Elian
»Hier sind die Unterlagen, um die Ihr gebeten habt«, sagte Silfira als sie die Blätter und Ordner auf meinen Schreibtisch ablegte. Ich warf ihr einen kurzen Blick über meine Brillengläser hinweg zu und lächelte sachte — müde traf es wohl eher.
Es waren schon der vierte Tag in der Woche und ich konnte es nicht mehr erwarten, bis Silvan endlich wieder an meiner Seite war.
Die letzten Tage hatte ich mich mit den Zwillingen durch all unser Wissen gewühlt und hatte dabei, im Gegensatz zu den beiden, kaum geschlafen. Ich konnte es einfach nicht. Ohne ihn an meiner Seite, kam ich nicht mehr zur Ruhe. Schon gar nicht bei dem Gedanken, wie die Zeit an mir wegrannte.
Ja, Silvan war noch jung und uns blieben ganz sicher noch gut zehn Jahre bis er ein Alter erreichte, wo er sich vielleicht schon zu alt für mein Aussehen fühlte. Aber für uns Waldgeister waren zehn Jahre nichts. Die Zeit flog und ich war verzweifelt.
Erschöpft blinzelte ich, als die Wörter auf dem Blatt verschwammen.
Meine Aide goss mir frischen Tee ein. »Ihr braucht Schlaf«, murmelte sie besorgt.
»Nur noch das hier«, lehnte ich ab und räusperte mich. Mein Hals fühlte sich trocken an, obwohl sie mir ständig neuen Tee einschenkte. Aber mein Hals konnte warten, schließlich musste ich mich noch um die Aufgaben für das Königreich kümmern, neben meinen Nachforschungen.
»Das habt ihr schon vor zwei Tagen gesagt«, seufzte sie.
Als ich mich durch die ersten Worte gelesen hatte, sagte ich abwesend — ich hörte ihr bereits nicht mehr zu, »Würdest du mir bitte zu diesem Teil nochmal das Buch von Marton bringen?«
Marton war ein uralter Waldgeist gewesen — er war mittlerweile eins mit der Natur geworden — der sich mit Alchemie und Magie beschäftigt hatte. Und ganz besonders, mit der Kraft der reinen Seele. Viel gab es nicht über ihn, da er nie wirklich mit seiner Forschung an die Öffentlichkeit gegangen war, aber ein paar Aufzeichnungen befanden sich in der Bibliothek im Palast.
Silfira seufzte. »Natürlich, Majestät.« Sie verschwand aus dem Arbeitszimmer.
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, ließ ich den Stift aus meiner Hand fallen und die Brille von meiner Nase rutschen. Mein Kopf fiel auf meine Arme, die ich auf dem Schreibtisch verschränkte und schloss meine Augen. Mein Kopf pochte fürchterlich und meine Konzentration war auch nur noch ein Häufchen Elend.
Ich war müde. Ich wollte nur noch schlafen. Aber ich hatte es ihm versprochen. Ich hatte ihm versprochen, ihn unsterblich zu machen — ihn zu einem von uns zu machen.
Und während ich in Verzweiflung darüber nachdachte, verfiel ich dann doch der Müdigkeit, gegen die ich in den letzten Tagen krampfhaft angekämpft hatte.
Nur taub, bemerkte ich, wie jemand mir eine Decke über die Schultern legte.
»Er sieht schrecklich aus«, hörte ich eine dumpfe fassungslose Stimme.
»Eli, hat die letzten Tage auch kein Auge zugetan...«
Eine Hand fuhr durch meine Haare, die mich wohlig seufzen ließ. »Ich sollte doch meine Schule abbrechen, wenn es ihm so geht. Scheiß auf mein sterbliches Leben und einen Abschluss, den ich eh nicht brauchen werde«, sagte die andere Stimme zweifelnd.
»Es war sein Wunsch. Du verdienst es die Jahre deiner Sterblichkeit zu genießen. Das will er dir nicht nehmen.«
»Aber nicht so. Nicht, wenn ihm unsere Entfernung so zusetzt.«
DU LIEST GERADE
Forest Spirit
FantasyCover Credits gehen an @Beyond_Borderland ! Danke für dieses fantastische Cover! ☪ Elian, der verfluchte Waldgeist, der zu einem Walddämonen wurde und seinen Gefährten in der Geschichte von Harper fand, erhält nun seine eigene Geschichte. Liebe wäc...
