Kapitel 12 Tolkien'sche Sprachbefehle für System'kater'strophen ~ Teil 2
Mein eifriger Mitbewohner hat scheinbar schon nach dem Aufstehen begonnen, seinen Kleiderschrank nach dem perfekten Outfit zu durchstöbern. Mehrere Variationen liegen auf seinem und meinem Bett ausgebreitet. Als hätte er nur auf mich gewartet, beginnt er mit der Vorführung. Ich gebe mein Bestes, unbeweglich am PC zu bleiben und geschäftig zu tun. Selbst als mein unterer Rücken vor Steifheit schreit, bewege ich mich kein bisschen, nur um nicht den Anschein zu erwecken, ein Interesse an Jeffs Modenschau und dieser bekloppten Party zu haben. Doch nichts hilft. Keine Ignoranz. Keine Negativität. Nicht mal meine allseits funktionierende Schroffheit. Jeff macht munter weiter und labert mir ein Ohr ab.
Habe ich meinen Grummelglanz verloren? Gehöre ich plötzlich zu der Kategorie Nett? Was ist passiert?
Jeff rollt mich nach minutenlangem Lamentieren beinahe mit dem Stuhl in den Kleiderschrank. Er wirft mir ein Outfit zu und beginnt, an meinen Haaren rumzufummeln. Seiner Meinung nach sind meine Haare zu kurz geraten. Gut. Ist mir egal. Es geht sogar so weit, dass es sich Jeff nicht nehmen lässt, mir das neue Hemd um die Schultern zu legen, was mir meine Mutter für Silvester besorgt hat, da ich es nicht selbst tue. Als er sich auch noch anschickt, es mir anzuziehen, schreite ich doch endlich ein.
„Koch, wenn du nicht sofort deine Finger da wegnimmst, dann kastriere ich dich. Ich bin kein Dreijähriger, den du anziehen musst", knurre ich und dämpfe hoffentlich seinen nervigen Enthusiasmus. Jeff geht mir in den letzten Tagen extra auf die Nerven und das nicht nur, weil er so schrecklich Lovey-dovey mit dem IT-Fritzen ist.
„Ist ja gut, dann krieg endlich deinen Arsch hoch. Du kommst mit zu der Party, ob du willst oder nicht."
„Warum gehst du mir damit so auf den Sack?"
„Tue ich nicht!"
„Ach nein? Erkläre mir doch, wieso du noch paradenörgeliger bist als sonst?", pfeffere ich ihm bewusst überzogen entgegen. Jeffs Mund formt ein perfektes Oval und ich kann den gekränkten Ausruf beinahe schon hören. Doch zu meiner Überraschung bleibt er aus. Stattdessen presst er die Lippen zusammen und wirft mir einen Schokoriegel zu, den er von seinem Schreibtisch klaubt.
„Iss lieber noch etwas, bevor wir losgehen.", sagt er ausweichend.
„Oh bitte", schnaufe ich verächtlich und werfe den Riegel in die Richtung seines Bettes.
„Ist ja gut, ich habe ein schlechtes Gewissen, okay?", platzt es endlich aus der Nervblase hervor.
„Warum das?"
„Wegen Silvester, natürlich. Was denn sonst?", gesteht Jeff und ich schaue ihn weiterhin verständnislos an, „Ich fühle mich schuldig, weil ich dich sitzengelassen habe und es deswegen eskaliert ist." Jetzt wird mir alles klar. Er meint das Foto. Natürlich redet sich mein Jugendfreund ein, dass er an der Situation eine Mitschuld hat. Völliger Schwachsinn. Ich habe ganz allein die Kontrolle verloren und unbedacht gehandelt.
„Du bist unfassbar, weißt du das? Ich habe längst mit Kain darüber geredet. Ich habe es ihm erklärt und es ist alles gut, also blas dich nicht so auf", erläutere ich.
„Hast du? Und ist es?", fragt er, als würde er es nicht glauben können, „Er ist nicht deswegen früher zu seinem Labor abgehauen?"
„Was? Nein, er hat einfach zu tun und seine Kollegen haben nun mal keine Brückenferien." Normale Menschen müssen normal arbeiten. Das vergessen wir gern. Vielleicht kommt er sogar heute Abend wieder und das ist noch ein Grund mehr, aus dem ich nicht zu der Party möchte. Jeff nickt grüblerisch und lässt sich auf sein Bett fallen. Im perfekten Schwung schlägt er die Beine übereinander und stützt sich auf beiden Armen ab.
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Between the Lines Chapter 2 - It's more than just words
Romance[Fortsetzung von Between the Lines - The wonderful world of words} ~Liebe ist eine Herausforderung und das nicht nur in der Dramödie, die sich mein Leben nennt. Sie ist es vor allem dann, wenn einem lange die Überzeugung prägte, das sie nichts weite...
