Kapitel 7 Analoge Analogien beim axiomatischen Stresswichteln ~ Teil 2
Das Alles, seit dem Moment, ab dem Kain unerwartet bei uns in der Haustür stand, wäre ein perfekter Plot für eines meiner Bücher. Verrückt. Wenn ich darüber nachdenke, fallen einige Dinge, die ich mit Kain erlebe, in diese Kategorie. Dabei hätte ich schwören können, dass es sowas im echten Leben nicht gibt. Dass vielleicht ein Prozent aller Beziehungen eines schnulzigen, fluffigen Buches entsprechen und Szenen malen, die so vollumfänglich sind, dass sie vor Romantik triefen und jedem aufzeigen, dass Liebe möglich ist. Selbst dem begriffsstutzigen Protagonisten, der sich längst des Liebesschmerzvergessens verschrieben hat. Wahrscheinlich hätte ich es selbst noch kitschiger geschrieben und das schwebende Gefühl in meiner Brust besser verstanden. Doch dem ist nicht so. Das hier ist die Realität und für mich ist es nicht einfach, nicht fließend. Nicht mal hundertprozentig klar. Egal, welche Auflösung die Bilder haben. Denn der Zweifel ist stark. Die Angst ist präsent. Sie ist immer da und hier, in meinem Elternhaus, ist sie wesentlich stärker. René umgibt mich überall, obwohl er schon lange nicht mehr da ist und zu wissen, wie schnell es geht, etwas zu verlieren, was einem die Welt bedeutet, macht es so viel schwerer, es zu akzeptieren. Dennoch fühlt es sich anders an, schöner, hier und jetzt mit Kain zu stehen. Also mache ich das, wonach sich ein Teil von mir sehnt und drücke ein wenig mehr gegen die Mauern, die mich umgeben. Ich hülle das Gefühl ein, um es nicht zu vergessen, um es zu bewahren. Dann löse mich aus der Umarmung. Kains Augen sind mittlerweile geöffnet und blicken mir sanft entgegen. Er sagt nichts und ich danke es ihm. Ich greife endlich nach meinen Schlafklamotten, die zwischen meinen Beinen klemmen und lege sie auf dem Bett ab. Ich greife nach Kains Rucksack und stelle ihn auf meinem Nachtisch ab. Ich krame das Ladekabel seines Handys hervor und lege es auf dem Schränkchen ab. Ich nehme seine Waschtasche und ein paar Socken. Ein Paar gleichfarbige. Dilettant. Beides werfe ich dem Schwarzhaarigen zu, nicke und trabe ins Badezimmer. Gedankenlesen hin oder her, er versteht meine Einladung. Als ich mir am Waschbecken die Zähne putze, stößt er zu mir. Ich stoppe mit den kreisenden Bewegungen, als er mir einen Kuss gegen die Schläfe drückt und danach nach der Zahnpastatube angelt.
Am nächsten Morgen erwache ich, weil ich davon träume, nackt auf dem Himalaya festzusitzen und Eis zu essen. Mit all der schlafgescholtenen Kraft, die ich aufbringen kann, fuchtele ich mit der Hand in der Luft herum, um einzig festzustellen, dass meine Finger derartig steif gefroren sind, dass plötzlich alles schmerzt. Als ich das gleiche unerklärlicherweise auch mit den Füßen versuche, scheitere ich kläglich. Ich kriege sie nicht mal angehoben. Der Glühwein gestern hat ganze Arbeit geleistet, denn scheinbar war ich so betrunken, dass ich nicht mehr merkte, dass ich kurz davor bin, zu erfrieren und sich bereits Teile meines Körpers verabschiedet haben. Es folgt Phantomschmerz und einfach alles tut weh. Mein Kopf. Mein Rücken. Meine Arme und Beine. Sogar mein Ohrläppchen. Allerdings nur das Linke, jenes, welches nicht ins Kissen gedrückt war. Dabei war ich gar nicht wirklich betrunken gewesen. Sex hatten wir auch keinen und dennoch fühlt sich mein Körper schwer und unbeweglich an. Was vermutlich eine externe Komponente hat, denn so langsam wird mir klar, dass der Kerl, mit dem ich gestern keinen Sex hatte, die Decke okkupiert und seine Gliedmaßen als Anker benutzt. Ich greife hinter mich und ertaste etwas Stoff. Ohne Scheu und jeglichem Mitgefühl zerre ich daran und gewinne die Oberhand. Einfach bei einem schlafenden Gegner. Der Stoff, der nun mich bedeckt, ist angenehm körperwarm. Ich sammele jeden Fitzel zusammen und rolle mich darin ein, sodass nur noch ein paar Haare auf dem Kissen zu sehen sind. Selbst die frieren. Nun ist es an Kain, die Eiszeit zu erleben und er meldet sich erstaunlich schnell mit einem deutlichen Murren. Auch seine Füße bewegen sich, jedoch nicht von mir weg.
„Hey, ... kalt." Auch er tastet rücklings, tätschelt dabei meine Hüfte und hat keine Chance. Ich gebe die Decke nie wieder her. Erst, wenn meine Körpertemperatur um mindestens drei Grad gestiegen ist. Meine brummende Antwort wird von der Bettdecke geschluckt. Ich höre, wie sich Kain neben mir regt, wie die Matratze auf und ab wippt und nun auch die Füße von meinen unteren Gliedmaßen verschwinden. Ich ziehe meine ein und schrumpfe auf die kompakte Größe eines Hamsters zusammen. Die suchende Hand tippt mir mehrfach gegen die Schulter und irgendwann bleibt sie auf meinem Kopf liegen. Ich lasse meine Augen geschlossen und stelle mir vor, wie Kains Daumen über den Stoff der Decke streicht. Das würde das kratzende Geräusch erklären. Langsam und beständig, da sein Körper selbst noch schlaftrunken reagiert. Es dauert weitere Minuten, bis ich einen deutlichen Zug an der Decke spüre und wie sich langsam immer mehr Luftlöcher bilden. Das erste an meinem Hintern. Das nächste an meinem Schulterblatt. Ich brumme ablehnend, kann aber nicht verhindern, dass sich die luftigen Lücken mit einem Festkörper füllen. Ich reagiere erst, als sich Kains stoppeliges Kinn in meinen Nacken presst.
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Between the Lines Chapter 2 - It's more than just words
Romansa[Fortsetzung von Between the Lines - The wonderful world of words} ~Liebe ist eine Herausforderung und das nicht nur in der Dramödie, die sich mein Leben nennt. Sie ist es vor allem dann, wenn einem lange die Überzeugung prägte, das sie nichts weite...
