukelte nur leicht vor und zurück, so dass seine Füße immer am Boden blieben und war in dunkeln Gedanken vertieft. Er bekam gar nicht mit, wie noch eine Person den Spielplatz betrat und bei dieser Person handelte es sich um niemand anderes als Yoongi. Derjenige, an den Jimin gerade dachte war es also auch der ihn zurück in die Realität holte: „Ich dachte nicht mehr, dass du kommst." Jimin schreckte auf und fiel von der Schaukel, allerdings nicht sehr tief und zum Glück war der Boden auch nicht nass. Beschämt setzte er sich wieder richtig hin und obwohl es nicht die Absicht des Älteren gewesen war, klang es für Jimin so als wäre er unerwünscht. „Wieso sollte ich es nicht sein? Das ist auch mein Rückzugsort?", obwohl seine Wortwahl mit Absicht etwas schnippisch gewählt wurde, konnte man die Verunsicherung heraushören. Hätte Yoongi dem Jüngeren jetzt bestätigt, dass er diesen nicht hier haben wolle, wäre er sofort gegangen.

Aber das war ja nicht der Fall, stattdessen hatte Yoongi Mühe seine Freude über das Wiedersehen in Grenzen zu halten. Doch auch er war unsicher, denn jetzt musste er sich entschuldigen.

Er setzte sich auf die Schaukel neben Jimin und überlegte fieberhaft, wie er beginnen sollte. Als er von Jimin unterbrochen wurde, dieser versuchte jetzt anscheinend mit Smalltalk die Stille zu füllen: „Wie war deine Woche?" Yoongi konnte aus Verwirrung erstmal nicht antworten, doch auch das wurde von dem Jungen neben ihm übernommen: „Meine war ziemlich hart, Schule macht mich gerade echt fertig." Schließlich hatte auch Yoongi sich erholt: „Warum denn? Was ist gerade so los in der Schule." Jimin begann sofort zu erzählen, er fand es angenehm über eines der Kleineren Probleme zu reden und so ein bisschen Frust ablassen zu können, ohne dass er großartig etwas verraten musste. „Naja, obwohl das unser letztes Schuljahr ist und wir eigentlich schon damit beschäftigt sein sollten für die Abschlussprüfungen zu lernen, geben uns die Lehrer weiterhin einen Berg von Hausaufgaben, Ausarbeitungen und Referate auf." Er schaute finster auf seine Füße, während Yoongi ein Licht aufging: „Deshalb warst du also die ganze letzte Woche nicht hier", obwohl es mehr eine Feststellung war als eine Frage, nickte Jimin bestätigend. Nur einen Moment hatte der Jüngere die Worte des anderen gerade eben realisiert und schaute auf: „Hast du etwa auf mich gewartet?" Sein Stirnrunzeln deutete auf die Verwirrung und Ungläubigkeit des Jungen hin, sein Gegenüber zuckte allerdings nur mit den Schultern und nickte. Diese Antwort zauberte Jimin ein Lächeln auf die Lippen, denn er fühlte sich nach einiger Zeit wieder wertgeschätzt, wenn auch nur ein bisschen.

---

Diesmal ein ungewöhnlich langes Chappie für euch, Zucherherzen! <3

Feeling guilty || YOONMINWo Geschichten leben. Entdecke jetzt