Chapter - 6

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Elian

Silvan hatte mich eng umschlungen. Sein Gesicht war in meinen Haaren vergraben und seine Nase rieb gegen mein Ohr. Er atmete tief ein und aus. Immer mal wieder seufzte er auf.

Sanft drückte ich mich leicht aus seiner Umarmung und betrachtete seine schlafende Gestalt. Betrachtete seine feinen Gesichtszüge, seine leicht krumme Nase, die nach einer Schlägerei nie richtig verheilt war, seine langen dunklen Wimpern, seine vollen Lippen, seine braunen Haare, mit den einzelnen kupferroten Strähnen, die feine Narbe an seiner Wange vom Training.

Zufrieden atmete ich schaudernd aus und kuschelte mich wieder näher an meinen Gefährten. Seine Wärme verdrängte die Überbleibsel an Kälte in mir. Ein Schmatzen war von ihm zu hören, bevor er mich noch näher an sich zog.

Er hatte mich akzeptiert.

Und heute war endlich der Tag gekommen, an dem er unsere Verbindung vollständig spüren würde. Silvan würde das gleiche spüren, wie ich es schon so lange tat. Heute würde er mich als seinen Gefährten erkennen und genau wissen, dass ich es war. Doch er wusste es bereits. Wusste es und wollte mich.

Als ich daran zurückdachte, was vor einigen Tagen geschehen war, schauderte ich ehrfürchtig. Diesmal war meine Verwandlung schlimmer gewesen. Zwar wusste ich nichts mehr von vor meiner ersten Wandlung, aber ich fühlte es. Spürte es tief in mir. Die Verderbnis und den Untergang.

Ich hätte sie alle töten können, ohne dass ich mich hätte kontrollieren können. Nichts hätte mich aufgehalten.

Dass ich überhaupt gerettet werden konnte, grenzte an ein Wunder.

Und doch war ich von nun an verflucht. Denn jetzt war ich gefährdeter als vorher. Die Kälte und flüsternde, wenn auch sehr leise, Finsternis war in mir und wartete nur darauf, dass ich wieder den falschen Weg wählte. Dass ich wieder den Dämonen in mir wählte und mich wandelte. Und diesmal für immer. Ohne eine Chance auf eine Rückkehr.

Alexi wollte mir zwar einen Gegenstand erstellen, der die Finsternis zurückdrängen sollte. Oder eher wie in eine Käfig sperrte. Aber am Ende des Tages war ich noch immer gefährdet. Ich musste lernen mich kontrollieren zu können. Musste lernen mich zu kontrollieren, wo es keine Kontrolle gab. Wenn die nächste Wandlung kam, würde sie nichts aufhalten können, da war ich mir sicher.

»Hey...« Gähnend öffnete Silvan seine Augen. »Alles gut?«, fragte er leise und strich sanft durch meine Haare. Das Braun seiner Augen spiegelte wieder die Fruchtbarkeit meines Waldes wider.

»Hey, ja, alles ist gut.« Ich lächelte ihn an. Schenkte ihm mein bestes falsches Lächeln. Hoffte, er würde die Falschheit übersehen.

Er kannte mich zu gut. Seine Augenbrauen zogen sich skeptisch zusammen, ehe er sich auf einmal auf den Rücken drehte und mich mit sich zog. Erschrocken schnappte ich nach Luft, musste aber leise lachen als ich nun mit dem Bauch auf seinem Oberkörper lag.

»Was sollte das denn?« Schmunzelnd wischte ich ihm eine Strähne aus der Stirn.

»Versuch einfach nicht über Dinge nachzudenken, die noch nicht eingetroffen sind. Je mehr du darüber nachdenkst, desto stärker fürchtest du dich und gibst deinen Ängsten das Futter, das sie brauchen. Wir schaffen das schon irgendwie. Gemeinsam«, sagte er.

Er musterte mich eingehend und endlich erlaubte ich mir mein falsches Lächeln fallen zu lassen. Erschöpft senkte ich meinen Kopf auf seine Brust.

»Ich versuche es... Aber wenn ich daran denke, dass ich euch alle hätte umbringen können...«, flüsterte ich und verzog mein Gesicht gequält.

Forest SpiritWo Geschichten leben. Entdecke jetzt