Chapter - 15

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Elian

»Elian«, weinte sie. »Mein wunderschöner Elian!«

Ihre Tränen durchnässten meine Schulter. Unkontrolliert rieb sie ihre Arme über meinen Rücken, durch meine Haare, meine Arme rauf und runter. Erst als sie glaubte, die richtige Position gefunden zu haben, krallte sie ihre Finger schluchzend in meinen Rücken.

Sanft drückte ich sie näher an mich, obwohl bereits kein Blatt mehr zwischen uns passte und vergrub meine Nase in ihr weiches Haar. Tränen sickerten aus meinen Augen als ich ihren familiären Duft einatmete.

Die wohl duftende Frühlingswiese, die mich sogleich in meine Kindheit zurückversetzte. Ich erinnerte mich daran, wie sie mit mir unter einem Baum gelegen hatte, um mir Geschichten zu erzählen und ich war zu ihrer Stimme und ihrem lieblichen Duft eingeschlafen.

Ich hatte sie so sehr vermisst.

»Mama...«, hauchte ich erleichtert. Fühlte diesen unendlich schweren Stein von meinem Herzen fallen und schmolz. Ich heilte etwas in mir, das eine stinkende und verrottende Wunde gewesen war.

Tief inhalierte ich ihren Duft erneut. Er umarmte meine Sinne und hieß mich willkommen. Ich war Zuhause. Endlich — nach so vielen Jahren.

Schniefend löste sie ihren Klammergriff, jedoch verschwand sie nicht aus meinen Armen. Sie presste ihre Hände an meine Wangen und musterte eingehend jeden Fleck in meinem Gesicht. Sie suchte nach Anzeichen, dass das alles nur ein grausamer Traum war. Doch es war weder ein Traum, noch ein Albtraum.

Ein klägliches Wimmern entkam ihren Lippen, als sie realisierte, dass ich wirklich vor ihr stand. »Mein Sohn«, wimmerte sie bebend. »Wo warst du nur all die Jahre?« Mehr und mehr Tränen löste sich aus ihren Augenwinkeln.

Zärtlich schenkte ich ihr ein Lächeln, während ich ihr mit zitternden Fingern jede einzelne Träne wegwischte. »Das ist eine sehr lange Geschichte... Es ist so unendlich viel geschehen.«

Sie zog meinen Kopf zu sich runter und presste ihre Stirn an meine, ehe sie ihre Handflächen an meinen drückte und wir sie auf Schulterhöhe hoch hielten. Es war eine Begrüßung, die Vater und sie damals immer gemacht hatten, wenn er aus einer Schlacht zurückkehrte. Eine intime Begrüßung, aus Angst, Dankbarkeit und so viel mehr.

»Wir dachten, du seist tot.«

Ihre Worte klangen anklagend und gebrochen. Das Entsetzen über den Anblick, den sie damals beobachtet hatten, hatte sie bis heute nicht verlassen.

Sachte löste sie ihre Stirn von meiner und ließ ihre Arme fallen.

»Du wurdest von all ihren Waffen durchbohrt und... dein Kopf.« Sie strich mir über Kehle. Über die wulstige ringförmige Narbe, die nach der Rückkehr meiner Erinnerungen erschienen war.

»Überall war dein Blut. Und die Waffen. Sie mussten dein Herz beschädigt haben. Das... Das konnte nur dein Tod sein. Du hättest tot sein müssen, Elian.« Verzweifelt kniff sie ihre Augen zu. Erneut flossen Tränen über ihre rosigen Wangen.

»Das war alles meine Schuld. Frieden, wie naiv war ich zu denken, wir könnten Frieden schließen? Ich hätte mir denken können, dass wir in einen Hinterhalt gelockt werden. Ich hätte mehr Verstärkung mitnehmen sollen. Du wärst nie getötet worden. Melchior wäre nie so schwer verletzt worden. Und du...« Sie runzelten ihre Stirn. »Du bist nicht tot. Wo warst du nur all die Jahre, Elian? Hat dich jemand gerettet? Aber wie? Wir sahen doch, wie sie dir deinen Kopf—«

Erschöpfung zerrte an meinen Gliedern und meine Seele. Trotzdem zwang ich mich zu einem Lächeln. Wollte für meine Mutter stark sein. Eigentlich müsste ich mich nie zwingen, zu Silvan zu sehen, doch in diesem Moment kostete es mich alles an Energie, das ich aufbringen konnte.

Forest SpiritWo Geschichten leben. Entdecke jetzt