26. Lauf

1.8K 176 15
                                        

„Thunder!“

Ich lugte durch den Toreingang, der in den Hof führte. Die untergehende Sonne tauchte den verwilderten Garten bereits in ein zartes Rosa. In der Mitte lag wie immer das riesige Nest, in dem Virno thronte. Sie schien auf alles und jeden ein Auge zu haben – als wäre sie die unangefochtene Herrscherin des Hofes.

Der Tigerbär erschien hinter einem dichten Strauch und kam auf mich zugeeilt. Im Schlepptau hatte er Amani, die sich mit beiden Händen in seinem Fell festkrallte, um nicht umzukippen. Teilweise wurde sie eher mitgeschleift, als dass sie selber lief. Das schien sie allerdings nicht zu stören. Durch den strubbeligen Wust an schwarzen Haaren konnte ich ein breites Grinsen erkennen.

„Beeilung. Wir sind spät dran.“, erklärte ich schnell. Thunder ließ ein leichtes Nicken erkennen. Ich hockte mich zu dem Mädchen hinunter und löste behutsam die kleinen Finger aus seinem Fell. „Thunder und ich haben noch etwas zu erledigen. Wir kommen bald wieder. Dann könnt ihr weiter spielen…“

Amani ließ ein unwilliges Grummeln vernehmen. Sie akzeptierte jedoch sofort, als ich ihr meinen Beutel Beeren in die Hand drückte, den sie zu Rashid bringen sollte. Eilig lief sie davon, um ihren Auftrag schnellstmöglich zu erledigen.

Thunder und ich verließen das Klostergebäude – ich wie immer mit einer Hand in seinem Nacken, um den Kontakt zu halten. Kühle Abendluft stieß uns entgegen. Der Tigerbär warf einen kritischen Blick zum Horizont. Das schaffen wir nicht rechtzeitig. Was habt ihr so lange gebraucht…?

„Ich habe die Zeit vergessen. Tut mir Leid…“ Die Stirn in Falten legend grübelte ich, wie wir es trotz der Verspätung noch schaffen konnten, Conec abzufangen.

Es gibt da eine Sache, die ich schon immer mal ausprobieren wollte. Virno hat mich darauf gebracht…

Virno? Soweit ich wusste, herrschte zwischen den beiden Raubtieren nicht die harmonischste Stimmung. Es kam mir wie eine Art Konkurrenzverhalten vor. Immerhin waren Tigerbären die gefährlichsten Tiere an Land und Klippendrachen die gefürchtetsten Wesen in der Luft. Besaßen Tiere den Ehrgeiz, ihre von Menschen gegebenen Titel zu verteidigen?

Wir haben es schon einmal gemacht – damals, als wir aus der Höhle verjagt wurden. Du bist auf meinen Rücken gestiegen und ich habe dich getragen. So sind wir wesentlich schneller vorangekommen…

Ich blickte ihn skeptisch von der Seite an. „Damals wärst du beinahe unter mir zusammengebrochen. Das hast du keinen Kilometer durchgehalten.“

Damals war ich fast noch ein Kind. Ich schmunzelte. Das war eine schamlose Übertreibung – immerhin hatte er bereits Frau und Kinder besessen. Oder war das Verständnis von Familie und Alter bei Tigerbären ein gänzlich anderes als bei den Menschen? Inzwischen bin ich so gut wie ausgewachsen und habe eine Menge Muskelmasse bekommen. Ich würde es gerne noch einmal versuchen…

Thunder war in dem vergangenen Jahr tatsächlich um einiges gewachsen. Inzwischen reichte er mir bis unters Kinn und wog vielleicht eine halbe Tonne. Gut möglich, dass er mein Gewicht gar nicht wahrnehmen würde.

„Also gut“, seufzte ich und begann, ungeschickt auf seinen Rücken zu klettern. Oben angekommen platzierte ich mich in einer angedeuteten Kuhle zwischen Nacken und Rücken und vergrub meine Hände in dem dichten Fell – so, wie Amani es gemacht hatte.

Du wiegst ja gar nichts, frohlockte der Tigerbär, bereit?

„Bereit.“, erklärte ich und machte mich auf das Schlimmste gefasst.

Thunder begann mit einem leichten Trab, der mir eher gemächlich vorkam. Die Landschaft bewegte sich langsam an mir vorbei, so, als würde ich selber laufen.

Hunters 2 - der Pfad des JägersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt