Der Morgen dämmerte bereits. James, Sirius und Peter saßen in einem kleinen Kreis am Rande des Verbotenen Waldes. Nicht weit entfernt hatten sie Hawk mit seinen eigenen Seilen an einen Baum gefesselt, während er bewusstlos gewesen war. Im Gegensatz zu ihm, hatten sie ihm seinen Zauberstab aber vorher abgenommen. Gerade kehrte so etwas wie Leben in seinen Körper zurück und er gab ein gequältes Stöhnen von sich. Keiner der Jungen beachtete ihn. Sie warteten.
Und dann – endlich – hörten sie es, das lang ersehnte Geräusch. Ein raschelndes Schlurfen, das immer lauter wurde und sich in ihre Richtung bewegte. Die Drei sahen sich an und sprangen dann abrupt auf. Ohne, dass ein Wort der Verständigung nötig gewesen wäre, liefen sie in den Verbotenen Wald, der Quelle des Geräuschs entgegen. Die Schatten der krummen Bäume verschluckten das zarte Morgenlicht, dass sich auf der Wiese neben dem Schwarzen See bereits hervorgewagt hatte, aber von der dämmrigen Dunkelheit und den unheimlichen Nebelfetzen zwischen den Bäumen ließen sich die Jungen nicht aufhalten. „Remus?", rief James in den Wald hinein. Das Schlurfen, das sie beinahe mit den Geräuschen ihrer eigenen Schritte zu übertönen drohten, verstummte. „Remus!", riefen nun auch Peter und Sirius. Keine Antwort. Das Geräusch ertönte nicht wieder. Sie begannen zu rennen, liefen immer weiter, während James spürte, wie ihm kalte Angst den Rücken hinaufkroch. Warum antwortete er nicht? Warum hatte er aufgehört sich zu bewegen? Oder war es am Ende vielleicht gar nicht ihr Freund, sondern irgendetwas anderes, das in diesem mysteriösen Wald hauste? Da kamen sie zu einem großen Felsblock, der mitten im Wald lag, als wäre ein Riese vorbeigekommen und hätte ihn zufällig fallen lassen. Die Jungen liefen um den Felsen herum. Und da sahen sie ihn: Einen ausgezehrten Jungen, der nackt an der kalten Steinwand lehnte, die Beine fest an den Körper gezogen, zusammengerollt zu einer Kugel, als wolle er in den Schatten des Steins verschwinden. „Remus, Merlin sei Dank!", stöhnte James erleichtert und ließ sich neben seinem Freund auf die Knie fallen. Er zog sofort seinen Umhang aus und hielt ihn Remus hin. Der nahm ihn, vermied aber die Drei anzusehen. „Warum hast du nicht geantwortet?", fragte Sirius, der sich nun ebenfalls auf dem kühlen Waldboden niederließ, „Wir haben uns wahnsinnige Sorgen gemacht!" Remus schlüpfte in den Umhang und öffnete den Mund, als versuche er Worte zu finden. Es gelang ihm nicht und er schloss ihn wieder. James bemerkte das getrocknete Blut in seinem Gesicht, nicht sicher, was davon von Remus selbst stammte und was von Professor Hawk und weiß Gott was er sonst in dieser Nacht noch gefressen hatte. „Es tut mir leid", brachte er dann schließlich hervor. Seine Stimme war leise und kratzig, als würde er sie nicht wirklich benutzen wollen, als würde er es verabscheuen seine eigene Stimme zu hören. Diese wenigen Worte waren so voller Selbsthass, dass es James das Herz brach. „Was tut dir denn leid?", fragte Peter empört. Sirius nickte zustimmend und sagte: „Er hat recht, es gibt nichts, was dir leidtun muss! Du kannst ja nichts dafür!" Remus stieß ein abschätziges Lachen aus und schnaubte: „Ich kann nichts dafür... Ich hätte mich schon lange von euch abgewandt, wenn ich ein guter Freund wäre. Mir war klar, dass ihr es irgendwann herausfinden würdet, aber ich habe mir selbst gesagt, dass ich es schon irgendwie geheim halten könnte, dass ich euch nicht in Gefahr bringe. McGonagall hat diesen Tunnel mit der peitschenden Weide als Sicherheitsmaßnahme für mich erschaffen, damit ich mich für meine Verwandlungen in die Heulende Hütte zurückziehen kann, wo ich niemanden gefährde." Peter sog scharf die Luft ein und flüsterte ehrfürchtig: "Das ist also das Geheimnis der Heulenden Hütte. Darin leben keine wütenden Geister, das warst du, der da drin geheult hat und das erklärt auch, warum das Haus innen drin ein kompletter Schrotthaufen ist!" Remus nickte zustimmend und fuhr fort: "Genau, das war auch ich. Trotz dieses zerstörerischen Monsters in mir, bin ich mit euch zusammen geblieben. Das war einfach nur egoistisch und heute Nacht hättet ihr fast den Preis dafür gezahlt." James lachte freudlos und meinte: „Weißt du was egoistisch gewesen wäre? Uns deine Freundschaft vorzuenthalten, weil du Schiss hast! Es wäre egoistisch eine Wahl für uns zu treffen, die wir nicht mal hatten! Und jetzt hör auf so zu tun, als wärst du ein Monster." Remus lachte wieder laut auf. „Ich BIN ein verdammtes Monster, James!" James zuckte die Schultern und sagte gleichgültig: „So wie ich das sehe, bist du ein Erstklässler in Hogwarts, unser bester Freund nebenbei bemerkt, mit einem pelzigen Problem. Ich sehe hier kein Monster." Sirius brach in lautes Gelächter aus. „Pelziges Problem trifft es ziemlich gut, finde ich", meinte er und biss sich auf die Unterlippe, um das Lachen zurückzuhalten. Remus verdrehte die Augen und sah dabei schon wieder so sehr aus wie er selbst, dass James ebenfalls grinsen musste. „Ihr meint das alles wirklich ernst, oder?", fragte Remus mit genervter, ungläubiger Stimme, aber sein zögerliches Lächeln machte die Wirkung etwas zunichte. „Natürlich meinen wir das ernst", lachte Sirius und lehnte sich neben ihm an die Felswand, „Denkst du wir würden um fünf Uhr morgens im Verbotenen Wald hocken, wenn wir das nicht ernst meinen würden?" Da lachte Remus auch, aber diesmal war sein Lachen nicht mehr so voller Verachtung für sich selbst, es war ein echtes Lachen, eines, das James schon unzählige Male gehört hatte, wenn sie gemeinsam am Ufer des Schwarzen Sees in der Sonne saßen. Erleichterung durchströmte ihn. Sie hatten es geschafft. Sie hatten die Schule gerettet, keinem von ihnen war etwas passiert und nun gab es wirklich nichts mehr, das zwischen ihnen stand. Und Remus ging es gut. Kaum zu glauben, dass er damit die ganze Zeit allein gewesen war. Aber ab jetzt waren sie für ihn da, sie würden ihm helfen sich selbst zu akzeptieren und ihm die Zeit um Vollmond herum so angenehm wie möglich gestalten. Eine Weile saßen sie einfach so da und genossen die Gegenwart der anderen und die Tatsache, dass alles gut war. Dann erhob sich James, klopfte sich den Dreck von der Hose und hielt Remus die Hand hin. „Gehen wir langsam zurück?", fragte er, „Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich sterbe vor Hunger und nachdem ich von allem gegessen habe was Hogwarts zu bieten hat, werde ich mich in unseren Schlafsaal verziehen und erstmal ein paar Wochen schlafen." Remus grinste, antwortete: „Klingt nach einem wirklich guten Plan", und ließ sich von James auf die Füße ziehen. Auch die anderen erhoben sich und dann spazierten sie gemeinsam durch den Wald, der ihnen mit einem Mal viel weniger unheimlich erschien, auf das Schloss zu. Alle dreckig und übermüdet, Remus in ihrer Mitte barfuß und blutverschmiert, aber zufrieden und erleichtert.
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James Potter und die Rumtreiber - Der geheime Plan
FanfictionNichts gibt es in Hogwarts mehr als Geheimnisse. Einige davon sind mehr als erwünscht, andere nicht nur ebenso unerwünscht, sondern auch gefährlich... James Potters erstes Jahr in Hogwarts beginnt aufregend und soll auch so bleiben! Neben neuen Freu...