Kapitel 3 Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst... ~ Teil 1
Die Haut an meinem Hals pulsiert und bebt. Ich schließe meine Augen, um dem Gefühl nicht zu verfallen. Doch ich erreiche das Gegenteil. Die Empfindung, so klein sie auch ist, wird zum starken Widerhall. Die Vibrationen in meiner Brust werden heftiger und schlagen Wellen bis in meine Fingerspitzen und Zehen. Mein gesamter Körper steht in Flammen und das nur wegen der provokativ geflirteten Worte des anderen Mannes. Ob ich mich jemals an diese überfordernden Gefühle gewöhnen werde? Will ich es? Es ist berauschend und aufregend, wäre es nur nicht ebenso flatterhaft.
Ich weiß mit den vorherrschenden Gefühlen nicht umzugehen, denn sie machen mich schwach. Auf vielerlei Art. Ich schlucke kaum merklich, weil sich mein Mund trocken anfühlt. Kain fixiert mich mit seinen warmen braunen Augen und ich schlucke ein weiteres Mal.
„Wie viel hast du eigentlich schon getrunken?", frage ich, um von der Tatsache abzulenken, dass mein eigener Alkoholpegel stetig meine Gehirnleistung dimmt.
„Komme ich dir etwa betrunken vor?", fragt er skeptisch, hebt seine Augenbraue und verschränkt locker seine Arme vor der muskulösen Brust.
„Da du Unsinn redest... durchaus, ja", provoziere ich ihn ein klein wenig weiter. Das feine Lächeln, welches sich dabei auf meine Lippen legt, kann ich nicht verhindern und schiebe es auf das Hochgefühl des Alkohols.
„Unsinn?"
„Wahnsinn?", versuche ich amüsiert. Eins von beidem. Kain rollt offensichtlich mit den Augen.
„Ablenkungsversuche", stellt Kain schneller fest als mir lieb ist und bringt meine Ausreden auf den Punkt.
„Mitnichten. Wie heißt es so schön... immer das Gleiche tun und andere Ergebnisse erwarten...", zitiere ich einen Teil des bekannten Spruchs von Albert Einstein, der meiner Meinung nach in diesem Fall wirklich zutreffend ist. Mittlerweile sollte dem Schwarzhaarigen klar sein, dass Tanzen und ich einfach nicht zusammenpassen. Ich würde sogar behaupten, dass sich jeder Satz mit dieser Wortkombination zur absoluten Absurdität degradiert. Kain wirkt unbeeindruckt.
„Gut, dann eben Nägel mit Köpfen..." Ehe ich nachhaken oder auch nur auf die halbgare Sprichwörterschubserei reagieren kann, spüre ich seine warme, große Hand um meinen Handgelenken, die mich plötzlich in Bewegung bringt.
„Huch." Mein Gehirn braucht mittlerweile, dem Wodka geschuldet, schon etwas länger. Ich stolpere ihm hinterher und pralle regelrecht gegen ihn als er plötzlich wieder stehen bleibt. Mitten im Wohnzimmer. Inmitten von tanzenden Leibern. Das ist nicht sein Ernst? Ich sehe mich unwillkürlich um aber entdecke bis auf Jeff und Jake keine bekannten Gesichter. Trotzdem spüre ich, wie mein Herz stolpert und enthusiastisch einen Rammbock imitiert. Kain versucht die Lücke zwischen uns zu schließen, indem er nach zwei der Gürtelschlaufen meiner Jeans greift und seine Zeigefinger dort einhakt.
Im nächsten Moment setzt ein äußerst vertrautes Lied ein und ich bin nicht der Einzige, der es sofort erkennt. Kain stoppt in seiner Bewegung, belässt seine Hände aber wo sie sind.
„Das Lied ist wie ein heimsuchender Poltergeist...", äußere ich, wende meinen Blick ab und versuche mein Bestes, um nicht dem Ohrwurm zu verfallen. 'And that's when you need me there. With you I'll always share. ' Ein Kampf gegen Wackelpudding, denn wirklich jeder wird von diesem Song gepackt, heimgesucht und durchgeschüttelt.
„Because...", singt Kain plötzlich dicht an meinem Ohr weiter, „'When the sun shines, we'll shine together. Told you I'd be here forever'..." Sein Gesang mündet in Gesumme. Tief und rau. Ich merke, wie sich die Haut auf meinen Armen aufrichtet und atme stockend aus, als auch mein Nacken zu pulsieren beginnt. Noch immer stehen wir beieinander. Mit so viel Abstand, dass es gewöhnlich aussieht und doch so dicht, dass ein einziger wissender Blick alles offenlegen würde. Ich spüre, wie mein Herz bei dem Gedanken nur noch heftiger zu schlagen beginnt, aber nicht aus Unbehaglichkeit. Es ist Spannung. Es ist ein reiner Rausch gepaart mit gleisender Aufregung und feinherber Ernüchterung. Denn da ist dieser Teil in mir, der es nicht zulassen will, der denkt, dass ich zurücktreten sollte. 'You can run into my arms. It's OK, don't be alarmed. Come here to me. There's no distance in between our love.', setzt sich der Song fort und hüllt uns zwei in eine Blase der unausgesprochenen Worte. Ich schaue auf und werde von seinem intensiven Blick gefangen genommen. Alles, was ich in diesem Augenblick sehe, ist offen, ehrlich und unmissverständlich. Warum bin ich mir noch immer unsicher? Warum vertraue ich nicht auf das, was ich ganz deutlich sehen kann? Warum ergibt es für mich keinen Sinn?
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Between the Lines Chapter 2 - It's more than just words
Romance[Fortsetzung von Between the Lines - The wonderful world of words} ~Liebe ist eine Herausforderung und das nicht nur in der Dramödie, die sich mein Leben nennt. Sie ist es vor allem dann, wenn einem lange die Überzeugung prägte, das sie nichts weite...
