47. Liv

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Das Erste, das Liv wahrnahm, war der Regen, der ihr unbarmherzig ins Gesicht peitschte. Der Tunnel war urplötzlich zu Ende gewesen - verriegelt bloß durch ein paar locker angebrachte Bretter, die leicht zu durchbrechen waren.

Kaum war sie der dunklen Stille entkommen, brach ein wahres Unwetter über sie herein. Einen Moment hielt sie inne, ehe sie sich orientierte und voranschritt.

In welche Richtung es gehen sollte, war schnell klar. Vor ihren Füßen machte sie Bahngleisen aus, die beinahe direkt an die neu gelegten Schienen im Inneren der Höhle angrenzten. Sie mussten zu einer alten Zugverbindung gehört haben. Das Holz war splittrig und durchnässt und die eisernen Schienen rostig.

Liv setzte ihre Schritte zwischen die Balken, die von Regen und Moos so rutschig waren, dass sie nicht lange unfallfrei auf ihnen hätte balancieren können. Bald hatten ihre Beine sich an die neue Schrittgröße gewöhnt und kamen rasch voran.

Rey folgte seiner Anführerin auf Schritt und Tritt. Nicht zum ersten Mal war Liv dankbar für seine Treue und Hilfsbereitschaft. Und natürlich für die Conecs. Solch zuverlässige Gefährten an seiner Seite zu wissen, war ein Segen für jeden Hunter und jeden, der einen durchgeknallten Minister zu stürzen hatte.

Wohin die Gleisen führten, war kaum erkennbar. Weder konnte man besonders weit durch den Regen blicken, noch war es möglich, die Himmelsrichtung zu bestimmen, in die sie wanderten. Bis auf die Knochen durchnässt stapften sie weiter. Immer den Schienen folgend und immer hoffend, dass sie nicht wenige Meter an ihrem Ziel vorbeiliefen, ohne es überhaupt zu bemerken.

Aber Liv war sich sicher, dass - wo auch immer der Verteidigungsminister die Waffe hingebracht hatte - es auf dieser Strecke liegen musste. Das Ding war groß und unglaublich schwer, soweit sie wusste. Sicher hatte er es mit einem rollenden Gefährt über die metallene Bahn transportiert.

Als sie einmal anhielt und sich die Gleisen genauer ansah, bestätigte sich ihre Ahnung. Schleifspuren waren im Gras und Moos zu erkennen, die noch nicht sehr alt sein konnten. Ein riesiger Stein fiel ihr vom Herzen. Sie war dem Verteidigungsminister auf der Spur. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, ihn zu finden.

Genauso, wie es an der Zeit lag, wann der Minister die Bombe losgehen lassen würde.

Bei diesem Gedanken legte Liv noch einen Zahn zu. Die Hand schützend vor die Augen haltend und aufmerksam die Umgebung erkundend. Hin und wieder überprüfte sie die Schienen auf Spuren um sicher zu sein, dass sie noch auf dem richtigen Weg waren. Der flotte Gang hielt sie davon ab, zu frieren. Das Adrenalin ließ keinerlei Erschöpfung zu.

Sie war eine Maschine. Ein unzerstörbares Wesen mit einem einzigen Ziel.

Und dieses würde sie verfolgen - bis an ihr Ende.

Die Spuren endeten so abrupt, dass es Liv sogar bei erschwerter Sicht auffiel. Nur wenige Meter vor ihr waren die Schienen vor wucherndem Gras und Gebüsch nicht mehr zu erkennen. Eine sichtbare Grenze trennte diesen Teil von dem freigekratzten Beginn der Bahn.

Jetzt hieß es: Augen auf!

Ein stummes Zeichen bereitete Livs Kameraden auf den gefährlichen Teil der Mission vor. Schleichend arbeitete sie sich bis zu der Grenze vor. Ihre Sinne waren gespannt. Die Augen hatte sie überall. Sobald sich etwas im undurchsichtigen Regenschleier bewegte, wäre sie sofort alarmiert.

Doch nichts geschah. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite konnte sie etwas entdecken. Keine Menschen, keine Bewegung, keine übergroße Atomwaffe.

Sie wollte sich schon fragend zu ihrem Mitstreiter umwenden, da traf sie etwas Hartes mit voller Wucht an der Schläfe.

Liv verlor sofort das Bewusstsein. Um sie herum wurde alles dunkel.

Dunkel und kalt.


Hunters 2 - der Pfad des JägersGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt