15. Kapitel - Das Familienerbstück

9 0 0
                                    

Abgesehen von einigen brillanten Streichen, für die sie in Gryffindor trotz ihres jungen Alters große Bewunderung ernteten, waren die Herbstferien ereignislos. Zu ihrem großen Bedauern waren die anderen Blacks über die Ferien nachhause gefahren, sodass sie nicht die geringste Chance hatten, irgendetwas näheres über deren  mysteriösen Plan herauszufinden. Auch nach den Ferien folgten sie ihnen so oft wie möglich unauffällig und in wechselnden Aufteilungen, aber sie verhielten sich normal, redeten über normale Dinge  und hätten sie nicht zwei mal schon etwas von ihnen belauscht, hätten sie bezweifelt, dass es überhaupt einen Plan gab. Als sich das Jahr langsam dem Ende neigte und Weihnachten näher rückte, bekamen sie zusehends mehr Hausaufgaben auf, aber da die Freunde so viel Besseres mit ihrer freien Zeit zu tun wussten, endete es in der Regel damit, dass sie diese nachts im Gemeinschaftsraum erledigten, wenn sie nicht gerade unterwegs waren, um ihren Süßigkeiten- oder Scherzartikelvorrat aufzufüllen so waren sie dann wirklich erleichtert, als endlich die Weihnachtsferien begannen. James, Sirius, Remus und Peter genossen die freie Zeit in vollen Zügen und nutzten sie auf jede erdenkliche Art. Und als sich fast alle anderen Schüler auf den Weg nach Hause zu ihren Familien machten, begannen für sie die Ferien erst richtig. James Eltern waren ein wenig traurig gewesen, dass James über die Feiertage nicht zu ihnen kommen würde, aber er hatte ihnen in einem Brief erklärt, dass seine Freunde alle nicht gerade das schönste Zuhause hatten und er sie nicht allein lassen wollte. Das war tatsächlich ein Grund, aber ein weiterer, wichtiger Grund war, dass sie mit absoluter Sicherheit wussten, dass in diesen Ferien etwas geschehen würde, etwas, dass sie ihrem Ziel, den mysteriösen Plan aufzuhalten deutlich näherbringen würde. Bellatrix hatte gesagt, sie würden in den Weihnachtsferien anfangen und die vier Freunde würden sich weder von Geschenken, noch von Festessen und Feierlichkeiten betäuben lassen, sondern die ganze Zeit jeder ihrer Bewegungen genaustens im Auge behalten. James konnte es spüren, die Zeit des Rätselratens würde bald vorbei sein. Am Abend vor dem Weihnachtsfest lagen die Jungen gemeinsam auf James und Sirius Betten aufgeteilt. Der Schlafsaal war abgesehen von ihnen vollkommen leer, sonst waren nur noch zwei weitere Mädchen von Gryffindor über die Ferien geblieben. James hatte mit aller Kraft versucht, sich gegen die mächtige Enttäuschung zu wehren, die ihn zu übermannen gedroht hatte, als er Lily Evans mit gepackter Tasche auf das Eingangsportal hatte zugehen sehen. Es war ihm nicht gelungen und sie nagte noch immer an ihm, auch wenn er sich wirklich alle Mühe gab, sie hinter sich zu lassen. Er bekam kaum mit, worüber seine Freunde gerade sprachen, aber doch bemerkte er die deutliche Anspannung, die im Tonfall von jedem von ihnen lag. Sie alle wussten, dass innerhalb der nächsten Tage irgendetwas passieren würde, das unbekannte, vielleicht schreckliche Folgen haben würde. Diese Gewissheit, lag wie ein Schatten über ihren Gedanken, der die Weihnachtsmusik dämpfte und das Licht der Kerzen verdunkelte. „Was denkst du James?", fragte Sirius auf einmal. „James?", wiederholte er, als dieser nicht reagierte, sondern weiter gedankenverloren auf die langsam untergehende Sonne starrte. „Hm?", fragte er, sein Kopf ruckte herum und ihm schien als erwache er aus einer Trance. „Tut mir leid", murmelte James, „Ich habe nur gerade an Bellatrix' Plan gedacht." „Was für ein unglaublicher Zufall, dass wir gerade genau darüber reden!", rief Sirius und lachte, „Wir wollten dich gerade fragen, was du denkst, wann es passiert." James schüttelte frustriert den Kopf und da war er wieder, der Satz der in den letzten Wochen und Monaten unangenehm geläufig geworden war: „Ich habe keine Ahnung. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht allzu lang vor oder nach dem Weihnachtsfest passiert." Als die anderen ihn fragend ansah erläuterte er: „Bellatrix hat doch gesagt, dass sie möglichst wenig Leute im Schloss haben will, wenn sie anfangen. Ein paar Tage nach Weihnachten, werden die Ersten vielleicht schon wieder zurückkommen." Sirius nickte zustimmend und Remus runzelte nachdenklich die Stirn. James konnte ihm ansehen, wie verrückt es ihn machte, dass sie alle definitiv in Gefahr waren, aber keine Ahnung hatten, welche Art von Gefahr. „So schrecklich das für uns auch sein mag", sagte James und sah seine Freunde einen nach dem anderen an, „Ich schätze wir müssen einfach abwarten und aufmerksam bleiben." Die anderen nickten und senkten missmutig die Köpfe. Da hörten sie einen wohlbekannten Gong, der immer im ganzen Schloss zu hören war, das Zeichen, dass es Zeit zum Essen war. Die Lage war ernst, aber noch nicht ernst genug, um den Freunden den Appetit zu verderben. Also erhoben sie sich schleunigst vom Bett und machten sich auf den Weg in die große Halle. Da während der Weihnachtsferien so wenig Schüler anwesend waren, waren die vier Häusertische einem einzigen Runden Tisch gewichen, an dem alle verbliebenen Schüler gemeinsam mit den Lehrern saßen. Es waren noch insgesamt sechzehn Kinder da, die sechs Gryffindors, zwei Hufflepuffs, drei Ravenclaws und fünf Slytherins, darunter natürlich Bellatrix, ihre eher unscheinbare Schwester Andromeda und die jüngste Schwester, Narcissa, über die sie noch nicht weiter gesprochen hatten. Die Schüler schwiegen während des Essens überwiegend, da es kaum etwas gab, worüber sie vor den Lehrern gern sprechen würden. Also übernahm hauptsächlich Albus Dumbledore die Aufgabe, für Gesprächsstoff zu sorgen. Es war so auf jeden Fall ein vergnüglicher Abend, nicht etwa weil sie sich so viel unterhalten hatten, sondern weil es äußerst unterhaltsam war, den klugen und witzigen Bemerkungen von Albus Dumbledore zuzuhören und das Essen noch besser zu sein schien als sonst. Wie würde dann erst das Weihnachtsessen am nächsten Tag schmecken? Als schließlich auch die letzten Reste des Nachtischs auf magische Weise verschwanden, lehnte sich James wohlig satt in seinem Stuhl zurück und sah auf die Uhr, die über dem Eingang hing. Es war tatsächlich schon nach halb zehn! Ein erwartungsvolles Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er daran dachte, dass in wenigen Stunden Geschenke am Fußende seines Bettes liegen würden. Er freute sich schon darauf die Gesichter seiner Freunde zu sehen, wenn sie seine Geschenke auspackten. Da spürte er plötzlich einen kalten Schauer seinen Rücken hinunterlaufen. Er richtete sich in seinem Stuhl kerzengerade auf und sein Blick huschte den runden Tisch entlang, bis er auf Professor Hawk liegen blieb, der ihn kalt anstarrte. James Augen verengten sich kaum merklich und er hielt dem Blick stand. Sirius bemerkte schnell das kleine Blickduell und sah angespannt zwischen James und Hawk hin und her. „Helfen Sie mir, Henry", bat Dumbledore leise lachend, anscheinend erzählte er gerade eine äußerst lustige Geschichte, an der Hawk irgendwie beteiligt gewesen war, „Was war das nochmal für ein Wesen, dass dann aus irgendeinem Grund im Büro von Professor Flitwick saß? Sie haben es sich dann vorgeknöpft und aus dem Büro des armen Filius vertrieben." Hawk hob überrascht den Blick und lies von James ab, hatte sich aber sofort wieder gefangen und schien sich an die Geschichte zu erinnern: „Ein Hinkepank, Sir." „Genau, ein Hinkepank. Was auch immer der in diesem Schrank gemacht hat, wir werden es nie erfahren, nicht wahr Filius?", fragte Dumbledore Professor Flitwick, der, wie er im Unterricht auf einem Stapel Bücher stand, nun auf einer unauffälligen Sitzerhöhung saß. „Niemals, Albus", antwortete dieser, ebenfalls lachend, „Das wird wohl wirklich auf ewig ein Geheimnis bleiben." „Manche Geheimnisse können wohl selbst wir Lehrer nicht ergründen", sagte Dumbledore lächelnd und sah James an, während er das sagte. Der Blick seiner hellblauen Augen hinter der halbmondförmigen Brille war nicht stechend oder unangenehm durchdringend, aber gleichzeitig hatte James das Gefühl, dass ihm der Schulleiter direkt in die Seele sah und dort all seine Geheimnisse ordentlich aufgereiht entdecken konnte. Einen Moment lang hielt James den Blick, voller Faszination, aber dann senkte er ihn schnell, aus Angst Dumbledore könne tatsächlich einige ihrer Eskapaden in seinen Augen sehen. „Aber nun will ich sie alle nicht weiter mit meinen alten Geschichten langweilen, es ist spät und wir können nach einem solchen Essen wohl alle etwas Verdauungsschlaf brauchen", sagte Dumbledore und zwinkerte in die Runde, „Ich wünsche allen eine gute Nacht und süße Träume." Dann erhob er sich und auch alle anderen schoben ihre Stühle zurück und schleppten sich träge aus dem Raum. Als sie oben im Schlafsaal ankamen, ließen sie sich direkt auf ihre Betten fallen. Die Anspannung verlangte nun ihren Tribut und durch das viele Essen hatte sich alles Blut im Magen gesammelt, was Gehirn wie Muskeln müde und langsam werden ließ. James legte seinen Umhang ab und bemerkte zu seiner Überraschung, dass Edward, seine Eule auf dem Bett auf ihn wartete. An seinem Bein baumelte ein kleines, zusammengerolltes Stück Papier. Neugierig rollte James den Zettel auseinander und begann den Brief zu lesen. Er stammte von seinem Dad und im ersten Moment wunderte er sich, da er mit seinen Eltern doch schon alles besprochen und frohe Weihnachten gewünscht hatte.

James  Potter und die Rumtreiber - Der geheime PlanWo Geschichten leben. Entdecke jetzt