Am nächsten Morgen schlug ich meine Augen vor dem Wecker auf. Die Sonne lachte mich an und ich musste lächeln. Ich streckte mich, gähnte und stand auf. Die letzte Nacht war ziemlich kurz, trotzdem fühlte ich mich ausgeschlafen. Ich öffnete den großen Kleiderschrank und entschied mich heute für ein schwarzes Kleid. Dann betrachtete ich mich im Spiegel. Das Kleid war fast knielang, oben eng anliegend und dann ging es unten etwas in die Breite. Meine Beine waren braun von der Sonne. Ich liebte den Sommer. Diese Unbeschwertheit. Nur leider fehlte ein Mensch an meiner Seite, mit dem ich das Leben verbringen und genießen konnte. Wann war ich das letzte Mal so richtig verliebt gewesen? Es war ungefähr drei Jahre her. Leider hatten wir beide zu verschiedene Ansichten vom Leben. Die Gedanken daran schob ich zur Seite. Ich wollte heute gut aussehen. Komischerweise. Ich redete mir ein, dass ich es nur für mich tat. Für wen auch sonst, dachte ich.
In der Küche füllte ich mir Cornflakes mit Milch in eine Schüssel und aß danach noch einen Apfel. Dann packte ich meine Sachen für die Schule zusammen und verließ meine Wohnung. Ich legte meine CD von »The Fray« ein und wählte das vierte Lied aus. »You found me« gehörte zu meinen Lieblingssongs. Leise summte ich mit. Das Lied ging mir unter die Haut. Dann stellte ich mein Auto auf dem gewohnten Parkplatz ab. Beim Aussteigen fühlte ich mich beobachtet. Dort stand sie. An der Wand gelehnt. Sie sah mich an. Julia. Zügig ging ich ins Gebäude und stürmte ins Klassenzimmer. Ich musste noch meinen Unterricht vorbereiten. Erster Block Deutsch. Ich schrieb das Thema »nackt sein« an die Tafel. Meine Schüler mussten alle grinsen. Bis auf Julia. Sie saß dort auf ihrem Platz und starrte mich an. Ich forderte sie auf, sich ein leeres Blatt Papier zu nehmen und aufzuschreiben, was »nackt sein« für sie bedeutete. »Ihr habt 20 Minuten Zeit«, verkündete ich. Einige verzogen das Gesicht. Was da wohl bei rauskommt, dachte ich. Als die Zeit um war, lief ich durch die Reihen und sammelte die Blätter ein. Einige hatten nackte Menschen gemalt, so viel konnte ich sehen. Den Rest der Stunde waren sie mit Aufgaben aus dem Buch beschäftigt. Mit dem Stapel setzte ich mich an den Tisch und schaute die Gedanken durch. Die meisten beschrieben Sex oder gaben Zeichnungen ab. Dann nahm ich das nächste Blatt in die Hand. Rechts oben stand in einer geschwungenen sauberen Handschrift »Julia Wagner« - ich war sehr gespannt, da ich ihre Leistungen noch nicht beurteilen konnte. Ihre Schrift war schön. Ich fing an zu lesen.
»Es ist leicht, seine Klamotten auszuziehen, nackt zu sein und Sex zu haben. Die Leute tun es immer. Aber sich jemanden gegenüber mit seinen Gefühlen zu öffnen, jemanden in den eigenen Geist, in deine Gedanken, Ängste, Zukunft, Hoffnungen und Träume zu lassen... das bedeutet nackt zu sein.«
Das war alles. Und obwohl es nur zwei Sätze waren, war es ausreichend. Mehr war nicht zu sagen. Sie hatte es verstanden. Ihre Aussage wirkte so reif. Ich war begeistert und klatschte lautlos in die Hände. Dann bemerkte ich, wie sie mich beobachtete und plötzlich wurde mir heiß. Und ich wusste, dass es nicht am Wetter lag. Mein Körper spannte sich an und nervös spielte ich mit meinem Kugelschreiber. Dann klingelte es zur Pause. Sie ging mit Nina nach draußen und ich blieb alleine zurück im Klassenraum. Was machte dieses Mädchen mit mir? Ich verstand es nicht. Nach der Pause hatte ich zwei Freistunden. Ich sah mir die anderen Meinungen an, aber las mir immer wieder Julias Text durch. Er sagte alles. Ich räumte die Blätter in meine Tasche, verließ den Klassenraum und ging in Richtung Lehrerzimmer. Als ich um die Ecke bog, knallte etwas gegen mich. Erst konnte ich vor Schreck gar nicht sagen, was es war, doch dann erkannte ich Julia. Sie sah zu mir auf. Sie war vielleicht 5 cm kleiner als ich. Ich roch ihr Parfüm. Mir blieb die Luft weg. »Nicht so stürmisch. Übrigens... schönes Kleid«, hauchte sie mir zu und ging lachend zurück in ihr Klassenzimmer. Sie kam von der Toilette. Ich musste mich an die Wand lehnen. Reiß dich zusammen, sagte ich leise zu mir selbst. Sie ist doch einfach nur ein Mädchen. Ich kannte sie doch auch gar nicht wirklich. Im Lehrerzimmer trank ich ein Glas Wasser. Ich schaute in mein Fach, auf dem »N. Melling« stand. Jeder Lehrer hatte sein eigenes Fach und in meinem sammelten sich schon wieder einige Dinge an. Ich nahm sie heraus und fing an sie zu bearbeiten.
Dann waren meine Freistunden vorbei und ich ging in die zehnte Klasse, um dort Deutsch zu unterrichten. Im letzten Block hatte ich meine Klasse wieder. Dieses Mal in Sport. Da das Wetter schön war, gingen wir raus auf den Sportplatz. Ich ließ sie eine Runde um den Platz laufen. Von den Mädchen kam ein Stöhnen. Sie jammerten: »Bei dem Wetter? Muss das sein?« Lachend schickte ich sie los. Einige Jungs kamen ins Ziel gelaufen. Kurz darauf folgte Julia. Die anderen Mädchen waren noch weit hinter ihr. Jetzt fiel mir ihr Körper auf. Ich mochte, wie sie ging. Sie hatte ein schwarzes Top und eine kurze Hose an. Sie war schlank und ihre Beine waren lang. Sie bemerkte meinen Blick und ich sah beschämend weg. »Brauchen die immer so lange?«, fragte sie nach einer Zeit lachend. Sie wollte die Stimmung auflockern. Dafür war ich ihr dankbar. Ich sah sie wieder an. »Ja, das brauchen sie. Du scheinst ja ziemlich fit zu sein«, stellte ich fest. Sie drehte sich zu mir um.
»Ich war vorher auf einem Sportinternat«, erklärte sie. »Wie toll. Und warum bist du dort nicht geblieben? Ist es zu weit von deinen Eltern entfernt?» Sie sah mich an und ich dachte, sie kann all meine Geheimnisse sehen und lesen. So durchdringlich war ihr Blick. Ruckartig drehte sie sich um und meinte: »Nein, es lag nicht an der Entfernung.« Gespannt sah ich sie an. Sie wusste, dass ich auf eine Antwort wartete. »Es war... es lag...«, stammelte sie und brach den Satz schließlich ab. Sie schluckte. Ich wollte nachfragen, aber dann kamen die letzten durch das Ziel und wir setzten die Sportstunde fort. Die Jungs wollten Fußball spielen, die Mädchen Federball. Ich nahm mir fest vor, sie nach der Stunde zu fragen, ob alles in Ordnung war. Aber ich wartete umsonst vor der Umkleide. Nina sagte mir, dass sie bereits gegangen war.
DU LIEST GERADE
Sturzflug ins Herz || txs
Romance»Ich glaube, ich bin verliebt.« Meine beste Freundin Luisa sah mich mit ausdrucksloser Miene an. »Nele, das ist doch wunderbar. Gibt es doch endlich wieder einen Mann an deiner Seite?« Wortlos schüttelte ich den Kopf und in ihrem Blick erkannte ich...
