In Borun wollten die Frauen nicht kämpfen, doch Freya wusste dass jede einzelne es konnte. Im Gegensatz zu den Männern, die sich andauernd beweisen wollten, waren es die Frauen ohne die einfach nichts Funktionierte.
Freya war die Ausnahme. Sie wollte keine Kinder großziehen. Sie wollte ebenfalls nicht den ganzen Tag kochen und putzen. Freya wollte jagen und kämpfen. Genau das, war es, was sie für ihn so interessant machte. War es so?
Immer noch auf ihm liegend versuchte sich Freya ihm zu entreißen. Doch er war um einiges stärker. Sie wusste das bereits. Deswegen ließ sie sich nie in solch eine Situation kommen. Zu mindestens hatte sie das noch vor einigen Tagen gedacht. Denn er lag unter ihr und hielt ihre beiden Handgelenke fest umschlugen. Er dachte auch nicht daran sie loszulassen. Er musste sich beruhigen und er musste überlegen was er als nächstes tun wollte. Mit ihren Beinen versuchte sie ihn zu treten und sich irgendwie zu entwinden doch es half nichts. Er hielt sie fest und ihre Handgelenke begannen zu schmerzen.
Mit einem Ruck rollte er sich auf sie. Drückte sie in den kalten Schnee. „Freya aus den immergrünen Ebenen." Seine tiefe, knurrige Stimme dröhnte ihr entgegen und sie spürte die Vibration jedes einzelnen Wortes in seiner Brust. "Hör auf dich gegen mich zu wehren!" Fügte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hinzu. Sein gesamter Körper war angespannt und Freya spürte jeden Muskel.
Doch sie ließ sich nicht ablenken. Das durfte sie nicht. Sie musste sich aus dieser heiklen Situation befreien. Musste wieder die Oberhand bekommen. Auch wenn sie noch nicht genau wusste wie sie das anstellen wollte.
Verzweifelt trat Freya nur wild um sich. Ein Schmerz schoss ihm durch den Körper und er zuckte zusammen. Sie hatte ihn gegen sein Schienbein getroffen. Und Freya nutzte die Chance und rollte sich zurück auf ihn. Noch immer hielt er ihre Handgelenke fest. Doch Sören hatte schon schlimmeres erlebt und schaffte es sie, mit einem weiteren Ruck, in die vorherigen Position zu befördern. Er wollte das sie endlich nachgab. Schweratmend stöhnte er auf. „Hör auf." Sagte er knurrend. "Hör auf dich zu wehren!"
Sie lachte spöttisch auf. „Kannst du nicht mehr, Sören aus Brom?" Fragte sie mit ihrer rauchigen Stimme. Sie lag nicht Falsch. Stundenlang waren sie gelaufen und der Kampf hatte ihn ausgelaugt. Er wünschte er könnte schlafen. Doch wenn er das tat würde sie sich davon stehlen, da war er sich sicher. Er sah in ihr die einzige Chance den Ort zu finden, der ihm eine Antwort auf die Fragen gab.
„Greif mich nicht an, wenn ich dir Folge." Bat er. "Wir hatten einen Deal." Fügte er hinzu und sprach auf das Gespräch an, was sie überhaupt erst in diese Lage gebracht hatte. „So wird die Reise nur anstrengender." Sörens Stimme streichelte um ihren Körper und durchdrang jede ihrer Poren. Freya verfluchte ihren Körper für diese Reaktion.
Ihr war klar er würde nicht einfach nachgeben aber sie wünschte sich wenigstens einen kleinen Sieg. Schon wieder hatte er sie in der Hand. Sie starrte in seine Augen und sie konnte seine Frage sehen. Sie hatte keine Wahl sie musste nachgeben. Ein guter Krieger wusste wann eine Schlacht geschlagen war und er den Rückzug antreten sollte. Sie entspannte ihre Muskeln und blickte ihn an.
