Option Eins - Standardmodell mit komfortabler Knautschzone -2-

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Kapitel 11 Option Eins – Standardmodell mit komfortabler Knautschzone ~ Teil 2

Ich hadere, werfe das Für und Wider der Nützlichkeit der anstrengenden Diskussion in meinem Kopf hin und her. Eine kontrollierte Konfrontation ist besser als eine ausufernde und erfahrungsgemäß scheitere ich jedes Mal daran, vernünftig zu reagieren, wenn mich etwas überrascht oder überfordert. Aber viel mehr Optionen gibt es nicht. Kurzentschlossen stehe ich auf, so ruckartig, dass Jeff verwirrt zu mir schaut.

„Bin noch mal kurz weg", richte ich an meinen Mitbewohner, „Soll ich dir was aus dem Ökomaten mitbringen?" Jeff schüttelt nur den Kopf und greift sich ein frisches Handtuch aus dem Schrank. Ich schlüpfe in die Schuhe, schnappe mir eine Jacke und stiefele los. Auf dem Weg zum Nachbarwohnheim tippe ich Kain eine Nachricht, teile ihn mit, dass ich in ein paar Minuten unten auf ihn warte und ihn kurz sprechen möchte.

Kain ist noch nicht da, als ich ankomme, also stecke ich mir, aus nervöser Langeweile heraus, eine Zigarette zwischen die Lippen, zünde sie aber nicht an. Sie wippt auf und ab, während ich am Balkenzaun lehne und mit der Schuhspitze Striche in die wassergebundene Wegedecke zeichne. Ich höre, wie sich die Seitentür öffnet und sehe Kain, der sich im Gehen noch die Jacke überstreift. Seine Haare glänzen. Er kam vermutlich gerade aus der Dusche.

„Oww, kommst du extra her für einen Gute-Nacht-Kuss?", stichelt Kain zur Begrüßung und platziert sich neben mir an den Holzzaun.

„Hättest du wohl gern. Bin vor Jeffs guter Laune geflohen. Er wurde flachgelegt und ist folglich unerträglich", erwidere ich. Den eigentlichen Grund spreche ich nicht aus. Kain stupst mich spielerisch mit der Schulter an und nimmt mir mit einem mahnenden Blick den Glimmstängel aus dem Mund, der beim Sprechen auf und ab federte. Kurz schnuppert er am Tabak und rümpft die Nase.

„Glaub nicht, dass ich nicht mitbekommen habe, dass du Silvester geraucht hast. Und zu deiner Information, ein gutgelaunter Jeff ist der beste Jeff. Wurde auch Zeit mit den beiden."

„Ja, ich war den Balztanz auch leid." Ich grinse, während Kain kurz auflacht. Danach lehnt er sich weiter zu mir und wieder berühren sich unsere Schultern. Es ist wie eine stille Aufforderung. Doch ich brauche einen Moment länger, um den richtigen Anfang zu finden. Stiere ich unnötig Drama? Kain ist nicht von der eifersüchtigen Sorte, also interessiert es ihn vielleicht gar nicht. Immerhin ist es nur ein dummer Aufnahmewinkel. Ein Versehen.

„Was ist?", fragt Kain, da er zu Recht langsam misstrauisch wird.

„Auf der Silvesterfeier hat jemand ein Bild gemacht, was man missverstehen kann und hat es bei Instagram gepostet", sage ich geradeheraus, „Es ist nicht das, wonach es aussieht, sondern nur ein unglücklicher Kamerawinkel, aber Jeff meint..."

„Dass du es mir lieber erzählen sollst, für den Fall, dass ich es zufällig herausfinde?", ergänzt er unaufgefordert und fast zutreffend.

„Mehr oder weniger. Ich habe selber entschieden, es dir zusagen. Jeff hat mir das Bild vorhin erst gezeigt und sich tierisch aufgeregt. Ich dachte..." Ehrlichkeit und so, führe ich in Gedanken weiter. Kains Gesichtsausdruck ist in diesem Moment nicht unbedingt lesbar für mich. Er ist ruhig und zeigt keine Anzeichen von Verärgerung oder dergleichen. Aber er sieht auch nicht beruhigt oder amüsiert aus. Stattdessen weicht er fahrig meinem Blick aus und steckt sich die Zigarette hinters Ohr, die er mir eben abgenommen hat. Das alles sorgt dafür, dass ich unaufgefordert weiterrede. „Ich weiß, ich war nicht ganz zurechnungsfähig an dem Abend und du weißt das auch, aber es ist nichts dergleichen geschehen. Das Bild ist einfach nur dumm getroffen", versichere ich dem Schwarzhaarigen mit steigernder Dringlichkeit und schaue ihn direkt an.

„Kann ich es sehen?" Er nimmt die Zigarette zurück in die Hand und dreht sie zwischen seinen Fingern.

„Ich habe es nicht und nein, bitte, fragt auch nicht Jeff." Er würde mir weiter auf die Nerven gehen und mir ein schlechtes Gewissen machen. Kain schnaubt auf.

Between the Lines Chapter 2 - It's more than just wordsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt