Chapter - 30

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Elian

Sanft wurden meine Haare zurück gebürstet und in eine feine hochgesteckte Flechtfrisur gestaltet, die sich um meinen Hinterkopf schlang. In sie wurde das blaue Haarband von Elladan geflochten.

Eigentlich waren Schmuckstücke, die auch außerhalb der Zeremonie getragen wurden, nicht erlaubt. Denn heute symbolisierte ich den reinen weißen Hirsch. Jedoch machten wir speziell für Elladan eine Ausnahme. Für sein Opfer und seine Verbindung zu mir.

Sie legten mir einen langen weißen Mantel um. Es war mehr wie ein Kleid — eine Robe — wie die von Priestern. Ohne besondere Verzierungen oder sonstige Verschönerungen. Pur weiß für mein wahres Ich.

Außerdem trugen wir keine Schuhe bei der Zeremonie, um die Verbundenheit mit dem Boden zu symbolisieren.

»Weißer Hirsch.«

Ruhig hob ich meinen Kopf und sah durch den riesigen Spiegel zu dem Diener, der hinter mir stand. In seinen Händen lag meine Krone auf einem Tuch.

Ich drehte mich zu ihm und nickte ihm zu, damit er mir die Krone auf mein Haupt setzen konnte. Über die Krone legte er einen Schleier, der mich komplett verhüllte.

Als ich mich durch den weißen Stoff im Spiegel betrachtete, fühlte ich die Realität auf mich eindrücken. Zitternd strich ich über die Robe und schloss meine Augen, um innere Ruhe zu finden. Dabei pochte mein Herz so stark, dass ich es in meiner Kehle fühlen konnte.

»Eli.« Kain betrat das Ankleidezimmer.

Ohne auf ihn zu antworten, öffnete ich meine Augen und starrte ihn durch den Spiegel an. Eigentlich sollte er heute besonders vorsichtig sein, mit welchem Namen und Titel er mich ansprach. Gerade heute, am Tag meiner Krönung.

Doch ich ließ es ihm durchgehen. Es tat gut von ihm so genannt zu werden, weil es den Druck von mir nahm. Es lockerte die Ernsthaftigkeit, die mich gerade zerfraß.

Noch einmal atmete ich tief durch, ehe ich zu ihm lief. Vor ihm blieb ich stehen. Stumm tauschten wir unsere Gedanken mit Blicken aus, bevor er zur Seite trat und mir Durchgang gewährte.

Er war anders gekleidet als sonst. Heute repräsentierte er nicht meinen Schatten, sondern mein Licht. Er trug den Schnitt seiner normalen Uniform, doch in derselben reinen Farbe wie ich. An seiner Hüfte trug er wie immer sein Schwert, genauso wie er heute Hirana mit sich trug. Seine Haare waren in einen langen Zopf geflochten.

Unsere Schritte schallten wie ein Echo an den Wänden wieder. Die Hallen, egal ob sie von Gästen betreten werden konnten oder nicht, waren festlich geschmückt. Blumen in allen möglichen Farben waren in Kränze gebunden. Lange Stoffbahnen hingen überall hinab. Es blieb keine Stelle aus, die nicht irgendwo einen Hirsch und Wolf zeigten.

Und je näher wir dem Thronsaal kamen, desto mehr stieg die Nervosität in mir auf.

Schweigend blieben wir vor den gigantischen Flügeltüren stehen. Ich hörte bereits die Gäste im Inneren. Fest ballte ich meine Hände zu Fäusten.

»Wenn Silvan und ich gekrönt sind, werde ich ihn zurück nach Hause schicken«, sagte ich ohne Ankündigung.

Kains Augen weiteten sich. Er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, doch ich unterbrach ihn schon, bevor er überhaupt ansetzen konnte zu protestieren.

»Nicht so, dass er nicht zurück zu mir kann. Wir haben darüber geredet. Ich schicke ihn nicht fort und er will auch nicht meine Seite verlassen. Aber du weißt, was er gleich erhalten wird, und zu was er gleich gekrönt wird.

»Dennoch wünsche ich mir, dass er seinen Schulabschluss machen soll. Es ist sowieso nicht mehr lange, aber er soll diesen Teil in seinem Leben abschließen können. Selbst wenn er Schule hasst. Wenn er will, kann er jedes Mal nach der Schule zurück hierher kommen. Aber er soll jedenfalls seinen Abschluss machen.«

Forest SpiritWo Geschichten leben. Entdecke jetzt