Verzweifelt griff sie nach Worten. Auch wenn das immer ihre letzte Wahl war. „Sören aus dem Unterholz..." Sagte sie spöttisch. „Steig von mir runter oder ich schwöre bei jedem deiner Götter ich werde dafür sorgen das du den nächsten Tag nicht mehr erlebst." Sie klang verzweifelt und sie beide wussten, dass ihre Worte eine Lüge waren. Doch Freya hatte keine Ideen mehr.
Sobald sie das vibrierende Lachen in seiner Brust spürte entspannte sie sich noch mehr. Er sah sie an. In diese jadegrünen Augen. Wie konnte jemand nur solche Augen haben? Es war eine Frage die Sören nicht zum ersten Mal durch den Kopf schoss.
In Brom und ebenfalls in den umliegenden Herrschaftsgebieten gab es keine Frauen mit grünen Augen. An der Küste war es eher ungewöhnlich. Er war ein Typ, der direkt dorthin passte. Seine fast weißen Haare und seine eisigen blauen Augen waren ein typisches Merkmal für sein Volk.
Und er wollte so verzweifelt wissen was hinter diesen Augen geschah. Diesen unglaublich wilden Augen. Sie vermittelten ihm ein vertrautes Gefühl. Er wusste genau was diese Augen schon alles gesehen hatten. Im Dorf hatte sie nicht mal mit der Wimper gezuckt. Sie hatte Schmerz, Leid und Tod gesehen. Und er stellte fest, dass ihm das ganz und gar nicht gefiel.
Aber gleichzeitig machten ihn diese Augen verrückt. Sie brachte ihn zur Weißglut. Warum tat sie nicht einfach das, was er von ihr erwartete? Es war als würde sie immer exakt das Gegenteil tun, als das was er von ihr verlangte.
Er wollte wissen was in ihr Vorging. Wollte wissen was sie dachte. Tat sie das alles nur, um ihn zu ärgern? Würde sie sich ergeben, wie sie sagte?
Er stieg von ihr runter. Kurz schloss er die Augen und versuchte die Bilder in seinem Kopf zu verbannen. Verdutzt sah Freya ihn an. Die fehlende Wärme seines Körpers ließ sie frösteln. Eine Sekunde wartete sie ob er ihr helfen würde, beschloss aber ihn abzuweisen. Doch er half ihr nicht auf. Schien nicht mal auf die Idee zu kommen, ihr zu helfen.
Freya konnte ihre Enttäuschung darüber leicht verbergen, dass er es nicht mal in Erwägung gezogen hatte ihr aufzuhelfen? Wer hatte diesen Mann nur aufgezogen? Er war nicht ihr Mann, das war ihr durchaus klar. Doch obwohl sie eine weitere Berührung von ihm nicht vertragen würde, hatte sie irgendwie damit gerechnet. Schnell erhob sie sich und blickte ihn von der Seite an. Geräuschvoll klopfte sie den Schnee von ihren Kleidern und ging, ohne einen weiteren Blick auf Sören zu werfen, weiter. Er folgte. Er würde ihr so lange folgen bis sie sich ihm endlich unterwerfen würde.
Das war es, was er wollte und Sören war es gewöhnt zu bekommen was er wollte. Noch nie hatte sich eine Frau, Sören aus Brom nicht willig entgegengestreckt. Nie hatte er auch nur einen Gedanken an eine von ihnen, an eine dieser Mädchen, verschwendet. Doch sie? Sie ließ ihn durchdrehen und das hasste er. Sie ging ihm wirklich unter die Haut. Sie war nicht eines dieser Mädchen. Sie war eine Frau und sie war eine Kriegerin. Aber das wichtigste, sie war genauso gefährlich wie er.
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FREYA - Im Auge des Sturms (Band 1)
Fantasy(Überarbeitete Version von Sturmgestöber.) Freya hatte keinen Plan gehabt. Meistens wollte sie nur genau das Gegenteil von allen sein. Sie wollte keine Frau sein, die kochte und Körbe flechten. Sie war eine Kriegerin. Wie ihr Vater. Doch das Land w...