Elian
So schwer es mir auch fiel, ich ignorierte Silvan über Wochen, Monate, mittlerweile sogar fast zwei Jahre. Tat es, um mich fern zu halten. Tat es, um ihm seine Zeit zu geben und ihn nicht unbewusst zu beeinflussen. Tat es, weil ich verletzt war.
Was war mit ihm? Es interessierte ihn nicht. Er sprach nicht mit mir. Ignorierte mich, wie ich ihn ignorierte. Nur im nötigsten Fall sprach er mal ein Wort mit mir. Hielt einen Abstand, der mich tagtäglich mehr auseinander riss und an einen Abgrund stieß, in den ich nie wieder blicken wollte.
Und so vegetierte ich einfach vor mich hin.
Ich wusste nicht, ob ich es mir einbildete. Es war eine gute Möglichkeit, denn mein Kopf produzierte genug Szenarien, die man nur als Einbildung oder Illusion ansehen konnte.
Aber ich glaubte, manchmal verbitterte Blicke auf mir zu spüren. Doch wenn ich zu ihm sah, blickten mich brauen Augen an, die nicht länger wie der Boden aussahen, auf dem ich einen Wald erreichten wollte. Keine Emotionen. Er besaß nichts für mich. Er hatte nichts für mich übrig.
Ich gab mein bestes, um den stechenden Schmerz in meiner Brust und das Brennen in meinem ganzen Körper zu ignorieren, doch mit jedem Mal wurde es schwerer. Spürte Finsternis an meinen Fersen. Fühlte es wie ein unheimliches schwarzes, steigendes Wasser, das nur darauf wartete an Geschwindigkeit zu gewinnen und mich zu ertränken.
Ein Wasser, das viel mehr wie Öl war. Klebrig und schwer zu entkommen. Ich war der Vogel, der in den austreibenden Schadstoff eines gesunkenen Schiffs geraten war. Ich steckte in einer Naturkatastrophe fest und konnte meine Flügel nicht ausbreiten, um dem Meer zu entkommen. Ich konnte nur ertrinken.
Sein Kuss mit Ashley hatte mich nie verlassen. Ich hatte ihn noch nie davor mit jemanden anderen gesehen und dieses eine Bild, blieb mir ewig in Erinnerungen gebrannt. Es verfolgte mich in Albträumen, wenn ich mich in meinem Bett hin und her war und flehte, dass er aufhören sollte. Er und andere Albträume, die ich beim Erwachen nicht mehr klar aufrufen konnte, verfolgten mich. Ich erinnerte mich bloß an die Panik und Furcht und den unbarmherzigen Zorn.
Ashley blieb keine einmalige Sache, genauso wie die anderen Mädchen. Fast wöchentlich schleppte er ein neues Mädchen an.
Ich hörte ihr Treiben durch die Wände.
Es kam unvorbereitet, weshalb ich nie rechtzeitig fliehen konnte. Denn sobald ich sie hörte, krampfte sich mein Körper zusammen. Schmerzen prickelten über meine Haut, als würden mich hunderte Hornissen stechen. Meine Faust war jedes Mal fast ganz in meinen Mund geschoben, damit ich keine Schreie rauslassen konnte. Meine Zähne bissen auf meine Haut nieder bis ich Blut schmeckte, das ich sowieso schmeckte. Denn wenn ich sie hörte, wollte ich selbst ohne innere Verletzung Blut spucken.
Wenn ich auch nur einen Moment hatte, in dem ich mich zusammenreißen und aufstehen konnte, flüchtete ich aus dem Haus. Löste mich von meiner fleischlichen Form und wurde eins mit dem Wald. Wurde zu seinem Beschützer und Wächter.
Ich hatte in den letzten fast zwei Jahren mehr Zeit in meiner Geistergestalt verbracht, als ich in meiner menschlichen Form. Ganz zu Harpers Sorge, denn sie war nicht nur einmal auf die Suche nach mir gegangen.
Aber ich konnte nicht anders. Als Waldgeist konnte ich mich andere Dinge fühlen lassen. Konnte mich isolieren, sodass mich niemand sah und störte.
Es war offensichtlich, dass ich es nicht mehr tun würde. Aber ich begleitete ihn nicht mehr zur Schule. Ich wollte nicht noch mehr Situationen miterleben. Vor allem nicht, weil wir kaum noch Worte miteinander teilten.
DU LIEST GERADE
Forest Spirit
FantasiCover Credits gehen an @Beyond_Borderland ! Danke für dieses fantastische Cover! ☪ Elian, der verfluchte Waldgeist, der zu einem Walddämonen wurde und seinen Gefährten in der Geschichte von Harper fand, erhält nun seine eigene Geschichte. Liebe wäc...
