Elian
Dunkelheit umfing mich. Kein Schimmer von Licht schenkte mir Hoffnung. Träge hing mein Kopf runter. Meine Arme waren hoch über meinen Kopf in eiserne Ketten gefesselt. Meine Füße baumelten gerade so über den Boden. Nur manchmal fühlte ich wie meine Zehen über den eisigen Boden streiften.
Mein Oberkörper war für ihre Folter freigelegt. Ich brauchte kein Licht, um zu wissen, dass ich über und über mit Blut bedeckt war. Es war verkrustet und getrocknet. Es klebte an meiner Haut und juckte und stank.
Ich wusste nicht, wie viele Jahre vergangen waren. Jahrzehnte? Jahrhunderte? Jahrtausende? Zu viele, da war ich mir sicher.
Meine Kehle brannte selbst nach all der Zeit noch unangenehm. Sie hatten mir meinen Kopf abgetrennt. Doch selbst eine solche Wunde würde heilen, solange kein Schaden an meinem Herzen war. Der Heilungsprozess hatte gedauert, aber als ich aufgewacht war, hatte ich mich in dieser Dunkelheit wiedergefunden.
Mir war schrecklich kalt. Die Temperaturen hier waren zu niedrig. Ich würde mich wahrscheinlich nie an sie gewöhnen. Nicht an die Kälte und nicht an die Folter — keiner würde es.
Jahre der Folter und ich hatte das Gefühl es wurde immer schlimmer. Sie brachen etwas in mir. Etwas kratzte an einer unsichtbaren Wand und wartete nur darauf, befreit zu werden. Die Kälte, die am Anfang nur von außen war, breitete sich in meinem Inneren aus. Die Klauen, die mich vorher nur von außen verletzt hatten, kamen nun auch von innen.
Da war etwas in mir dem ich bald nicht mehr entkommen konnte.
Die schwere Eisentür ächzte. Ich zuckte schon lange nicht mehr zusammen. Sie konnten mich brechen. Die Kälte konnte mich von innen angreifen. Doch so sehr mich ihre Folter auch quälte, ich würde ihnen diese Schwäche niemals preisgeben.
Ich würde nicht erlauben, dass sie diese Genugtuung bekamen. Dass sie bekamen, was sie wollten. Ich war zu stolz, um ihnen das zu geben.
Und ich würde daran festhalten, selbst wenn meine Seele langsam aber sicher zersplitterte. Eher starb ich mit Stolz im Herzen, als ihnen zu zeigen, wie sehr sie geschafft hatten, mich zu brechen.
»Deine Wunden sind ja schon wieder verheilt«, spie eine kratzende Stimme, die mir Säure auf die eigene Zunge beschwor. »Die Selbstheilung des weißen Hirschs ist wahrlich beachtlich.«
Der Dämon tänzelte um mich herum. Sein verwesender Geruch brannte in meiner Nase. Angewiderte rümpfte ich sie.
»Und du bist hier, um mir neue zuzufügen«, höhnte ich. »Plappere nicht groß drumherum und fang schon an.« Ich rollte meine Augen und hob mit aller Mühe meinen Blei schweren Kopf.
»Ein so schlauer weißer Hirsch.«
Er setzte seine Knochenklinge genau über meinem Herzen an. Sein Kichern verriet mir, dass er gemerkt hatte, wie mein Körper sich auch nur für eine Millisekunde angespannt hatte. Dann ließ er sie zärtlich über meinen Brustkorb gleiten, teilte meine Fleisch in Zwei und schnitt durch meine Haut bis zu meinem Hosenbund.
Ich hatte mich vielleicht vorher angespannt, doch ich würde ihm nicht erlauben, meine Schreie zu hören. Noch nicht. Noch waren die Schmerzen zu gering, um wahnsinnig vor Schreien zu werden. Kräftig presste ich meine Lippen aufeinander und kämpfte. Mit mir selbst, ihm und vor allem dem Ding in mir.
Immer wieder ließ er die Klinge über meine Haut tanzen. Er bohrte sie in mich. Trennte mir Finger und Zehen ab. Einmal schnitt er mir meine Zunge raus und ich erstickte an meinem eigenen Blut. Doch meine Selbstheilung hatte mich zu schnell wieder geheilt.
Je mehr Wunden er mir zufügte und je näher er dabei zu meinem Herzen kam, desto mehr gewann das Ding in mir an Oberhand.
Ich schrie. An einem Punkt begann ich zu schreien. So lange, dass ich meine Stimme verlor und trotzdem noch stumm weitermachte.
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Forest Spirit
FantasyCover Credits gehen an @Beyond_Borderland ! Danke für dieses fantastische Cover! ☪ Elian, der verfluchte Waldgeist, der zu einem Walddämonen wurde und seinen Gefährten in der Geschichte von Harper fand, erhält nun seine eigene Geschichte. Liebe wäc...
